Kultur

Demokratie in der Krise

Es braucht eine Revolution der Humanisten

Was tun, wenn soziale Kälte und nationaler Egoismus überall auf der Welt zur Staatsräson werden? Es gibt nur eine Antwort: Wir müssen die Demokratie aus der Defensive holen.

Eine Kolumne von

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Georges Jacques Danton (1759 - 1794) auf dem Weg zu seiner Hinrichtung

Sonntag, 15.10.2017   18:08 Uhr

Wie lebt man in revolutionären Zeiten? Wie geht das? Wie bereitet man sich auf das vor, was kommt? Wussten die Menschen 1789, wie man eine Guillotine bedient? Wussten sie, wie man den Kopf auf den Holzblock legt und wartet, bis das Messer fällt? Haben sie überhaupt darüber nachgedacht?

Woher nimmt man die Kraft, sich vorne in den Bus zu setzen, obwohl dort nur Weiße sitzen dürfen? Was bedeutet es, bespuckt zu werden, nur weil man eine schwarze Schülerin in einer weißen Schule ist? Und wenn die Polizei kommt, mit ihren Schlagstöcken und dem Willen, dich zu prügeln, bis du blutest, obwohl du nur friedlich auf dem Boden sitzt, um zu protestieren, was machst du dann?

Anders gesagt: Wenn sich die Welt gerade so dramatisch ändert wie zuletzt 1989, wenn die Nachkriegsordnung vor unseren Augen Teil für Teil abgebaut wird, als seien es Kulissen eines Stücks, das nicht mehr gespielt wird, wenn, und das ist nur ein Beispiel von vielen, die Unesco von Donald Trump abserviert wird und damit eben symbolisch auch der Ort und die Idee einer gemeinsamen Humanität - wie verhalte ich mich dann dazu?

Die Doktrin der sozialen Kälte

Wie verhalte ich mich zur Doktrin der sozialen Kälte und des nationalen Egoismus, die weltweit zur Staatsräson erklärt wird? Wie verhalte ich mich zu strukturellem Rassismus? Wie verhalte ich mich zur Realität des Klimawandels? Wie verhalte ich mich zur Vorstellung eines möglichen Atomkriegs in Asien? Wie verhalte ich mich zum immer stärker werdenden Opportunismus in diesem Land, weil sich Menschen und Deutsche dabei ganz besonders schnell anpassen an den neuen Lauf der Dinge?

Oder, als leicht marxistische Volte: Ich glaube, es geht heute nicht mehr nur darum, was etwas bedeutet; es geht mehr und mehr darum, was man tut und was man verändert.

Ich weiß, dass ich hier aus einer schwachen, weil in gewisser Weise privilegierten und passiven Position heraus spreche. Natürlich gibt es überall Menschen, die täglich für das kämpfen, was sie für gut und richtig halten, und dabei ihr Leben riskieren. Und es gibt überall Menschen, die nur darum kämpfen, genug Essen auf dem Tisch zu haben.

Aber es gibt eben immer Momente des Aufwachens. Das Leben ist ein Kontinuum, bis es das nicht mehr ist. Manchmal ist es ein Telefonat, manchmal ein zufälliges Treffen, ein Gespräch, ein Bild, eine Beobachtung. Wie kann man Jahre und Jahrzehnte im Schatten der Wahrheit leben, ohne sie zu sehen? Veränderung ist schleichend, bis sie da ist.

James Baldwin hätte über uns gelacht, schrieb mir ein Freund, mit dem ich mich über all das unterhalten habe, und er hat natürlich recht: Baldwin, der klare, kluge, verletzte, mutige Baldwin, der in seinen Texten von den Fünfziger- bis Achtzigerjahren wieder und wieder vom andauernden Bürgerkrieg des weißen gegen das schwarze Amerika erzählte und der so ein wichtiger, ja ein Schlüsselautor unserer Zeit ist, dieser Baldwin, der gelitten hat und gekämpft, hätte uns ausgelacht.

Aber was heißt das? Es heißt doch nur, dass wir, der Freund und ich und wer sich gerade noch von diesem Wir angesprochen fühlt, nicht gelernt haben zu kämpfen für das, was wir für richtig halten, so wie Baldwin es tat und in seinen Essays beschrieb. Und dass wir mit denen reden müssen, die gelernt haben, für das Gute zu kämpfen, Aktivisten, Geflüchtete, Schwarze, die Verdammten dieser Erde, wie Frantz Fanon gesagt hätte.

Huch ist auch keine Haltung

Es heißt, dass wir angesichts der autoritären Anwandlungen im In- und Ausland, angesichts der demokratischen Defensive und einer Weltgeschichte im Schleudergang die Ratlosigkeit und die Lethargie abschütteln und uns in unserer eigenen Erschlafftheit erkennen müssen - also auch das Erbe einer Postmoderne, die im Zynismus gestrandet ist, obwohl sie woanders anfing.

Eigentlich wussten wir es ja besser, Kinder des 20. Jahrhunderts und einer vielfach gebrochenen Erzählung der Moderne - aber irgendwie haben wir es verdrängt, irgendwie haben wir uns in diesem naiven Glauben an die Emanzipation durch die Zeiten verloren, irgendwie sind wir nicht vorbereitet. Aber zum Jammern ist es zu spät, und huch ist auch keine Haltung.

Die Welt jedenfalls, wie wir sie uns vorstellten, als einen Ort, der durch Reisen, Handel, Vernetzung immer besser und besser wird, diese Welt, das rufen uns die Rechten und die Autoritären und die Demokratiefeinde jeden Tag entgegen, ist nicht die einzig mögliche Welt - im Gegenteil, und das ist der liberale Schock, der immer noch nicht ganz angekommen ist: Der Widerstand gegen diese Welt ist stark und heftig und längst im Gange.

Das Schneidige, der Druck und die Dynamik, all das kommt seit Jahren von rechts - die "transgressive Energie", so nennt es der Politikwissenschaftler Peter Pomerantsev von der London School of Economics, die Lust an der Grenzüberschreitung also, die seit den Sechzigerjahren ein Privileg der Linken war, durch Sex und Witz, mit Pop und langen Haaren, diese Grenzverletzungen finden heute fast ausschließlich auf der Rechten statt.

Die neuen rechten Clowns

Die Ordnung, die die Ordnung der Welt zu sein schien, eine gemeinsame Moral und ein grundlegender Humanismus, all das wird von den grausamen "Clowns", so nennt Pomerantsev die neue Clique der populistischen Politikdarsteller wie Trump oder Farage oder Putin, einfach weggefegt - die Verheerungen allerdings finden nicht nur in der Welt statt, sondern auch in den Köpfen und Herzen der Menschen, die sich dem "unendlichen Spaß" ergeben, wie es der Schriftsteller David Foster Wallace beschrieben hat, Politik als Karneval.

Sein Roman mit diesem Titel, "Unendlicher Spaß", "Infinite Jest", erschien 1996, und die Probleme der Gegenwart reichen in vielem in diese Zeit zurück, die Neunzigerjahre, das Jahrzehnt, in dem die, die nun an die Macht kommen in Politik, Wirtschaft, Medien, sozialisiert wurden - mit dem Geist einer Postmoderne, die selbst nur noch ein Zitat ihrer selbst war und jede Schärfe verloren hatte.

Es schien eine sonnige Zeit, Wirklichkeit und Wahrheit waren abgeschafft und damit letztlich auch die Politik, die eine Verbindung zwischen beidem herstellen hilft, der Welt und dem Menschen - es war aber auch egal, ob Lüge oder nicht, ob wirklich oder virtuell, die Geschichte war an ihr Ende gekommen, wir, das heißt der Westen, das heißt angenommen alle, hatten gewonnen.

Die Postmoderne als solche ist dabei nicht das Problem, eher die falsch verstandene und verschleppte Postmoderne, die die Linke erledigte, indem sie scheinbar triumphierte, und sich dabei leicht in ein neoliberales Projekt verwandeln ließ, das eine weichgespülte Generation hinterließ, die vergessen hatte, ob sie jemals etwas gewollt hatte.

Es geht nun darum, um mit Pomerantsev zu sprechen, der Energie von rechts etwas entgegenzusetzen, Ideen, Visionen, einen Willen, sich nicht verdrängen zu lassen. Es werden unangenehme Jahre sein, aber James Baldwin, wie gesagt, hätte gelacht und gesagt, ja, es waren bislang 450 unbequeme Jahre.

Demokratie, mit anderen Worten, war immer Kampf und tägliche Arbeit. War immer Denken und Handeln zugleich. Was heute fehlt, so scheint es mir oft, ist das katastrophische Bewusstsein, aus dem sich erst eine Utopie entwickeln lässt.

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