Eine Kolumne von Georg Diez
Leben, das macht es manchmal so kompliziert, wird ja nach vorne gelebt und nach hinten erinnert. Dazwischen klafft etwas auf, was wir die Gegenwart nennen, in Wahrheit ein riesiges Loch, in das wir Dinge schaufeln, Worte, Gedanken, Lügen, Träume - die Frage ist doch aber, was mit all dem dort unten geschieht, am Grund des Lochs, in dem wir unsere Zeit versenken?
Ich schaufle vor allem Worte dort hinein. Und ein paar von denen werde ich jetzt wieder hervorholen, ich werde sie hier hinstellen, ich werde sie nebeneinander aufbauen, so wie ich das auch mit den Bauklötzen meines Sohnes mache, und wenn ich fertig bin, dann können Sie und ich diese Worte zusammen anschauen, und die Frage wäre dann, ob wir zum Beispiel etwas von 2012 darin erkennen.
Hier zum Beispiel, der wundervolle, unterschätzte George Saunders, "I CAN SPEAK!". Erzählungen, Liebeskind Verlag: "Niemand kann die Gedanken eines Babys lesen. Jedenfalls noch nicht. Obwohl wir wahrscheinlich schon daran arbeiten! Was der I CAN SPEAK! jedoch kann, ist: vertraute akustische Muster erkennen und auf diese Muster so reagieren, dass Ihr Baby älter wirkt. Angenommen, das Baby sieht einen Pfirsich. Wenn Sie oder Mr. Faniglia (ich hoffe, ich trete Ihnen da nicht zu nahe) mit lauter Stimme etwas Ähnliches sagen würden wie: 'Was für ein leckerer Pfirsich!' könnte der I CAN SPEAK!, wenn er das durch das Loch hört, durch dieses kleine Langloch am Hals, darauf reagieren, indem er so etwas sagt wie: 'ICH MAG PFIRSICH.' Oder: 'ICH WILL PFIRSICH.' Oder, wenn Sie den ICS2000 gewählt hätten (was Sie nicht getan haben, Sie haben den ICS1900 gewählt, was völlig in Ordnung ist, vollkommen hinreichend für die meisten Babys), könnte der I CAN SPEAK! sogar etwas antworten wie: 'OBST, IST DAS NICHT EINE DER HAUPTNAHRUNGSMITTELGRUPPEN?'"
Worauf dann der verblüffende, niemals unterschätzte Psychologe und Wirtschafts-Nobelpreisträger Daniel Kahnemann, "Schnelles Denken, langsames Denken", Siedler Verlag, antworten würde: "Wenn Sie wissen möchten, was Ihr Körper tut, während Ihr Gehirn schwer arbeitet, sollten Sie zwei Bücherstapel auf einem robusten Tisch aufbauen; auf einem davon platzieren Sie eine Videokamera, und auf den anderen stützen Sie Ihr Kinn auf. Schalten Sie die Videokamera ein, und starren Sie in die Kameralinse, während Sie die 'Eins addieren'- oder 'Drei addieren'-Übungen machen. Später finden Sie in der sich verändernden Größe Ihrer Pupillen ein getreuliches Protokoll ihrer mentalen Anstrengungen."
Einen Schritt weiter geht da der Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt, der den antiken Philosophen Lukrez noch mal gelesen hat und daraus das großartige Buch "Die Wende - Wie die Renaissance begann" gemacht hat, Siedler Verlag: "Was für einen Nutzen hat ein Gott, der sich nicht für Strafen oder Belohnung interessiert? Lukrez insistiert, dass solche Hoffnungen und Ängste eine giftige Form des Aberglaubens sind und zu gleichen Teilen eine absurde Arroganz und eine absurde Furcht vereinen. Wenn wir uns vorstellen, dass die Götter sich tatsächlich dafür interessieren, was das Schicksal der Menschen angeht oder ihre religiösen Rituale, sagte er, dann ist das eine sehr vulgäre Beleidigung - als ob das Glück der Götter von ein paar von uns hingemurmelten Worten oder von unserem richtigen Verhalten abhinge."
Der geniale Ich-Reporter John Jeremiah Sullivan, "Pulphead", Suhrkamp Verlag, sagt es, in etwas anderem Zusammenhang, so: "Wie sonst kann man über Michael Jackson reden, als dass man Prince Screws erwähnt? Prince Screws war Sklave auf einer Baumwollplantage in Alabama. Nach dem Bürgerkrieg wurde er Pachtbauer, wahrscheinlich auf dem Land seines ehemaligen Herrn. Sein Sohn Prince Screws Jr. kaufte eine kleine Farm. Dessen Sohn wiederum, Prince Screws III., verließ zur Zeit der Great Migration, als Millionen Schwarze aus den Südstaaten abwanderten und in den Industriegebieten des Nordens seßhaft wurden, die alte Heimat und ging nach Indiana, wo er Arbeit als Schlafwagenschaffner - als einer der sogenannten Pullman Porter - fand. Hier wurde die Ahnenreihe unterbrochen. Dieser letzte Prince Screws, der in den Norden gegangen war, hatte keine Söhne. Dafür zwei Töchter, Kattie und Hattie. Kattie brachte zehn Kinder zur Welt, der achte ein Junge namens Michael, der seine eigenen Söhne Prince nennen sollte, zu Ehren seiner Mutter, die er vergötterte, und als Zeichen der Rückbesinnung. Den lächerlichen Spitznamen, den ein weißer Mann seinem schwarzen Sklaven gegeben hatte, so als würde er einen Hund taufen, verlieh nun ein schwarzer König seinen hellhäutigen Söhnen und Erben."
Ganz anders die mutige Kriegs-Reporterin Janine di Giovanni, "Die Geister, die uns folgten", Berlin Verlag, über ihre Zeit in Bosnien: "Die Liebe war so einfach in jenen Tagen. Zum letzten Mal in meinem Leben liebte ich jemanden so leicht, ohne Schwierigkeiten, Schuld, Drama oder Verzweiflung, wenn es Zeit wurde zu gehen. Es war so mühelos, sich im Krieg zu verlieben, vielleicht weil die Welt um uns herum so chaotisch war."
Auch Gaito Gasdanow bringt Krieg und Liebe zusammen, wieder anders, seinen phantastischen Roman "Das Phantom des Alexander Wolf", Hanser Verlag, beginnt er so: "Von allen meinen Erinnerungen, von all den unzähligen Empfindungen meines Lebens war die bedrückendste die Erinnerung an den einzigen Mord, den ich begangen habe", was natürlich ein guter Anfang ist; und er endet so: "Vom grauen Teppich, der den Boden dieses Zimmers bedeckte, schauten auf mich die toten Augen des Alexander Wolf." Und weil dazwischen so viel Ungeheuerliches und völlig Normales passiert, aufgeschrieben in der schönsten Sprache seit langem, sollten Sie sich dieses Buch, gern auch die anderen, ruhig kaufen, es lesen, verschenken, aber das nur am Rand.
Es bleibt trotzdem kompliziert: Zu sagen, was das nun war, 2012, leicht oder schwer. Es ist ein wenig wie bei Leanne Shapton, "Bahnen ziehen", Suhrkamp Verlag, sie hat das letzte Wort: "Wasser ist elementar, es ist das, woraus wir gemacht sind, wir können weder im noch ohne Wasser leben. Der Versuch, zu definieren, was mir Schwimmen bedeutet, ist, wie eine Muschel zu betrachten, die in einem Meter Tiefe in klarem stillem Wasser liegt. Da ist sie, scharf und konturiert, doch sobald ich nach ihr greife, die Oberfläche durchdringe, wird sie vom Kräuseln fragmentiert. Aus einer Muschel werden fünf, fünfundzwanzig Muscheln, kleinere und größere, und ich taste mich blind vor nach dem, was ich ganz klar gesehen hatte, bevor ich versuchte, danach zu greifen."
George Saunders: "I CAN SPEAK!"; Liebeskind Verlag (hier bestellen)
Daniel Kahnemann: "Schnelles Denken, langsames Denken"; Siedler Verlag (hier bestellen)
Stephen Greenblatt: "Die Wende - Wie die Renaissance begann"; Siedler Verlag (hier bestellen)
Jeremiah Sullivan: "Pulphead"; Suhrkamp Verlag (hier bestellen)
Janine di Giovanni: "Die Geister, die uns folgten"; Berlin Verlag (hier bestellen)
Gaito Gasdanow: "Das Phantom des Alexander Wolf"; Hanser Verlag (hier bestellen)
Leanne Shapton: "Bahnen ziehen"; Suhrkamp Verlag (hier bestellen)
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