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S.P.O.N. - Der Kritiker: Eine Kerze für die Revolution

Eine Kolumne von

Occupy Wall Street (im November 2011): Eine Legion barbusiger Mariannen marschiert durch die Ruinen einer Welt Zur Großansicht
REUTERS

Occupy Wall Street (im November 2011): Eine Legion barbusiger Mariannen marschiert durch die Ruinen einer Welt

Am 17. September wird Occupy Wall Street zwei Jahre alt. Ihre Kritiker geifern seit Anbeginn gegen die Bewegung, sie sei naiv und ohne Ziel und Plan. Sie haben unrecht - Occupy hat uns gezeigt, wie kaputt, grotesk und verzerrt der Kapitalismus ist.

Was ist eigentlich das Problem mit Occupy Wall Street (OWS)? Warum hacken schnabelfreudige Feuilletonisten, wurmstichige Konservative und andere Cheerleader des ewigen Weiter-so besonders gern auf etwas herum, von dem sie selbst sagen, dass es kindisch sei, unpolitisch, naiv, eine antikapitalistische Totgeburt und vollkommen wirkungsloses Straßentheater von verzogenen Bart- und Brillenträgern, die nicht mal wissen, wie man Guy Debord buchstabiert - eine Analysebehauptung des totalen Scheiterns also, die die OWS-Kritiker durch ihre bizarre Besessenheit bereits widerlegen?!

Und was ist das überhaupt für ein Blick auf Politik, auf Geschichte, auf Veränderung, Hoffnung, den Traum vom besseren Leben, der so offensichtlich und so oft verraten wurde - wenn die Leute, die Occupy Wall Street seit zwei Jahren versuchen, zu Grabe zu tragen, immer und immer wieder davon sprechen, dass die Proteste und Aktionen "keinen Plan" und schon gar "keinen Erfolg" gehabt hätten: Ohne dass sie je dabei gewesen wären bei einer der Aktionen oder mit irgendeinem der Aktivisten geredet hätten, ohne dass sie überhaupt wissen, ob zum Beispiel dieser oder jener Hausbesitzer in Brooklyn sein Haus behalten durfte wegen OWS, ohne dass die OWS-Kritiker einen Begriff dafür hätten, was ein "Plan", was "Erfolg" in diesem Fall überhaupt ist?!

Twitter, Kiffen und gute Laune

Haben sie erwartet, dass das große Gebäude Kapitalismus einbricht, dass sich Rauch und Staub legen, wenn die Börsen einbrechen, und eine Legion von barbusigen Mariannen durch die Ruinen einer Welt marschiert, die sie allein mit Twitter, Kiffen und guter Laune zum Einsturz gebracht haben?

Leute, Leute, heute, kurz vor dem zweijährigen Jubiläum von Occupy Wall Street am 17. September, ausnahmsweise mal eine kleine Lektion: So funktioniert das nicht. So geht Veränderung nicht. Und das wisst ihr auch, glaube ich, hoffe ich. Es gibt keinen Revolutions-O-Mat. Es gibt keinen Standardtest für neues Denken. Man kann messen, wie weit ein Speer fliegt, aber nicht, wie weit die Wut trägt.

Doch ihr könnt euch die Häme sparen: Ein paar Veränderungen kann man eben doch sehen, lesen, erkennen - wenn man will.

Denn es ist ja nicht die Erfindung von Occupy Wall Street, dass der Kapitalismus, so wie er seit einer Weile schon funktioniert, "screwed" ist, "fucked up", kaputt, grotesk, verzerrt - die das sagen, sind Journalisten, die für so revolutionsunverdächtige Publikationen wie das "Wall Street Journal" arbeiten oder für "Vanity Fair": Bryan Burrough etwa, der schon Anfang der neunziger Jahre in "Barbarians at the Gate" den Finanzvandalismus beschrieben hat, die potentiell hunnenhafte Zerstörungskraft der Leveraged Buyouts.

Wütend wie nach der Lektüre Chomskys

Oder natürlich der große Michael Lewis, der gerade in einem Interview sagte, dass etwa die Investmentbank Goldman Sachs in einem totalitären System sicher bestens gedeihen würde. Und wie im Kapitalismus Paranoia, Rechtlosigkeit und undemokratisches Denken entstehen, wie Schuld, die ökonomisch entstanden ist, durch juristische Härte gegenüber falschen Opfern exekutiert wird, wie verkorkst und verloren dieses System in vielem tatsächlich ist - das hat Lewis jetzt in einer seiner beeindruckenden Reportage in Vanity Fair geschildert - und nach der Lektüre ist man mindestens so wütend, wie wenn man eines der aktuellen Protestbücher von David Graeber, Noam Chomsky oder Alain Badiou liest.

Eigentlich ist man sogar noch wütender, weil sich Lewis besser mit dem Kapitalismus auskennt - eher beiläufig schreibt er über Goldman Sachs, dass die Bank seit 2007 der griechischen Regierung geholfen habe, ihre Bilanzen zu fälschen und ihre Schulden zu verstecken, und dass Goldman Sachs den Hypothekenhandel extra sträflich schlecht so konstruiert habe, dass die Bank dagegen, also gegen sich selbst, wetten konnte, mit enormem Gewinn für die Bank und maximalem Verlust für alle anderen.

Der Text von Michael Lewis handelt dabei eigentlich von etwas anderem: Es ist das Porträt eines russischen Immigranten, der der Starprogrammierer der Wall Street wurde in einer Zeit, in der die Computer zu den Herren über den Handel wurden und sich die Algorithmen verselbständigten - Serge Aleynikov, so heißt der Mann, wurde, so Lewis, für etwas verurteilt, was die Banken, was das System selbst verbrochen hatte.

Also, liebe Freunde der gepflegten Kapitalismuskritik, liebe Martin Mosebach-Leser, liebe OWS-Hasser: Am Wochenende mal Michael Lewis lesen, am Dienstag eine Kerze für die Revolution anzünden und ein wenig über das manichäische Weltbild nachdenken.

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Kolumne - Der Kritiker
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insgesamt 48 Beiträge
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1. Wie bitte?
Beobachter123 13.09.2013
Zitat von sysopREUTERSAm 17. September wird Occupy Wall Street zwei Jahre alt. Ihre Kritiker geifern seit Anbeginn gegen die Bewegung, sie sei naiv und ohne Ziel und Plan. Sie haben unrecht - Occupy hat uns gezeigt, wie kaputt, grotesk und verzerrt der Kapitalismus ist. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-ueber-occupy-wall-street-eine-kerze-fuer-die-revolution-a-922046.html
Das wollen sie unseren Kindern jetzt aber nicht wirklich als guten Ratschlag und Vorbild mit auf den Lebensweg geben oder?
2. Von nichts kommt nichts
robin-masters 13.09.2013
Hatte vor einiger Zeit auch mal angenommen das Demonstrieren ohne eine bessere Idee von der Welt Zeitverschwendung wäre und naiv. Demonstrationen und mittelmäßige Revolten sind jedoch ein Indikator für Unzufriedenheit mit dem Gesellschaftssystem und regen erst zum Denken und Umdenken an. Ich denke es gab schon immer Revolutionen ohne das man genau wusste was danach kommt nur weil der Grad der Unzufriedenheit sehr hoch ist. Siehe aktuell Nordafrika oder die Geschichte. Fakt ist das eine Revolution ohne Idee ein hohes Maß an Unzufriedenheit in einem breiten Teil der Bevölkerung benötigt um erfolgreich zu sein, das geht mit einer Idee wesentlich einfacher.
3. Nachtrag zu meinem letzten Post:
robin-masters 13.09.2013
solange angeblich 76% aller Deutschen zufrieden sind wird es keine Revolution und nicht mal einen Politikwechsel geben. Diese Menschen gehen wählen und sitzen an den Schalthebeln der Macht.
4. Ach nee, nicht schon wieder...
turnus 13.09.2013
...diese abgehalfterte, formalisierte, ritualisierte und reaktionäre Occupy-Hudelei, bisschen garniert mit inhaltseeren Phrasen, postpubertärer Revoluzzerpose und bisschen pseudointellektuellen Chomsky &Co.-Namedropping. Das ist ja schon fast das gleiche unterirdische Niveau wie die "Im Zweifel links"-Kolumne.
5. Was hat Gauck alles gegeifert?
cato-der-ältere 13.09.2013
Unser Oberdenker und Moralapostel? "Unsäglich naiv" oder was es "albern"?
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Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.

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