Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

S.P.O.N. - Der Kritiker: Mit Vollgas in den Untergang

Eine Kolumne von

Die neue Denkschule der Akzelerationisten lehnt sowohl den Kapitalismus als auch die Kritik daran ab - weil Kritik ihr Objekt doch nur legitimiert. Also predigen sie die schnellstmögliche Zerstörung. Denn nur danach kann Neues entstehen.

Wir leben im Eis der Gegenwart. Wir sind erstarrt in den Gesten und Ritualen des Politischen. Wenn zukünftige Forscher ihre Ausgrabungen anstellen, werden sie uns finden versteinert wie Mammuts und Säbelzahntiger.

Aber schon dieser Gedanke ist allem fremd, von was zum Beispiel CDU und SPD in ihrem Koalitionsvertrag erzählen. Schon diese Spekulation würde ja verlangen, dass man von sich absieht und über seine Zeit, seine Interessen, seine Motive hinausschaut. Schon diese Perspektive erfordert eine anarchistische Freiheit, die in der Erkenntnis mündet: Alles könnte anders sein.

Die Idee der Zukunft gilt als ideologisch verdächtig

Doch das Denken klemmt. Die Idee der Zukunft wurde ja vor längerem schon als ideologisch verdächtig abgestempelt. Die Praxis der Zukunft wurde längst an Unternehmen wie Siemens, Google oder Apple abgetreten. Die Zukunft als solche wurde abgeschafft - nicht von Merkel oder Gabriel, die sind nur Marionetten des Weltgeists: "Der Zusammenbruch der Idee der Zukunft ist nicht das Zeichen skeptischer Reife", schreiben Nick Srnicek und Alex Williams in ihrem "Manifest für eine akzelerationistische Politik", "sondern symptomatisch für die Rückschrittlichkeit unserer Zeit".

Bitte was? Genau: Akzelerationismus. Was um diese Zeit im vergangenen Jahrhundert der Futurismus war, mit seiner Feier von Technik und Tempo, das ist heute diese neue Bewegung der radikalen Beschleunigung, diese Denkschule, die sich gegen den "modischen Anti-Kapitalismus" genauso wendet wie gegen die "in melancholischen und illusionären Meta-Reflexionen gefangenen Linken".

Sie stellen sich damit zugleich links wie rechts einer Linken auf, die kein linkes Projekt mehr hat, weil sie den Begriff der Zukunft aus ihrem Vokabular verbannt hat. Sie sind gegen Nostalgie und für mehr Fortschritt. Sie brauchen keinen Öko-Kaffee aus Nicaragua, um sich gut zu fühlen, sie leben gern in einer Moderne, die manche als kalt bezeichnen würden, "einer Moderne der Abstraktion, Komplexität, Globalität und Technologie".

"Die akzelerationistische Politik", schreiben Srnicek und Williams, "versucht die Errungenschaften des Spätkapitalismus zu bewahren und zugleich weiter zu gehen, als es sein Wertesystem, seine Regierungsgewalt und seine Massenpathologien erlauben."

Folkloristischen Protest-Rituale einer "marginalisierten Linken"

Der Ausgangspunkt dabei ist die Annahme: Wir leben im Zeitalter der Katastrophe, nicht der Krise - und so sucht dieses Denken seinen Ausweg aus Klima-Apokalypse und Kapital-Herrschaft nicht in den bekannten und eher selbstbefriedigenden folkloristischen Protestritualen einer "marginalisierten Linken", sondern im Gegenteil in der Zuspitzung der Verhältnisse.

Wie genau das gehen soll, das werden sie womöglich bei ihrem Kongress an diesem Samstag in Berlin diskutieren - bislang gibt es außer dem Manifest aus dem Sommer nur einen gerade erschienenen schmalen Band des Merve Verlags, in dem der Herausgeber Armen Avanessian recht überzeugend die fatale Logik des dauernden Krisengeraunes analysiert: Die Krise, schreibt er, "ermahnt uns, die konkreten Probleme anzupacken, und nicht einer Vorstellung von Fortschritt nachzuhängen, die sich doch längst als Hirngespinst erwiesen habe. Sie warnt uns davor, in Utopismus zu verfallen oder uns in Spekulationen darüber zu ergehen, wie eine ganz andere Zukunft aussehen könnte."

Der SPD-Mitgliederentscheid etwa wäre demnach keine Sternstunde der partizipatorischen Parteiendemokratie und auch kein politisches Problem, wie Marietta Slomka meinte, sondern einfach ein großes Ablenkungsmanöver: Auf Seite eins der "Frankfurter Allgemeinen" stand am Donnerstag ein Foto jener Berliner Bananenhalle, in der die Briefe gezählt werden - als wäre das der Ort einer Politik, die diesen Namen verdient, als würde dieses Bild etwas bedeuten, als sei das nicht so, als würde man die Nägel zählen, die ein Wirbelsturm aus einem Holzhaus gerissen hat, das nun als Brennholz quer übers Feld verteilt liegt.

Zustand der Schuld ohne die Möglichkeit der Erlösung

Und auch der Protest der knapp 600 Schriftsteller gegen die Datenüberwachung, in der "Zeit" schon als "Wunder" gefeiert, wäre für Avanessian und die Akzelerationisten, wie jede Kritik, eine implizite Anerkennung der Verhältnisse, weil die Kritik die Krise, die sie kritisiert, braucht - ohne die Krise wäre die Kritik nichts, sie "legitimiert ihr Objekt und damit zugleich die Kritisierenden".

Es ist, um ein weiteres Phänomen unserer schockgefrorenen Gegenwart zu nehmen, wie bei der Fixierung des Fernsehens aufs Wetter, Stürme, Fluten, eine Fixierung, die fast obszön ist angesichts der realen Grausamkeit des Klimawandels - oder anders gesagt, es ist die Versenkung in einen Zustand der Schuld ohne die Möglichkeit der Erlösung: Untergangsporno.

"Tranzendentalen Miserabilismus", so nennt das Nick Land, einer der Vordenker des Akzelerationismus - gegen diesen Fatalismus, gegen diese Resignation und Passivität wenden sie sich, gegen die Kritische Theorie der Frankfurter Schule genauso wie gegen den Relativismus einer Postmoderne, die womöglich als linkes Projekt begann, aber als konservatives endete: Wo anything goes, ist nichts mehr möglich.

Das ist eine der Paradoxien unserer Zeit des too big to fail: Wir leben in der Gegenwart des Unmöglichen, also des Nichtmöglichen - jede mögliche Alternative ist verloren an einen Kapitalismus, so schreibt Patricia MacCormack in dem Merve-Band, "für den alles Kommende immer schon der Zerstörung geweiht ist".

Also drücken sie aufs Gaspedal, die Akzelerationisten, um der tatsächlichen Zerstörung rasch näher zu kommen, die erst das Neue ermöglicht. Und das ist schon der erste Triumph dieser neuen Beschleunigungslehre: Endlich ist da wieder ein Denken, das die politische Radikalität mit dem Willen zum Stil verbindet.

Es ist wie Karl Marx mit Spoiler.

Newsletter
Kolumne - Der Kritiker
Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 51 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Und dann?
intensiver.forscher 13.12.2013
Was ist das Neue, das nach der Zerstörung kommt? Unbekannt! Der Ansatz ist mal alles kaputt zu machen ist so trivial, wie er dämlich ist. In einer globalisierten Welt ist Zerstörung kein Randereignis sondern ein massiver Zusammenbruch. Wir sind nicht die Osterinseln oder die Pueblo-Indianer, die Zerstörung der globalisierten Welt findet ohne Ersatz statt. Was einzig möglich ist, ist das mühsame Ringen um Lösungen, das Herausfinden aus Sackgassen und im Moment befinden wir uns definitiv in einer. Die Zerstörung ist sicherlich kein Weg da wieder heraus zu kommen.
2. ein hasardspiel-warum nicht
dieter-ploetze 13.12.2013
der gedanke dahinter ist schon naheliegend.ich denke schon viel zu lang,dass der tropfen zum überlaufen fällt.aber bisher erweist sich der eimer einfach als zu groß.den niedergang forcieren-kein schlechter gedanke,aber natürlich riskant weil alles,wirklich alles au dem spiel steht.da scheint es in konsequenz zu heissen hop oder top.kann also grandios schiefgehen.aber warum nicht.wir sind jetzt in einer situation und richtung die sowieso dem untergang entgegengeht.da kann man schon alles wagen.
3. Sie sind wenigstens ehrlich!
Centurio X 13.12.2013
Denn die momentane zeitgeistige Kulturpolitik, die von Minderheiten bestimmt wird, geht doch genau in diese Richtung, indem die sogenannte Political Correctness wie eine Monstranz von grün/roten Meinungsmachern vorne weg getragen wird. Wenn es sich auch nur auf's Inland zum Schaden der Inländer beschränkt...
4. Das ist doch nicht neu,
rosebud55 13.12.2013
Herr Diez! Es gibt bei jeder Systemkritik auch den Ansatz, der den möglichst schnellenZusammenbruch durch Zuspitzung der Verhältnisse als Lösung sieht. Das wünscht sich sogar auch mancher PIler herbei. Neu ist nur ein weiterer Ismus mit dem sich junge Philosophen und Sozialwissenschaftler Lorbeeren verdienen wollen. Nur, was soll den dann kommen? Vielleicht der Postideologismus? Wobei Kapitalismus keine Ideologie ist, wie der Sozialismus, sondern ein aus anthropologischen Konstanten erwachsenes Prinzip des Wirtschaftens, das die Neigung hat, um es Zeitpopulär auszudrücken, zur Heuschreckenplage zu mutieren.
5. Hallo,
tedtenhoff 13.12.2013
unsere Politiker bemühen sich schon, ein organisiertes gegen die Wand fahren des Systems mit geplantem Neuanfang zu verhindern. Schließlich geht es um ihre Pfründe. Ihre Gegenmaßnahmen sind: Umwandlung der Bundeswehr in eine Berufsarmee, Aufhebung des Verbots des Einsatzes der Bundeswehr im Inland, totale Überwachung potentieller Neuerer. Leider haben die Neuerer schlechte Karten, es sei denn, es gelingt ihnen, ein von Internet und drahtloser Übertragung unabhängiges Kommunikationssystem zu installieren. Denn die Verschlüsselung von in bestehenden Systemen übertragenen Informationen sind mit Sicherheit entschlüsselbar. Leider.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.

Facebook


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: