S.P.O.N. - Der Kritiker Vernunftfeinde

Die Demokratie ist in Gefahr. Nicht weil Tausende vor Krieg und Terror flüchten, sondern weil in der politischen Rhetorik Vernunft durch Angst ersetzt wird.


Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Bei Goya waren das noch Fledermäuse und Eulen und ein Luchs, der schaute, als sei ihm gerade ein Mann mit einem Pferdefuß auf den Schwanz getrampelt.

In der Gegenwart nimmt dieses Ungeheuer die Gestalt eines Immobilienhändlers an, mit einem Ego so groß wie ein wildgewordener Flattervogel und Sätzen, die weit jenseits der Gefilde des Rationalen angesiedelt sind.

Einen "total and complete Shutdown" forderte Donald Trump für alle Muslime, die in die Vereinigten Staaten einreisen wollen, und es waren Worte ohne irgendeinen Bezug zu einer anderen Wirklichkeit als der Paranoia in seinem eigenen Kopf.

Und doch schufen diese Worte, millionenfach wiederholt, eine neue, von Hass und Verdacht durchzogene, medial fabrizierte Wirklichkeit: Wort um Wort öffnet Trump so den Bereich des demokratischen Diskurses für Hetze, Rassismus und Pogrom.

Anders, direkter gesagt: Die Gefahr für die Demokratie besteht nicht in Menschen, die vor Krieg, Not und Terror fliehen, sondern in Menschen, die aus Angst Politik machen.

Die Gefahr besteht in Sätzen, die jene Vernunftvereinbarung aufkündigen, auf die diese Gesellschaft gründet, wie Jürgen Habermas das so klar und optimistisch in seiner "Theorie des kommunikativen Handelns" beschrieben hat.

Wenn aber im Vergleich zu "Donald, the Clown" heute jemand wie Ronald Reagan schon als Leuchtturm der Rationalität gilt - ein Präsident, der seine außenpolitischen Vorstellungen weitgehend an den galaktischen Schlachten von "Star Wars" schärfte -, dann hat die Dämmerung der Vernunft womöglich längst eingesetzt.

Trump, der sich so gern als Super-Amerikaner darstellt, ist dabei vor allem ein hyperkapitalistischer Ego-Shooter, der so gut wie alles, was amerikanisch ist, ins Gegenteil verkehrt.

"We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal", das sind die ersten Sätze der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776, maßgeblich geschrieben von Thomas Jefferson, einem Zeitgenossen Goyas.

In diesen schönen Worten zeigt sich: Es ist das Wesen der Vernunft, dass sie sich selbst erkennt, in ihren Wahrheiten, in ihren Werten, die dann auch keiner Begründung mehr bedürfen.

Die Vernunft schafft sich ihre Ordnung selbst. Die Gleichheit ist so ein vernünftiger Wert, auf der Gleichheit baut alles auf, aus ihr erwächst die Toleranz.

Und jeder Politiker, jeder Forumspöbler, der das Schicksal der Flüchtlinge diskutiert, ohne diese grundsätzlich Gleichheit zu akzeptieren, kündigt damit das Versprechen der Vernunft auf, auf dem die Demokratie beruht.

Das bedeutet aber, dass man bei jemandem wie Björn Höcke gar nicht mehr lange diskutieren muss, ob er rechtspopulistisch ist oder nicht - er ist ein völkischer Hassprediger, ein Feind der Demokratie, ein Feind der Verfassung, weil er Menschen in rassistische Kategorien unterteilt.

Wer wie Höcke vom "lebensbejahenden afrikanischen Ausbreitungstyp" spricht, der Kinder wie Karnickel in die Welt setze - der hat in keiner Talkshow etwas verloren, weil er von sich aus die Grundvereinbarung des demokratischen Diskurses aufgekündigt hat.

Und der muss dann auch nicht, wie es Vernunftfeinden eigen ist, darüber jammern, dass sie irgendwie nicht sagen dürfen, was sie wollen - sie dürfen es, aber nur dort, wo bestimmte Regeln der Logik und des Respektes eingehalten werden.

Wenn man aber Charles Darwin nicht als einen Protagonisten der Aufklärung behandelt, sondern als Stichwortgeber eines biologistischen Rassismus, dann hat man vielleicht auch nichts mehr im Dienste eines demokratischen Staates zu suchen, den man bekämpft so gut es geht.

Es sind "little Trumps" wie Höcke, wie sie der "Economist" in seiner jüngsten Titelgeschichte über die Politik der Angst nennt, die gerade das politische Klima in Europa prägen, von Frankreich bis Finnland, von Schweden bis zur Schweiz, die Niederlande, vor allem aber Polen und Ungarn, wo offen am Faschismus gearbeitet wird.

Nominell sind das alles verwandte rechtspopulistische Parteien, die in die Regierung drängen oder schon in der Regierung sind - tatsächlich ist es aber ein viel grundlegenderes Phänomen, das sich hier zeigt, es ist eine Welle der Gegenaufklärung, die parlamentarische Form angenommen hat.

Sie verbindet eine grundsätzlichere Ablehnung von wesentlichen Elementen all dessen, was im 18. Jahrhundert zur Gestalt des Abendlandes wurde, das diese Politiker doch angeblich bewahren wollen.

Sie sind nicht nur gegen Flüchtlinge, sie sind gegen die Freiheit der Meinung und der Kunst (siehe Polen, wo Theateraufführungen verboten werden, weil sie zu pornografisch sind), sie sind im Grunde auch gegen den Kapitalismus (siehe Front National, der ein sehr national und sehr sozialistisches Wirtschaftsprogramm propagiert), sie sind anti-emanzipatorisch und für eine Art Ständegesellschaft, organisiert nach den archaischen Wahnprinzipien von Volk und Rasse.

Es wird sich zeigen, ob das in Zeiten des Umbruchs nur der Protest der Abgehängten ist und der Ängstlichen, verbunden mit einigen bürgerlichen Opportunisten, ein völkisches Rülpsen, das sich im Lauf der Jahre wieder verliert.

Oder ob sie sich zu einer Gegenrevolution der Irrationalität aufraffen, mit der Konsequenz, dass die Menschen das Korsett der Zivilisation ablegen und wieder zu den Tieren werden, die sie mal waren.

Man muss das so hart sagen, denn die Verachtung der Demokratie ist grundsätzlich - und das Wabern, Verstehen und Relativieren geht ja dauernd weiter.

Und weil sich die Aggressionen der Vernunftfeinde vor allem in der Flüchtlingsfrage zeigen, muss man dort besonders deutlich sein: Es gibt hier keine zwei Extreme, von denen die einen für die totale Zuwanderung sind, so die Verzerrung, und von denen die anderen gegen die Zuwanderung sind.

Es ist anders: Es gibt auf der einen Seite die, die für die Vernunft sind, und auf der anderen Seite die, die dagegen sind.

Und wer für die Vernunft ist, der ist eben auch dafür, Flüchtlinge aufzunehmen. Er kann gar nicht anders, es ist die Konsequenz all dessen, wofür die Herrschaft der Vernunft seit der Aufklärung steht: Gleichheit, Freiheit, Menschenrechte.

Es sind die "unalienable Rights", von denen Jefferson spricht, "Life, Liberty and the Pursuit of Happiness", sie sind nicht an eine Nation gebunden, wie es die Deutschland-Egoisten wollen, sie sind universell gültig.

Die Vernunft lehrt den Menschen übrigens auch, dass seine Spezies am Egoismus zugrunde geht - es liegt im Interesse jedes Einzelnen, dem anderen Gutes zu tun.

Man kann es auch so sagen: Es ist Zeit, dass man sich entscheidet, auf welcher Seite man steht. Auf der Seite der Vernunft oder ihrer Feinde.

Die Demokratie ist eine Regierungsform geboren aus der Vernunft; wenn die Vernunft endet, endet auch die Demokratie.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 184 Beiträge
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Seite 1
candidesgarten 13.12.2015
1. Na großartig
Großartig. Jeder der etwa anführt, der Sozialstaat könne nicht funktionieren, wenn Millionen einwandern ohne dass der Arbeitsmarkt sie aufnehmen könne, der verlässt die Aufklärung. Sonst noch? Und dafür herhalten müssen Gründungsdokumente der USA, jenes Staates also der bei Einwanderung immer schon diejenigen zurückschickte, die er nicht haben wollte. Ja das ist durch und durch überzeugend. Wieso kann ich in so kruder Logik alles erkennen, aber keine Aufklärung?
munterwegs 13.12.2015
2. Leben und leben lassen
Ja, Egoismus kann unsere Spezies zu Grunde richten. Und ja, es sollte daher im Interesse jedes Einzelnen liegen Gutes zu tun. Allerdings befinden wir uns gerade in der digitalen Revolution, bei der für alle individuellen Bedürfnisse gesorgt wird - zumindest scheinbar. Der schöne Schein vernebelt den Blick auf das Notwendige. Die Nachricht: "Kümmert Euch um Eure Mitmenschen und geht dafür Kompromisse ein", lässt sich leider nicht so gut vermarkten. Wenn das so weiter geht, wird es tatsächlich eng für die Demokratie.
ThomasSalzmann 13.12.2015
3. Dann wäre es vernüftig..
Die als ängstlich titulierten mit ins Boot zu nehmen und nicht einfach platt zu machen.Angst zu haben ist nämlich eine vernüftige Sache sie schützt uns vor möglichen Gefahren. Wir spalten die Gesellschft selbst weil wir von vielen Toleranz abfordern die sie nicht bereit sind zu geben.Hier sind wir gefordert so zu handeln das sich alle Zuhause fühlen,was extremes Gedankengut allerdings ausschliesst.
agua 13.12.2015
4.
Eine schöne Kolumne mit einem Apell an die Menschlichkeit. Dass,was den Menschen zum Menschen macht,denn er ist ein soziales Wesen mit Emphatie. Leider sind solche Züge schon zum Schimpfwort geworden,was der Begriff "Gutmensch" deutlich macht. Leider ist eingetreten,was ich befürchtet habe:es gibt Politiker die dieses Denken der Unvernunft salonfähig machen.
bestrosi 13.12.2015
5. gewohnt einseitig
"Es gibt hier keine zwei Extreme, von denen die einen für die totale Zuwanderung sind, so die Verzerrung, und von denen die anderen gegen die Zuwanderung sind." Hat Herr Diez das mal mit seinem Kommentarkollegen Fleischhauer besprochen? Ich gehe ja mit bei der Charakterisierung von Trump und Höcke. Bei der Inanspruchnahme "der Vernunft" für sich selbst bin ich dann schon vorsichtiger. Dann aber zu leugnen, dass es ein anderes Extrem auch gibt, dass es sogar für drei Monate die Politik wesentlich geprägt hat in ihrer Unvernunft, da hört mein Einverständnis auf.
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