S.P.O.N. - Der Kritiker: Hefte raus zum Opfer-Täter-Diktat!

Eine Kolumne von Georg Diez

"Unsere Mütter, unsere Väter": In den Ruinen der Menschlichkeit Fotos
ZDF

Fernsehen, das man mögen kann oder nicht? Nein, in Deutschland muss eine TV-Serie über den Zweiten Weltkrieg natürlich ein volkspädagogisches Projekt sein. Umso übler, dass "Unsere Mütter, unsere Väter" mit sehr viel Gefühl eine uralte Opfer-Täter-Verkehrung wieder hervorzaubert.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen ging, aber ich fühlte mich ein bisschen so, als wäre ich aus dem Zimmer schon raus, auf dem Weg in die Sonne, an die frische Luft, und da kommt jemand und packt mich am Kragen und zerrt mich in das Zimmer zurück. Dunkel und stickig ist es dort. Aber es ist deine Pflicht, zischt da eine Stimme, du musst dir das anschauen, und ein wenig klang da auch Sadismus mit, der ja oft die andere Seite des Masochismus ist.

Ich war schon so lange in diesem Zimmer, sagte ich, ich weiß sehr gut, was passiert ist.

Nichts weißt du, sagte die Stimme. Denn: So war es wirklich! Das hast du noch nie gesehen! Nicht in Farbe und nicht um 20.15 Uhr! Der Krieg war grausam! Deutsche haben Juden erschossen, einfach so! Deutsche haben Partisanen erschossen, ohne Mitleid! Deutsche haben Schreckliches getan, denn der Krieg macht das Schlechteste aus den Menschen!

Ja, sagte ich, ich weiß, ich habe "Apocalypse Now" gesehen und "Die durch die Hölle gehen" und auch "Die Brücke"von Bernhard Wicki über den Zweiten Weltkrieg, der hat schon 1959 beschrieben, wie schlecht und schuldig selbst Unschuldige werden im Krieg, das ist das Wesen des Krieges - was genau soll ich jetzt bitte verstehen, lernen, einsehen?

"Täter sind Opfer, und Opfer sind Täter."

Wie bitte?

"Täter sind Opfer, und Opfer sind Täter."

Aber Täter sind Täter, sagte ich, das ist das Wesen der Tragödie, seit Ödipus seinen Vater erschlagen hat.

Doch da saß ich schon vor dem Fernseher, wie die Millionen anderen Deutschen, die zusammengetrommelt worden waren, um sich "Unsere Mütter, unsere Väter" anzuschauen, den Dreiteiler, den Nico Hofmann produziert hat, um mit der "unglaublichen Schuld-Sühne-Pädagogik" Schluss zu machen, um zu zeigen, wie "fehlgeleitet unsere historische Aufklärungsarbeit gewirkt hat", um zu erklären, dass die Gründung der Bundesrepublik "unter einer unfassbaren Komplettverdrängung" stattfand, und damit meinte er natürlich nicht den Mord an den Juden, sondern die "unmittelbar persönlichen Erfahrungen und Emotionen der Deutschen".

Immerhin: Kein Gehitler

Der Film selbst erzählt von alldem eher holzschnittartig und in Stereotypen. Es ist 1941, das Jahr acht also der Hitler-Herrschaft - der "Führer" selbst ist in dem Film einerseits angenehm abwesend, weil man sich nicht das angestrengte Gehitler eines Großschauspielers anschauen muss, andererseits fehlen bei dieser Beschränkung auf die Jahre 1941 bis 1945 und auf die Kriegserfahrung doch die wesentlichen Elemente, die zeigen könnten, wie Menschen verführt werden oder gar nicht verführt werden müssen, weil sie gut sind oder schwach oder schlecht, was in diesem Fall heißt: antisemitisch, nationalistisch, habgierig.

Das Vorher interessiert aber Hofmann nicht, nicht das System, nicht der Fanatismus und wie er entstanden ist, und im Grunde ist sogar der Krieg, ist die Euphorie, die Geilheit, das Gehorchen, der Opportunismus, das Denunzieren, das Frieren, das Warten, das Morden, im Grunde also sind die ganzen viereinhalb Stunden "UMUV", wie es die Kinder eines Freundes genannt haben, nur Vorspiel für das, was ihn wirklich interessiert: die "Diskussionen", wie er es nennt, die "persönlichen Geschichten".

Es war also, und vielleicht kann das in diesem Land auch nie anders sein, ein volkspädagogisches Projekt. Deshalb ist so ein Film wie "UMUV" auch nie einfach ein Film, den man sich anschaut oder nicht, den man mag, weil er wenigstens nicht so ein üblicher Nico-Hofmann-"Rommel"-Schrott ist, oder den man nicht mag, weil die Figuren am Ende doch keine richtigen Figuren sind, sondern Belege für eine These: Wir wissen nicht, wie wir uns verhalten hätten, und deshalb sollten wir nicht urteilen.

Wie bei Vettel

Diese Ambivalenz ist im Film selbst vorhanden, diese Ambivalenz wird aber vor allem dort deutlich, wo Hofmann ja hin wollte, in den Diskussionen und den persönlichen Geschichten: Eine Ambivalenz, die aufklärerisch wirken könnte und gut, wenn sie von Zweifel getragen würde, die aber auch schwierig und relativierend wirken kann, wenn sie politisch instrumentalisiert wird.

Auf diesem Grat wandelt der Film, über weite Strecken ohne abzustürzen, wenn da nicht der musikalische Dauerbeschuss durch Geigen wäre, der, und so endet es dann auch, das Ganze doch wieder ins Melodram hinabzieht. Auf diesem Grat wandelten aber vor allem die Diskussionen, und besonders der Sonntagabend war ein Abstieg in die mediale Verwirrtheit unserer Tage - übertroffen wurde das nur vom ZDF-"heute-journal" am Mittwochabend, als Claus Kleber noch vor der Zypern-Krise, wo sich deutsche Macht heute ganz anders zeigt, den ZDF-Film "UMUV" brachte und einen Beitrag darüber, wie sich junge Erwachsene diesen Film anschauen, was aussah wie die Beiträge aus dem Heimatort von Sebastian Vettel, wenn der mal wieder Formel-Eins-Weltmeister wird.

Der Abstieg am Sonntagabend aber war vor allem deshalb so interessant, weil da Schicht für Schicht alle Schwierigkeiten deutlich wurden, die "UMUV" begleiten: Nachdem wir also mit der Krankenschwester gelitten hatten, die ihre jüdische Kollegin verraten hat, und nachdem wir mit dem Leutnant gelitten hatten, der einen russischen Politkommissar exekutiert hat, kamen in einer Dokumentation "wirkliche" Soldaten zu Wort - und immer, wenn mal wieder gezeigt werden sollte, wie schlimm es "wirklich" war, wurden die Bilder eingespielt aus dem Film, der damit wohl "wirklicher" war als die Wirklichkeit, aber das hatte auch schon vorab die Zeitung "Die Welt" vermeldet.

Baring, die wunderliche Gestalt

Bei Maybrit Illner saßen danach dann als Tiefpunkt der Sentimentalität ausgerechnet der Hitparade-Mann Dieter Thomas Heck, der als Kind in Hamburg mit seinem Teddy verschüttet wurde, und der Schlagersänger Gunther Emmerlich, der berichtete, dass Erdnüsse früher Kameruner hießen, dass er "viel Gutes" über seinen Vater gehört habe, der an der Ostfront vermisst wurde, und dass die "glückliche Zeit" durch den Krieg beendet wurde. *(siehe Anm. d. Red.)

Also doch Wehrmachtsausstellung mit Riesenverspätung plus beckmannsches Einfühlungs-TV. Die Ausstellung erzählte schon 1995 die Geschichte vom bösen deutschen Soldaten im Krieg, allerdings ohne Geigen und mit deutlich mehr Gegenwind, gerade von der "FAZ" und der Springer-Presse, die sich heute besonders eifrig für das hofmannsche Selbstfindungsritual begeistern können. Und das Studio als Psycho-Couch führt in der Schrumpfvariante etwa von Markus Lanz dazu, dass sich da eine wunderliche Gestalt wie der Historiker Arnulf Baring als der rechte und revisionistische Zausel zeigt, der er ist. Auch der sagte übrigens den Satz, den anscheinend alle auswendig lernen mussten, bevor sie in eine ZDF-Talkshow eingeladen wurden: Das Großartige an dem Film sei gerade, sagt Baring, dass "die ganze Teilung, von der wir seit Jahrzehnten reden, nämlich zwischen Opfern und Tätern, dass die nicht hinhaut".

Ist das also das, was von "UMUV" bleibt? Wurde ich deshalb wieder in das große Klassenzimmer hineingezogen, das das deutsche Fernsehen so oft ist? Wegen dieser stickigen, relativistischen Weltsicht, vorgetragen im gedanklich blank polierten Ambiente von Markus Lanz? Um Nico Hofmann dabei zuzusehen, wie er den Aufklärungs- und Zivilisationsschub von 1968 einfach ignoriert und überspringt und damit einen konservativen Konsens zaubert und das, was dort verhandelt wurde, für unsere Zeit einfach nochmal neu verhandelt, dieses Mal im Wabergewand des Verstehens?

Hofmann wird jedenfalls weitermachen. Als nächstes kommt eine achtteilige Serie über Adolf Hitler, der mal "dringend entmystifiziert" werden müsse, wie Hofmann findet, "ein normaler Kleinbürger, der zum größten Menschheitsverbrecher wird".

Ach ja?

Ich werde dann schwänzen.

Anm. d. Red.: An der mit einem Sternchen gekennzeichneten Stelle war in einer ersten Variante des Textes folgende Formulierung eingefügt: "Illner wollte da auch nicht zurückstecken und fand es 'erschütternd', dass man 'in in diesen Kategorien Täter und Opfer denkt, um dann am Ende aber doch festzustellen, dass es sich um ganz normale Menschen handelt, die als junge Menschen auch von Dingen geträumt haben und eine Unbekümmertheit hatten und eine Unschuld hatten, die sie im Laufe dieses Krieges verloren haben'." Frau Illner legt Wert auf die Feststellung, dass sie mit diesen Worten nicht ihre eigene Meinung geäußert, sondern die vorherige Aussage der Schauspielerin Katharina Schüttler interpretiert hat.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 306 Beiträge
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    Seite 1    
1. ...
Annika Hansen 22.03.2013
Zitat von sysopZDFFernsehen, das man mögen kann oder nicht? Nein, in Deutschland muss eine TV-Serie über den Zweiten Weltkrieg natürlich ein volkspädagogisches Projekt sein. Umso übler, dass "Unsere Mütter, unsere Väter" mit sehr viel Gefühl eine uralte Opfer-Täter-Verkehrung wieder hervorzaubert. Georg Diez über "Unsere Mütter, unsere Väter" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-ueber-unsere-muetter-unsere-vaeter-a-890432.html)
Ich gehe nur auf den letzten Absatz des Artikels ein, da ich die Serie nicht sehe. Hitler ist schon längst entmystifiziert, das hat Bruno Ganz in dem Film "Der Untergang" ganz wunderbar gemacht.
2. optional
Ty Coon 22.03.2013
Dieser Beitrag verwundert mich. Hier wurden die Deutschen doch klar als Täter dargestellt? Ich sehe da nichts von Opfermythos und Geschichtsklitterung. Muß allerdings auch dazusagen, daß ich den 3. Teil verpaßt habe. Ich war von den ersten beiden Teilen in jeder Hinsicht sehr angenehm überrascht.
3.
twaddi 22.03.2013
Ich finde es schon wichtig, darüber nachzudenken und zu reden, dass Soldaten zum Töten " erzogen" werden; auch diejenigen, die gar keine Soldaten sein wollten . Sie, Herr Diez , durften wählen , ob Sie zur Bundeswehr gehen. Sie mussten an keine Front. Insofern ist Ihr Kommentar wenig durchdacht und beweist nur, dass das Anliegen, über Täter - Klischees nachzudenken, berechtigt ist.
4. Oh Herr Diez
WernerGg 22.03.2013
Was passt Ihnen eigentlich nicht? Sie haben die Schnauze voll und wollen nichts mehr vom Krieg hören? Ich schon. Ich bin 63 und habe meine Jugend damit verbracht, die Väter und Mütter auf den Tod zu löchern, was sie eigentlich im Krieg gemacht haben. Es war eine Mauer des Schweigens, die man nur gelegnetlich mit Gewalt durchdringen konnte. Ich jedenfalls war gebannt von dem Film und alles kam wieder hoch. Gut!
5. nene
rabenkrähe 22.03.2013
Zitat von sysopZDFFernsehen, das man mögen kann oder nicht? Nein, in Deutschland muss eine TV-Serie über den Zweiten Weltkrieg natürlich ein volkspädagogisches Projekt sein. Umso übler, dass "Unsere Mütter, unsere Väter" mit sehr viel Gefühl eine uralte Opfer-Täter-Verkehrung wieder hervorzaubert. Georg Diez über "Unsere Mütter, unsere Väter" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-ueber-unsere-muetter-unsere-vaeter-a-890432.html)
....... Was für ein unsinniges statement. Opfer-Täter-Verkehrung, ist schon in sich wirr und unsinnig, wenn schon, dann Opfer-Täter-Bedingung. Doch darum ging es in diesem imposanten, allerdings arg verkürzten, Dreiteiler ja nicht, Es geht wohl eher darum, daß ein Irrer wie Hitler offentlich eine kleine Clique machtgieriger anderer Irrer anzusprechen vermag, die dann eine ganze Gesellschaft, einen ganzen Kontinent, ja die Welt ins Unglück zu stürzen vermögen. Der Einzelne ist dann nur noch Getriebener der Ereignisse. Das wurde auch gut gezeigt. rabenkrähe
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).
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