S.P.O.N. - Der Kritiker Deutschlands große Konfliktvermeidungsshow

Alle wollen die Pegida verstehen, niemand bietet Paroli. Diskussionsdesaster wie die letzte Jauch-Talkshow zeigen: Muslime werden wie Probleme behandelt, Nicht-Muslime in Jagdbraun wie Patienten.

Eine Kolumne von


Das Peinlichste an der ganzen peinlichen Pegida-Sache waren nicht die Hitler-Bilder und die Hetzsprüche von Lutz Bachmann und auch nicht die abwesenden Augenbrauen von Kathrin Oertel, der "ganz normalen Frau aus dem Volk" - das Peinlichste an diesem Versuch, in Deutschland wieder mal eine Politik in Jagdbraun zu etablieren, war die Selbstaufgabe von Teilen des bürgerlich-konservativen Establishments.

Es wirkte so, als hätten sie nur darauf gewartet, ihre karierten Sakkos und ihr kariertes Denken wieder aus den Schränken zu holen - sie haben dann auch gleich die gesellschaftlichen Sofakissen neu arrangiert und sind als Ganzes nach rechts gerutscht, damit es nicht so auffällt.

Und so fingen sie an zu erklären, zu verstehen, zu differenzieren, wie es eben das geistige Geschmacksbürgertum tut - Gustav Seibt etwa in der "Süddeutschen Zeitung", der im AfD-Quadratschädel Alexander Gauland seinen deutschen Edmund Burke sah, den guten Reaktionär.

Oder die "Frankfurter Allgemeine", die sich in den Kommentaren in immer ressentimentgeladenerer Selbstzerknirschung übt und den Auflagenschwund rechts abfedern will und auf Seite eins die Pegida-Schmeichelei übt und auch im Feuilleton, wo Christian Geyer so einen klugen und temperamentvollen Text gegen Pegida geschrieben hat - auf einmal schwadroniert hier ein weitgehend unbekannter Dresdner Politikwissenschaftler, der sich für Chormusik und Burschenschaften interessiert, darüber, ob der Vulkan des "Volkswillens" bald ausbricht.

Ein völkischer Diskurs

"Anscheinend drängt das Magma unrepräsentierten Volksempfindens und unveredelten Volkswillens allenthalben in Deutschland nach oben", heißt es da drohend in Richtung all derer, die glauben, dass die "tektonischen Geschiebekräfte" der "multikulturellen Einwanderungsgesellschaft" nicht Zeichen eines größeren Umbruchs sind - und dann fordert der Autor noch, das ist ja der Murmelspruch der konservativen Opportunisten, die "Sorge", in diesem Fall "um den Fortbestand vertrauter Kultur", tatam: "ernstzunehmen".

Als ob je jemand, nur zum Beispiel, die Sorgen der Flüchtlinge und Asylbewerber in Dresden und anderswo ernst genommen hätte, wo Fahnen schwingende Horden den 89er-Slogan "Wir sind das Volk" nicht mehr als demokratisches Versprechen, sondern als Drohung brüllen. Es ist ein völkischer Diskurs, der sich hier etabliert.

Warum also ist auf einmal so vieles anders, nur weil die Proteste von rechts kommen: Niemand hat in dieser Form gesagt, man müsse die Sorgen der Kapitalismuskritiker und Occupy-Aktivisten "ernst nehmen", die ja in ähnlicher Zahl wie Pegida auf der Straße waren und immerhin Teil einer weltweiten Bewegung für mehr Gerechtigkeit.

Die deutsche Nach-Hitler-Angst

Oder die Friedensbewegung oder die Umweltbewegung oder die Antiatomkraftbewegung: Nie wurde so schnell erst hektisch ablehnend und dann hektisch anbiedernd reagiert. Und vielleicht ist das ja alles tatsächlich Teil dieser deutschen Nach-Hitler-Angst vor sich selbst, und so wollen sie reden, reden, reden, damit das rechte Denken, das es nicht mehr geben darf, verschwindet.

Vielleicht ist es das völkische Magma, das brodelt und die Panik erklärt - vielleicht zeigt sich aber auch eine tiefe Konfliktscheu in einer Gesellschaft, die immer auf Konsens und selten auf Streit gebaut war: Es ist der volkspädagogische Ton, der die Diskussion bestimmt, der Ton, in dem spätestens seit der therapeutischen Wende der Siebzigerjahre politische oder gesellschaftliche Gegensätze gern kleingeredet werden.

Es gibt ja sogar eine Institution für dieses dauernde deutsche Selbstgespräch, wo es nicht um die großen Fragen der Gegenwart geht: Krise des Kapitalismus, Spaltung der Gesellschaft, globale Gerechtigkeit oder Klimakatastrophe - sondern vor allem um die "Ängste" der "Menschen", das ist überhaupt das Lieblingswort von Günther Jauch und all den anderen, die diese Konfliktvermeidungsshow machen oder bevölkern, dieses sonntägliche Handauflegen und Verstehen.

Rhetorisches Über-den-Kopf-Streicheln

Jedenfalls wenn es um deutsche Wuthorden geht und nicht um islamische Prediger: Die werden bei "Günther Jauch" aggressiv angegangen und mit einem Grundverdacht versorgt. Pegida-Oertel dagegen darf ungestört jeden Quatsch sagen - der Anlass für Pegida, sagte sie am vergangenen Sonntag, waren die "Unruhen in Deutschland", als die kurdische PKK, nicht gerade eine islamistische Vereinigung, eher das Gegenteil davon, versuchte zu verhindern, dass Kurden in Syrien abgeschlachtet werden.

Und was tat Günther Jauch? Er ließ den Quatsch als Wahrheit stehen und fragte lieber, immer nah dran, immer besorgt: "Was sind das für Menschen", die Pegida-Menschen?

Merke: Muslime werden hier wie Probleme behandelt, Nicht-Muslime wie Patienten. Die Sendung jedenfalls bot eine selten einseitige und rechtslastige Runde und war eine einzige große Verstehensverbiegung, die unter normalen Umständen und nach all den anderen gescheiterten Runden der vergangenen Monate das Aus für Jauch hätte bedeuten müssen.

Denn das rhetorische Über-den-Kopf-Streicheln und das dauernde Dialoggedusel führten schließlich nur dazu, dass Jauch selbst klang wie einer jener "besorgten Bürger", die sich beschweren, dass "nichts passiert" und die Asylbewerber nicht schnell genug abgeschoben werden.

Es war, alles in allem, ein trauriges Schauspiel von selbstgeschaffener Ratlosigkeit, die überflüssig war und falsch - gerade angesichts des breiten gesellschaftlichen Widerstands gegen Pegida. Die Sendung war damit typisch für den rapiden Opportunismus der vergangenen Wochen.

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insgesamt 157 Beiträge
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Seite 1
blackmamba67 23.01.2015
1.
Danke, danke und noch mals Danke für diesen Artikel!
bollrock 23.01.2015
2. wir haben einen breiten gesellschaftlichen Widerstand. ...
gegen Pegida....nun ja... jetzt hat das Amtsgericht einen Baustopp in Harvesterhude erlassen. In diesem schönen elitären Stadtteil sollte ein Flüchtlingsheim gebaut werden. Die Begründung des Gerichts . ...besonders geschützter Wohnbereich! Scheint so als wäre Pegida auch in Hamburg nur das dafür niemand auf die Straße gehen muss.
browneyes 23.01.2015
3.
...der jedenfalls um Klassen differenzierter und klüger schreibt als so mancher SPON-Kolumnist, der genau das tut was jener beklagt: das einigen Menschen der Diskurs verweigert wird, weil er wohl nicht genug "verfeinert" ist. Die Meinungsfreiheit ist diejenige der anderen, nicht nur die eigene. Aber was soll's, es geht ja ums recht haben.
dargast 23.01.2015
4.
Schöner Artikel, Herr Diez.
hevopi 23.01.2015
5. Glückwunsch
zum ersten intelligenten Artikel zum Thema "Pegida". Das Gequatsche und die Vorurteile gehen mir schon lange auf die Nerven, jetzt endlich mal "Analyse" und präzise Stellungnahme.
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