Eine Kolumne von Georg Diez
Am Ende sind es doch die Frisuren. Frisurkritik ist Kulturkritik, das wusste schon Adorno. Und wenn heute Fußballer den Raum betreten, dann riecht es nach Haargel.
Sie scheinen fast zu schweben, wie sie sich da durch den Flughafen bewegen, zum Beispiel die Spieler des FC Bayern. Der kleine Shaqiri löst sich aus einer Gruppe von Menschen, die ihn befragt und fotografiert und bestaunt hat, diesen 21-jährigen Jungen mit kunstvoll hochgestellten Haaren, stachelig und spitz ist diese Frisur und dabei doch weich, weil alle Ästhetisierung des Mannes, auch 2012, noch eine Feminisierung bedeutet. Und gerade Fußballer, seltsam eigentlich, sind da weit vorn.
Holger Badstuber ist der Nächste, er schlenkert lässig zur Sicherheitskontrolle, die er so leicht passieren wird wie die Schweden, die ihn am Dienstag einfach stehen ließen, er hat die Hände leicht abgewinkelt, wie immer, wenn er läuft, er schaut in die Welt mit diesem Badstuber-Blick, als habe er gerade einen Ball ins Gesicht bekommen oder im Gegenteil das Paradies gesehen mit seinen 99 Jungfrauen. Sein grauer Anzug steht ihm extrem gut - wie man überhaupt sagen muss, dass die Fußballer die bestangezogenen Leute hier im Sicherheitsbereich sind, weit und breit.
Die Wahrheit ist nicht mehr auf dem Platz
Sie sind eine Mischung aus Boygroup, CEOs und Diplomatenkindern, wie sie da für ihren Business-Class-Flug einchecken, Toni Kroos mit Haar für Haar zurechtgelegtem Seitenscheitel, Claudio Pizarro eher Typ Herzensbrecher als Mittelstürmer, der mächtige Daniel van Buyten mit seinem mädchenhaften Haarreif. Wir haben schon gewonnen, sagt ihre Pose, wir sind die Masters of the Universe, sagt ihre Frisur - es ist auch im Grunde egal, dass sie in Weißrussland verlieren: Wenn sie zurück fliegen, tragen sie wieder ihre Anzüge und ihr Lächeln und die Strähnen und schauen blendend aus.
Was das mit dem epischen, lachhaften 4:4 gegen Schweden zu tun hat? Dem Spiel, das der "taz" wie eine Art Gottesbeweis erschien, wie eine biblische Fügung, wie ein Gebet; dem Spiel, das die Nationalspieler nahezu verstummen ließ, Schalter umlegen, Schalter umlegen, stammelten sie danach in die Kameras; dem Spiel, das auch Beckmann und Scholl in ein Loch des Schweigens stürzte und damit ein so angenehmes, aufregendes Vakuum erzeugte im steten Lauf der Fernsehdinge - ein poetischer Akt fast?
Es war dieses vergebliche Ringen um Erklärungen, um Rationalität, das sie hier vorführten, weil sie gewohnt sind, dass es klappt; es war dieses Vernunftsschauspiel, das sie hier ad absurdum führten, weil sie demonstrierten, wie künstlich und kindisch es ist, immer und überall Erklärungen zu erwarten: Gesellschaftlich gesehen steht es gerade sehr oft 4:4, Euro-Krise, Rentenkasse, Alterspyramide - vielleicht ist das ein Grund dafür, dass man sich überhaupt anhört, wie Fußballer ein Spiel erklären, das man gerade selbst gesehen hat.
Hoffnungslose Romantik
Der Siegeszug dieser selbstbewussten, sehr anderen Fußballer begann 1995 mit dem sogenannten Bosman-Urteil - der globalisierte Kapitalismus, der damals noch nicht so hieß, zog damit in die Bundesliga ein: Und was anfangs so heftig kritisiert wurde, weil es angeblich das Wesen des Spiels zerstörte, das darin bestand, vor allem Spieler aus der eigenen Stadt oder dem eigenen Land in der Mannschaft zu haben, war im Grunde ein Akt der Befreiung, ein Abschied von Blut und Boden sozusagen. Denn wer sagt denn, dass man einen Spieler aus Giesing mehr lieben muss als einen aus Ghana?
Eine neue Art von Spieler und auch eine neue Art von Spiel war geboren: Der Sport als Show, der Sportler nicht nur als Star, sondern als Darsteller, komplett mit Story, Drama und eben Kostüm. Dazu gehören die gut geschnittenen grauen Anzüge des FC Bayern, dazu gehört als Rückfall in identitäre nationale Zeiten der Streit darum, ob Nationalspieler die Hymne singen sollen, dazu gehört die Frage, ob Spieler heute zu nett sind und ob es zu wenige "Arschlöcher" auf dem Feld gibt - Spieler wären das nach dieser Logik, denen ihre Frisur nicht so wichtig ist wie Shaqiri oder Kroos.
Das ist natürlich hoffnungslose Romantik. Das Schweden-Spiel ließ eben deshalb alle so erschüttert zurück, weil deutlich wurde, wie sehr die Fußballer tatsächlich Teil ihrer Gegenwart sind. Und da erfindet man sich Geschichten, da baut man sich ein Leben, da konstruiert man seine Erscheinung, da hat man Frisuren. Auch darin liegt Freiheit.
Es bedeutet aber: Die Wahrheit ist nicht mehr auf dem Platz.
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