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S.P.O.N. - Der Kritiker: Revolution ist sexy

Eine Kolumne von

Sie sehen großartig aus und stürzen Russland in einen Umbruch: Die jungen Frauen von Pussy Riot benutzen die Zeichen des Sexismus, der tief in der russischen Gesellschaft verankert ist - und drehen diesen für ihre Zwecke um. So funktioniert die Erotik der Revolution.

Nadeschda Tolokonnikowa von Pussy Riot: Punk gegen Politik Zur Großansicht
AFP

Nadeschda Tolokonnikowa von Pussy Riot: Punk gegen Politik

Kann es sein, dass Lehrer und Schuhverkäufer, Managerinnen und Hotelfachkräfte, Kellner und Raumfahrtingenieurinnen, Künstlerinnen und Künstler, dass also viele im Westen sich gerade vor allem deshalb für Demokratie und Menschenrechte in Russland interessieren, weil Nadeschda Tolokonnikowa von der russischen Punkband Pussy Riot, genannt Nadja, sehr gut aussieht, generell, aber besonders in ihrem blauen "No pasarán!"-T-Shirt? Ja, sehr wahrscheinlich ist das so. Ist das schlimm? Nein, überhaupt nicht.

Es ist die Art und Weise, wie Menschen, wie Veränderungen, wie Revolutionen funktionieren. Als im Dezember, im Januar und Februar die Moskauer mit weißen Bändern und heißem Herzen gegen Kälte und Putin marschierten, war das eindrucksvoll, es war bewegend - aber es nutzte nichts. Putin gewann die Wahlen, die Aufmerksamkeit war weg, von den Träumen blieb alter Zigarettenrauch zurück und viele schöne Sätze.

Sie waren damals von sich selbst berauscht, die Revolutionäre in den Kneipen und in den Kellern, sie redeten sich in Rage, sie waren schön dabei, die hageren Männer, die wütenden Frauen. Sie glaubten an sich und an das, was sie wollten - es war ein Stadium der Unschuld, der Sehnsucht, des unerfüllten Verlangens, es war eine Erotisierung der Verhältnisse, eine auch sexuell aufgeladene Atmosphäre: "Revolutionen", sagte einer der geschichtstrunkenen Helden im Restaurant Jean-Jacques, "sind Zeiten der wilden Liebe."

Punk und Kunst gegen Politik und Kirche

All das - die Sehnsucht, die Wut, die Wildheit, der Sex - hat sich nun auf Pussy Riot übertragen. Es ist die Energie, von der Nadjas Ehemann Pjotr Wersilow im Interview gesprochen hat. Putin war borniert genug, das nicht zu sehen: Er hat sich das Problem, das er nun mit Pussy Riot hat, selbst geschaffen. Hätte er die Frauen nach ein paar Wochen gehen lassen, die Welt hätte nichts gemerkt.

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Pussy Riot: Punk gegen Putin
So aber hat er für die Medien das perfekte Paket geschnürt: drei schwache Frauen gegen einen starken Mann, Naivität und Unschuld gegen Kalkül und Macht, Punk und Kunst gegen Kirche und Politik. Vor allem aber hat er dem Westen ein paar Bilder gegeben, Ikonen unserer Zeit. Das Foto der Frauen in ihren bunten Masken war noch eine Provokation. Das Foto von Nadja, Maria und Jekaterina im Glaskäfig ist ein Fanal.

Es ist ein ungleicher Kampf, und das macht den Reiz und das Geheimnis des Pussy Riot-Prozesses aus, der ein Symbol ist, das der Westen braucht, um die russische Politik zu kritisieren: Dass es dieses Mal drei junge Frauen sind, spielt dabei eine große Rolle. Revolutionen sind sexy, Protest ist sexy - der Mythos und die Selbstinszenierung von Pussy Riot beruhen wesentlich auf dieser Faszination.

Das war auch die Kraft der sogenannten Riot-Grrrl-Bewegung, die in den frühen neunziger Jahren vor allem in den USA den Feminismus für eine neue Generation neu definierte: Sex war hier auf einmal eine Waffe, Schönheit war etwas, das sich gegen Männer richten ließ - und Pussy Riot benutzten von Anfang an diese Strategie, die natürlich auch eine Medienstrategie ist.

Putin, dieser Macho

Zum Interview im Februar trafen sie sich ganz konspirativ, man verabredete sich an einer U-Bahn-Haltestelle, wurde zu einer Buchhandlung gebracht, musste ein paar Treppen hinuntersteigen: Und dort saßen sie dann zu fünft, die gelben, roten, grünen Masken auf dem Kopf, die sommerlichen Kleider, die sie auch bei ihrem ersten berühmten Auftritt getragen hatten, in der Eiseskälte auf dem Roten Platz, und erzählten von ihrer Wut auf die Gesellschaft, auf Putin, auf diesen Macho.

Schon damals benutzten sie die Zeichen eines Sexismus, den sie zu ihren Zwecken umdrehten. Sie waren ja Puppen, die sprechen konnten und mehr oder weniger gut singen - sie waren zierliche, niedliche Spielzeuge, mit schönen Busen, den die Kleider betonten, mit nackten Schultern und nackten Beinen: Schaut her, ihr traurigen, russischen Frauen, schien dieses Kostüm zu sagen, wollt ihr wirklich so dumm sein, wie ihr ausseht?

Nicht alle Probleme lassen sich mit evangelischer Moral lösen

Sie sprachen über die Uniformierung der russischen Mittelschicht, über die einfachen Träume von Wohlstand und Familie, wie jede Frau nur einen Mann such, der sie beschützt und ernährt und schwängert, wie sie alle die langen Haare offen tragen und die Röcke so kurz, wie sie so mit ihrer reaktionären Hübschheit einen Teil von Putins politischem Programm mit erledigten.

Sie waren ruhig und bestimmt damals, sie waren hübsch in ihrer Verkleidung, man sah zwar nur ihre Augen und ihre Lippen, sie wussten durchaus, dass die Rolle von Frauen bei Revolutionen oder gesellschaftlichen Umbrüchen oft diese doppeldeutige Kraft hat: Eugène Delacroix' Bild der Marianne etwa, die mit blankem Busen für die Freiheit und gegen die französischen Könige zieht. Oder die Femen-Bewegung in der Ukraine, die mit einer sehr sexualisierten Symbolik spielt - und auf eine westliche Öffentlichkeit trifft, deren Bild der osteuropäischen Frau extrem pornografisiert ist.

Denn die Realität von Frauenhandel, männlicher Geilheit und Zwangsprostitution spielt durchaus eine Rolle beim Blick auf die Femen-Bewegung und auch auf Pussy Riot - und es ist ihre Stärke und ihr Erfolg, dass sie den Blick zurück auf die Gesellschaft spiegeln, dass sie die Sexualisierung zu ihren Zwecken nutzen: Wir sehen ein Russland, das wir sonst eher in Umrissen erkennen.

Wir begreifen aber auch, dass sich nicht alle politischen Probleme mit der Logik und der Moral der Evangelischen Akademie Tutzing lösen lassen.

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Kolumne - Der Kritiker
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insgesamt 58 Beiträge
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1. .
frubi 17.08.2012
Zitat von sysopAFPSie sehen großartig aus und stürzen Russland in einen Umbruch: Die jungen Frauen von Pussy Riot benutzen die Zeichen des Sexismus, der tief in der russischen Gesellschaft verankert ist - und drehen diesen für ihre Zwecke um. So funktioniert die Erotik der Revolution. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,850599,00.html
Wenn ein Musiker (sind ja meist die Rapper) Fotze oder eben Pussy sagt, dann ist er ein Rüpel und nun lese und höre ich "Pussy" auf allen Kanälen. Schon irgendwie lustig. Letztlich dient Pussy Riot doch nur unserer westlichen Verachtung für Putin und seine Wähler. Wir können einfach nicht aktzeptieren, dass eben auch sehr viele Leute für Putin stimmen. Putin ist ein Hardliner der übelsten Sorte aber nicht jede Kritik an ihm basiert auf handfesten Argumenten. Im Fall Chordokowski wird immer vergessen, dass Chordokowski in seinem Leben vieles dafür getan hat, dass er so reich und mächtig wurde. Putin hat damals den paar Oligarchen (die das Vermögen selber eingesteckt haben, das waren und sind keine Engel) gesagt, dass die sich aus der Politik raushalten sollen und wäre Chordokowski nicht dermaßen machgeil gewesen, könnte er jetzt weiterhin in seinem Geld schwimmen. Die Aktion von Pussy Riot sind natürlich lobenswert und der Prozess gegen diese Frauen ist lächerlich. Dennoch: was würden wir denn sagen, wenn Putin sich über Prozesse in Deutschland äußern würde? Wir in Deutschland hauen gerne auf andere Länder drauf (oftmals zurecht aber darum geht es nicht) während wir viele Dinge, die in unserem eigenen Land erheblich schief laufen, ignorieren. Es gäbe sovieles, dass in Deutschland kritisiert werden müsste, dass wir dann für Kritik an anderen Ländern keine Zeit mehr hätten. Dazu zählt auch das (viel zu verspätete) Gaddafi-, Mubarak- und Assad-Bashing.
2. Oh je
inhabitant001 17.08.2012
Immer wieder erstaunlich wie desinformiert große Teile der Medien in Sachen Russland sind. Pussy Riot ist ein Thema für einen kleinen Teil der städtischen Elite, der Rest der Russen aber dürfte mit Putin auf einer Linie liegen. So ist keine Revolution zu machen. Auch ist erstaunlich wie wenig Informationen man zu der Aktion von Pussy Riot vermittelt bekommt. Sie haben also in einer Kirche eine politische Aktion gegen Putin gemacht. Soso. Das sie auch wüste Beschimpfungen und Beleidigungen gegen Kirchenhäupter ausgestoßen und mit Schimpfwörtern um sich geworfen haben, und das alles vom Allerheiligsten der Kirche, das man eigentlich nicht betreten darf, erfährt man selten. Da verlören die Damen ja irgendwie ihren Heiligenschein. Ich frage mich was passieren würde wenn ein paar Punks den Hochaltar des Petersdoms stürmen würden und von dort den Papst als Schwein, und die katholische Kirche als Hurenorganisation bezeichnen würden. Ob das auch eine Revolution wäre? Ich bezweifle es. So ungefähr war aber der Tenor von Pussy Riot.
3. sexy-logik
martinxmartin 17.08.2012
jetzt wird die band auch noch auf nur eine von denen reduziert, weil das "schönheitsideal" anscheinend nicht auf alle von denen übertragen werden kann. und wenn es einem nur um sowas, wie "sexy" geht, dann wird er bei den mädels von den "medwedew girls" und den mädels von der "putins army" mehr zu sehen finden. in russland jedenfalls legt man nicht so viel wert auf die "sexy-logik". http://www.youtube.com/watch?v=klcyPNIA698 http://www.youtube.com/watch?v=MOX63QD2MIA
4.
prqc 17.08.2012
Zitat von inhabitant001Immer wieder erstaunlich wie desinformiert große Teile der Medien in Sachen Russland sind. Pussy Riot ist ein Thema für einen kleinen Teil der städtischen Elite, der Rest der Russen aber dürfte mit Putin auf einer Linie liegen. So ist keine Revolution zu machen. Auch ist erstaunlich wie wenig Informationen man zu der Aktion von Pussy Riot vermittelt bekommt. Sie haben also in einer Kirche eine politische Aktion gegen Putin gemacht. Soso. Das sie auch wüste Beschimpfungen und Beleidigungen gegen Kirchenhäupter ausgestoßen und mit Schimpfwörtern um sich geworfen haben, und das alles vom Allerheiligsten der Kirche, das man eigentlich nicht betreten darf, erfährt man selten. Da verlören die Damen ja irgendwie ihren Heiligenschein. Ich frage mich was passieren würde wenn ein paar Punks den Hochaltar des Petersdoms stürmen würden und von dort den Papst als Schwein, und die katholische Kirche als Hurenorganisation bezeichnen würden. Ob das auch eine Revolution wäre? Ich bezweifle es. So ungefähr war aber der Tenor von Pussy Riot.
Ich stimme Ihnen im Wesentlichen zu. Das ist wie mit der Hysterie um Julia Timoschenko - eine reine Mediengeschichte, welche nicht auf die Hintergründe eingeht und zudem Ressourcen von einer glaubwürdigen Berichterstattung in einem seriösen Stil (à la Printausgabe des Spiegel in seinen besten Jahren) abzieht. Wieso nicht eine Geschichte bringen, welche über Europa hinausgeht (aber nicht in das alltägliche Schema "AFP/Reuters-Meldung einfach umschreiben und unsauber recherchieren, und fertig ist die Geschichte zum Präsidentschaftswahlkampf in den Staaten", das Spon leider übernommen hat). Fazit: Eine typische Story, die zum Credo der Berliner Republik (und ihrer Nabelschau) passt - intellektuell arm, aber sexy!
5.
Gungosh 17.08.2012
Wie groß wäre wohl das Interesse der Medien und Medienkonsumenten, wenn es nicht um "Muschi Aufstand" sondern z.B. um eine handvoll Normalbürger ginge? Wahrscheinlich nur eine Randnotiz so wie sonst die Knüppeleien auf Demos etc. 30 Sekunden Entrüstung vs. wochenlangem Medienrummel. Ziemlich verlogen und heuchlerisch, oder?
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Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.
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