Eine Kolumne von Georg Diez
Wann ist eigentlich die Werbung so auf den Hund gekommen? Waren das nicht mal die Leute, die viel Geld verdient und viel Kokain genommen haben und vor allem in Hamburg und München ein schnelles Leben führten? Weil sie so schnelle Ideen hatten, die der Gegenwart zeigten, wo es lang geht? Die IBM-Kampagne von Michael Schirner etwa in den achtziger Jahren oder die Levi's-Werbung in den neunziger Jahren und natürlich Benetton von Oliviero Toscani?
Und heute, in Dümpeldeutschland? Gibt es eine Plakatkampagne für ein Deo, bei der man einen breitbeinigen Astronauten sieht, um den sich ein paar Frauenbeine krallen. Der steile Flieger nimmt sich also die Frauen, wie und wo es ihm gerade passt und besonders gern auf der Abschussrampe, und dazu hat sich irgendein 56-jähriger Praktikant dann so Sprüche ausgedacht wie: Astronauten bringen jedes Mädchen in den siebten Himmel, Astronauten bekommen jedes Mädchen der Milchstraße, Astronauten haben die größte Rakete.
Das ist natürlich wahnsinnig lustig: Dieser lahmen Sexismus-Debatte mal Beine machen - Dirndl, Brüderle, Quote? Fuck off! Wir fliegen ins All!
Aber mal ganz unter uns: Astronauten? Wann war das noch mal das Bild der Zukunft? Als Don Draper sich seinen vorletzten Scotch eingeschenkt hat? Aus welchem Nasa-Welterrettungs-Keller ist denn der Kerl im Raumanzug gekrochen? Ist das nur schlechte Werbung - oder symptomatisch an der Sache vorbei?
Gerede von der übersexualisierten Gegenwart
Der Philosoph Robert Pfaller schreibt in seinem Buch "Zwei Welten": "Die Tatsache, dass seit wenigen Jahren immer mehr Individuen stolz bekennen, dass sie keinerlei Sexualität haben und auch nicht das geringste Bedürfnis danach verspüren, zählt vielleicht zu den merkwürdigsten und paradoxesten Herausforderungen, welche die Gegenwartskultur für ihre Theorie bereithält."
Das mag jetzt etwas akademisch klingen - in der Sache trifft es aber zu. Das Gerede von der übersexualisierten Gegenwart ist Unsinn, daran ändert auch und gerade der Erfolg von "Fifty Shades of Grey" nichts, das war auch nur eine als Unterwerfungsphantasie getarnte Kontaktanzeige: "Suche Mann mit weißem Handtuch um die Hüfte zum Kuscheln". Pfaller spricht vom "postsexuellen Kino", das man gerade wieder auf der Berlinale sehen kann, er spricht von der "braven Abstinenzkunst", die etwa die Documenta mal wieder zeigte, er geht zurück zu der Frage, die etwa zu der Zeit gestellt wurde, in der "Mad Men" spielt und das Apollo-Programm anlief: Was wurde eigentlich aus der befreienden Kraft der Sexualität?
Denn das war ja mal: Gesellschaftliche Sprengkraft, in ihrer ganzen heroischen Schönheit und Lächerlichkeit. Das war ja mal: Kultureller Aufbruch mit allem Skandal-Tamtam und Tabubruch-Jux. Das war ja mal: Eine echte Frage der Macht. Und jetzt? Pfaller, ganz Philosoph, hat auch darauf eine Antwort: "Meine These lautet, dass die heutige Sexualablehnung keine Gegenbewegung auf die Euphorie der sexuellen Befreiung darstellt, sondern vielmehr deren konsequente Fortsetzung."
Der Sieg der Sexualität war also ihr Ende. "Unter den engen, narzisstischen Voraussetzungen einer Kultur der Intimität", schreibt Pfaller, "kann das Ich-Fremde, das der Sexualität, wie der jeder Ordnung, anhaftet, nicht mehr geduldet werden. Es verlangt nach einer Rebellion, in der etwas neues Eigenes sich nun gegen das vermeintlich Heteronome der Sexualität geltend macht: Die Asexualität nimmt nun die Rolle des Authentischen, unzweifelhaft Ich-Gerechten ein und drängt darauf, die als belästigend empfundene Sexualität aus dem öffentlichen Raum zu verbannen."
Gegen das grausame Wirken der Zeit
Es hilft, mit anderen Worten, sich ab und zu die Gedanken von einem Philosophen zurecht bürsten zu lassen - die Frage, ob so eine Deo-Plakatkampagne eher ärgerlich oder überflüssig ist, dreht sich dann leicht um: Es geht, wie immer, darum, die Zeichen des lächerlichen, heroischen Widerstands gegen das grausame Wirken der Zeit zu erkennen, im Guten wie im Schlechten.
Womit wir bei ARD und ZDF wären.
Auch die haben ja eine neue Plakatkampagne gestartet, und die ist derart von dieser ARD- und ZDF-typischen Mischung aus Angst und Selbstgerechtigkeit getragen, dass man die beiden, ARD und ZDF, fast in den Arm nehmen und ein wenig wiegen und sagen will: Es wird alles gut. Wenn die beiden nicht so störrisch wären und für so viel Geld an allem vorbei senden würden, was gut und klug ist, und darauf auch noch stolz sind.
"Wir sind Talk", so heißt das eine Plakat, was mich nach einem kurzen Erschrecken - Ja, richtig, Talkshows gibt es immer noch - zu der Frage gebracht hat, ob es nicht richtig heißen sollte: "Wir sind das Talk". So wie bei "Wir sind das Volk", was doch das historische Vorbild für den Satz ist. Oder ob sie sagen wollen: "Wir sind ein Talk", das wäre die Wiedervereinigungsvariante. Oder auch: "Das Talk hat gesprochen." Oder: "Im Namen des Talk ergeht folgendes Urteil." Oder: Wer hat sich eigentlich diese traurige, solipsistische Bettel-Kampagne für wohlstandsverwahrloste Sendeanstalten ausgedacht?
Sie könnten ja auch sagen: "Wir sind Geldverschwendung" oder "Wir sind Seifenoper" oder "Wir sind Langeweile" oder "Wir sind Product Placement" oder "Wir sind viel zu viele Landesmedienanstalten" oder "Wir sind Altersrückstellungen und Pensionsansprüche" oder "Wir sind Demokratieabgabe". Oder wenigstens "Wir sind Danke", weil sich das doch gehört, bei 7,5 Milliarden, die wir denen bezahlen müssen - das reale Bürger-Wir hier im Gegensatz zum eher konstruierten Günther-Jauch-und-Maybrit-Illner-Wir.
Stattdessen sagen sie auch noch "Wir sind Nachrichten" - und je länger ich über diesem Satz meditiere, desto deutlicher wird: Das ist nicht nur schlechte Werbung, das ist schon Propaganda der Radio-Eriwan-haften Art. Denn seit wann macht man Werbung für etwas, das eh schon alle haben, weil es ein Zwang ist und die Menschen sich gar nicht frei entscheiden können, ob sie es haben wollen oder nicht?
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