Gewaltdebatte Wir müssen über Rassismus reden

Hier Verschwörung, dort Verständnis: Wie kommt es, dass islamistische Gewalt immer als systematisch beschrieben wird, rechte Gewalt aber als individueller Akt? Die Antwort liegt in der Allgegenwärtigkeit des Rassismus.

Antirassismus-Demo in Berlin
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Antirassismus-Demo in Berlin

Eine Kolumne von


Eine entscheidende Frage dieser Tage ist, gerade nach dem Wahlerfolg der AfD, wie der Rassismus in die Gesellschaft kommt. Oder genauer, wie die Gesellschaft Rassismus schafft, duldet oder fördert.

Die Art und Weise etwa, wie seit einigen Jahren in Deutschland über den Islam gesprochen wird, eine Religion von 1,7 Milliarden Menschen, verteilt auf alle Kontinente und alle Länder, ist, bis in weite Teile der, was auch immer das heißt, bürgerlichen Mitte hinein, ziemlich offensichtlich rassistisch.

Da wird pauschalisiert, da wird nicht der Einzelne gesehen, sondern die Gruppe, da wird ein Feindbild konstruiert, da ist die Rede vom "Kampf der Kulturen", da wird eine generelle Bedrohung gesehen und der westliche Wertekanon beschworen, da wird eine religiöskulturell motivierte Auslöschungsabsicht unterstellt.

"Wir" und "Die"

Dieser Rassismus, definiert als Unterscheidung zwischen "uns" und "denen", wird immer dann deutlich, wenn es einen Anschlag gibt oder eben das, was man zum Anschlag erklärt. Im Juli vergangenen Jahres war das eine Serie von Ereignissen, die in eine Reihe zu passen und eine grundsätzliche Bedrohung zu bedeuten schienen.

Am 18. Juli 2016 griff ein 17-jähriger Afghane in einem Regionalzug Reisende mit einer Axt an und verletzte fünf Menschen schwer. Am 24. Juli zündete ein 27-jähriger Syrer in Ansbach eine Splitterbombe, tötete sich selbst und verletzte 15 Personen, davon vier schwer. Beide Attentäter erklärten, dass sie im Namen Allahs handelten, wobei noch jedes heruntergeladene YouTube-Video als Beleg genommen wird für eine weltweite Verschwörung gegen "uns".

Und am 22. Juli 2016, zwischen diesen beiden als islamistisch eingestuften Attentaten, ermordete in München ein 18-jähriger Deutscher, dessen Eltern aus dem Iran stammen, neun Menschen, 36 Menschen wurden verletzt. Der Täter, das war schnell klar, mordete nicht wahllos, er suchte sich Opfer aus, die fremd oder ausländisch aussahen und doch fast alle Deutsche waren wie er.

Es war eine Tat aus offensichtlich rassistischen Motiven. Oder was kann offensichtlicher sein als der Tag der Tat, der Jahrestag der Mordserie von Anders Breivik, der 2011 in Norwegen 77 vor allem junge Menschen umbrachte und seinen Rassismus und Rechtsextremismus in einem Manifest niederschrieb?

Die beiden ersten Taten nun, und das bleibt eben durch die Frage nach dem grundsätzlichen Rassismus in dieser Gesellschaft relevant, begangen von psychisch labilen Geflüchteten in Extremsituationen, führten zu erregten Diskussionen und den üblichen vorurteilsverstärkenden Talk-Runden über die Gefahr des radikalen Islam - die Tat von München aber wurde erst, der Attentäter hatte ja eine dunkle Haut, eingereiht in die Serie von Anschlägen und dann als Akt eines Mobbing-Opfers präsentiert.

Es ist eine mittlerweile schon eingeübte Routine: Bei islamistisch motivierten Morden oder Mordversuchen, wie auch immer genau sich diese islamistische Verbindung herstellen lässt, sucht man nach einer Verschwörung; bei rechtsextrem motivierten Morden, selbst wenn die Verbindung klar ist, sucht man nach Verständnis.

Auch in den USA lässt sich das gerade wieder beobachten: Der Anschlag von Las Vegas, bei dem 58 Menschen starben und 489 verletzt wurden, wird nicht als Terrorakt eingestuft, sondern irgendwie als Anomalie beschrieben oder als, besonders beliebt, Amoklauf, ein Wort, das im Grunde jedes Nachdenken sofort zum Erlahmen bringt oder bringen soll. Wer war der Mann, was trieb ihn an, fragen die Medien. Es ist klar, was die Tonlage wäre, wenn - wie am 12. Juni 2016 in Orlando - ein Täter mit islamistischen Motiven gemordet hätte.

Terror ist das, was politisch opportun ist

Deutlich wird dabei: Terror ist immer das, was politisch opportun ist. In der deutschen Situation des Jahres 2016 war es so, dass die einen Taten in eine Situation passten, in der eine harte Linie gegen Geflüchtete gefordert wurde, und damit zum Terror erklärt wurden; die andere Tat aber passte erstens nicht in diese Debatte und hätte zweitens zu weit komplizierteren Diskussionen geführt, eben über die Realität des Rassismus in diesem Land.

Terror, das wird weiter deutlich, wird gesehen als etwas Äußerliches, Terror dient geradezu der Abgrenzung von Innen und Außen, von "wir" und "denen". Wer ein Terrorist ist und wer ein Amokläufer, darüber entscheidet die politische Macht und nutzt oder fördert damit gesellschaftliche Angst. Im Fall von München weigern sich die bayerische Staatsregierung und die Ermittlungsbehörden bis heute, die Tat als rechtsradikalen Terror zu bezeichnen.

Drei Gutachter, die von der Stadt München beauftragt wurden, widersprechen nun direkt dieser Einschätzung. Am Freitag stellten sie ihre Ergebnisse vor. "Es ist nicht davon auszugehen, dass die Tat politisch motiviert war", schrieb die Staatsanwaltschaft und das Landeskriminalamt in ihrem Abschlussbericht. Die drei Gutachter sprechen dagegen von der "persönlichen, individualisierten Kränkungsideologie" eines Täters, der sich als "echter Deutscher" beweisen und seine Stadt vor Überfremdung schützen wollte.

Es scheint, dass sich viele Menschen schwer damit tun, das Offensichtliche zu sehen, wenn sie nicht eh politische Motive haben, den Rassismus nicht als Rassismus zu benennen. Es scheint, dass es leichter ist, den Feind außen zu sehen als den Feind innen, in der eigenen Gesellschaft, in der eigenen Realität, aus der Mitte heraus und angetrieben von einem Ressentiment, das eben nicht nur eng umgrenzt den Täter betrifft.

Wenn es rassistisch motivierten Terror gäbe, müsste man sich ja mit diesem Rassismus innerhalb der Gesellschaft wirklich beschäftigen. Und dabei würde man vielleicht feststellen, dass die Art und Weise, wie man auf der einen Seite den islamistischen Terror als etwas äußerliches bezeichnet, das nichts mit dieser Gesellschaft zu tun hat, auf der anderen Seite genau diesen Rassismus fördert.

Terror ist, mit anderen Worten, ein System, das sich manchmal die ausdenken, die einen Feind bekämpfen wollen, und manchmal auch die, die einen Feind brauchen. Pankaj Mishra hat das gut beschrieben in seinem Buch "Das Zeitalter des Zorns". Er sucht darin die Wurzeln der aktuellen Wut und Parallelen zum gegenwärtigen Terror und findet sie zum Beispiel im Nihilismus der russischen Literatur, Dostojewski etwa, und der Täter, die diese inspirierte.

Jede Zeit, sagt Mishra, produziert ihren eigenen Terror und ihre eigenen Terroristen, die sich aber in Motiven und Mustern gleichen. Terror ist damit nichts an sich Überraschendes oder Außergewöhnliches. Terror ist jeder Gesellschaft zu eigen. Das zu sehen, wäre schon mal ein guter Anfang, um ihn zu verstehen.

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insgesamt 73 Beiträge
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asedky 08.10.2017
1. endlich
endlich eine objektive stellungsnahme zu dem thema terrorismus usw.
kurschi 08.10.2017
2. Wir und die
Weitergedacht bedeutet es, wenn man rassistische Gewalttaten als Terrorismus einstuft, müsste sich jeder Bürger, der offen oder stillschweigend zustimmt, selbst zu seiner Einstellung zum Terrorismus hinterfragen, was für viele ein hartes Brot ist. So werden viele, nicht verbundene Einzelfälle jeweils als singulare Taten eines Idioten abgetan. Soweit würde man selbst ja nicht gehen, aber... Die Ursache liegt vor Allem im konservativen Charakter der höheren und höchsten wirtschaftlichen und größtenteils politischen Führungskräfte, die das einerseits für ihre Zwecke instrumentalisieren können in Form von Repressalien gegenüber Bürgern mit Migrationshintergrund, wie auch der Schaffung eines "naheliegenden" Feindbildes (=>Judenverfolgung). Damit kann prima von anderen Problemen abgelenkt werden, wie z.B. der Ungleichheit der Vermögensverteilung, prekärer Beschäftigungen, Altersarmut etc. Hat zur letzten BTW sehr gut funkioniert. Das bedeutet im Klartext: Rechtsterrorismus wurde und wird in DE geduldet und und durch die Instrumentalisierung kann man schon von einer versteckten Förderung sprechen.
chrmayerer 08.10.2017
3. Keine Gewalt ist systematisch
Herr Diez, 80% der Moslems sind friedlich, 80% der Deutschen sind friedlich. Das heisst, werde IS noch NSU sind systematisch. Beide sind kein Vorwand, Vorurtleile rauszublasen. Das heißt aber auch: "Die" müssen genauso über Rassismus reden.
ole#frosch 08.10.2017
4. Das geschriebene trifft so ziemlich genau auf meine Sichtweise.
Es ist immer ein Individuum. Täter suchen sich immer eine Rechtfertigung für ihr Handeln. Das bedeutet nicht, dass die Rechtfertigung tatsächlich der Grund ist. Es obliegt jedem Menschen sich zu entscheiden was er / sie tut. Biographien können zu einem bestimmten Verhalten führen, die Tat ist dann jedoch immer individuell von der Person begangen.
whugo 08.10.2017
5. Simple Erklärung
"Wie kommt es, dass islamistische Gewalt immer als systematisch beschrieben wird, rechte Gewalt aber als individueller Akt? " Das liegt daran, dass sich rechte Gewalt zumeist "nur" individuell gegen einzelne, bestimmte Personen richtet, die den Rechten verhasst sind, islamistischen Gewalttätern hingegen geht es vielmehr darum, möglichst weitreichend und systematisch Schrecken, Angst und Terror zu verbreiten, und zu suggerieren, es könne jeden treffen.
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