Eine Kolumne von Georg Diez
Wenn man Rainald Goetz verstehen will und zum Beispiel 19 ist und in den Nullerjahren keine Drogen genommen hat, weil man im Kindergarten war, dann muss man sich Norbert Lammert vornehmen, das erste von sieben Kindern eines Bäckermeisters, Studium in Oxford, CDU. Eine echte, sympathische BRD-Aufstiegsbiografie, dieser Lammert, der immer gleichzeitig gehetzt und gebückt wirkt, wie er so vor den Kameras davon- oder in die Kameras hineinrennt, auf dem Weg zu seinem Job im Bundestag, wo er Präsident ist und als solcher immer wieder hastig das Wort "Demokratie" sagt, in die Kameras, und "Rechte des Bundestags", in die Kameras. Besonders in einer Woche wie dieser, wo sich die Frage stellt, wer in einer Parallelwelt lebt, Herr Lammert von der CDU oder wir.
Es war, das muss man so sagen, die Woche des Rainald Goetz. Erst behauptete der offizielle Staats- und Regierungssender ARD, der nun auch noch die PR für die Rettung des Euro übernommen hat, dass Griechenland überraschend 17 Milliarden Euro sparen wolle, fünf mehr als gefordert; eine Meldung, mit der die "Tagesthemen" sehr allein dastanden. Denn am nächsten Tag waren die Zeitungen voll davon, dass Griechenland nicht mal die zwölf Milliarden schafft, die die so schön genannte "Troika" vorgibt: Wunder der medial hergestellten Wirklichkeit.
Dann kam die Sondervorführung des offiziellen Staats- und Regierungstheaters von Karlsruhe. Bühnenbild und Kostüme: Top, ein einfühlsamer Monolog des Staatsdarstellers Voßkuhle, der mit vielen Worten elegant Goethes "Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor" und Gerhard Polts "Nix genaues weiß man nicht" verband, was schade war, denn alle hatten sich ja endlich erhofft, dass sie mal erfahren würden, ob die Sache mit dem ESM, was auch immer das genau ist, funktioniert oder nicht oder wenigstens illegal ist. Aber Herr Lammert von der CDU war froh und redete eben von den "Rechten des Bundestags", obwohl man auch genauso gut das Gegenteil behaupten könnte: Wunder der medialen Wortschachteln.
Und schließlich schaffte es Rainald Goetz nicht auf die Shortlist des offiziellen Roman-kommt-aus-dem-19.-Jahrhundert-und-bedeutet-Einfühlung-Komma-Psychologie-oder-höchstens-den-öden-Clemens-J.-Setz-Avantgardismus-Preises, was vollkommen in Ordnung geht, denn die Juroren hatten nur gemerkt, was auch die Kritiker des neuen Goetz-Romans "Johann Holtrop" längst gemerkt hatten, Goetz ist doch keiner von uns, auch wenn wir uns alle Mühe gegeben haben, ihn an den Feuilleton-Busen zu drücken. Goetz hat doch nur so getan, als habe er einen Roman geschrieben, wie wir ihn uns heute, im Jahr 1870, so vorstellen, damit hat er natürlich gegen die offizielle Traufhöhe-Regelung verstoßen, nach der Romane seit einer Weile beurteilt werden: Wunder der medialen Entropie.
Schriftsteller als Muhammed Ali
Und da soll man nicht tun, was Goetz seit jeher tut: Brüllen, brüllen, die alle einfach mal anbrüllen, die Politiker, die Kritiker, mit den Mitteln eines Goetz, der ja als Schriftsteller immer auch Muhammed Ali ist, wie er so herumtänzelt mit seiner Fotokamera, wie er so schreibt, float like a butterfly, sting like a bee, und der seinem furiosen Roman über das Wüten, das Grauen, die Leere der Wirtschaftswelt und also unserer heiteren kapitalistischen Angestelltenwelt das Kampf-und-Kriegs-Motto voranstellt: "Wütend schritt ich voran"!
Goetz ist im Grunde eine literarische Ein-Mann-Opposition, obwohl er sich immer wieder wunderbar verstrickt in den Verhältnissen, weil er doch nicht sicher ist, ob er nicht doch gern dazugehören würde. Er ist eine Wutmaschine, angetrieben von den Zumutungen dieser Welt, fasziniert von den Lügen, Halbwahrheiten, Strategien und von der seltsamen Schönheit der hergestellten Wirklichkeiten, in Fernsehen, Zeitungen, Internet, begeistert verloren in der Sprache dieser Zeit, ein Strudel, der uns forttreibt, wenn wir uns nicht selbst retten. Er versucht das Unmögliche, Kritik mit der erhobenen Faust, vielleicht sogar Kulturkritik, was für ein fürchterliches Wort, aber die Welt der Lammert-Worte, der Miosga-Moderationen, diese Welt ist doch aus Pappe, die muss man doch einreißen können, am besten mit Worten!
Und so funktioniert auch sein Roman "Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft", als Klage, wie sein Roman "Irre" (1983), als Anklage, wie sein Roman "Kontrolliert" (1988). Und es war ein lustiges Spektakel, wie die Traufhöhen-Kritiker, die das Buch verrissen haben, erst die Höhen festlegten, die dieser Roman haben musste, um dann festzustellen, dass er zu hoch, zu wütend, zu kalt sei, dass er keine Figuren habe, die man mag. Dann sollen sie halt um 20.15 Uhr fernschauen, finde ich, wenn das jetzt ein Kriterium ist - es ist ja nicht so, dass Rainald Goetz an der Form Roman gescheitert wäre, es ist vielmehr so, dass Rainald Goetz vorführt, wie eine Welt scheitert, die sich immer mehr in einen Roman verwandelt.
Weil also gerade jeder behaupten kann, was er will, die "Tagesthemen" sagen, die Griechen sparen, die anderen aber sagen, sie sparen nicht, die einen sagen, das Haushaltsrecht liegt beim Bundestag, die anderen sagen, bei den 190 Milliarden wird es nicht bleiben, davon gehen in Brüssel alle aus, weil es eben Festwochen der medial hergestellten Wirklichkeiten sind, die wir erleben im ESMerkeland, deshalb erhält Rainald Goetz, der fiebernde Visionär, hiermit den SPON-Kritikerpreis, dotiert mit einer einmaligen Lektüre seines Romans.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema S.P.O.N. - Der Kritiker | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH