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S.P.O.N. - Der Kritiker: Menschen, Tiere, Kostenexplosionen!

Eine Kolumne von

In der fortdauernden Posse um den Berliner Flughafen geht es nicht mehr nur um die handelnden Personen und deren Unfähigkeit - sondern um ein System, das unfähig ist zur Korrektur und Erneuerung.

Wie macht man eigentlich Karriere im Spätkapitalismus? Reicht es, dass man herum läuft wie ein geladener Revolver, von dem niemand weiß, wann er knallt? Oder muss man schon mal eine richtig große Pleite hingelegt haben?

Und steht dann die Größe der Pleite in direktem Verhältnis zur Höhe der Abfindung? Wenn zum Beispiel ein Flughafen plötzlich fünf Milliarden Euro kostet statt einer, schreibt man sich das in den Lebenslauf als besondere Leistung?

Gibt es sogar Headhunter, die genau solche Leute suchen? Habe S-Bahn-Chaos verursacht, biete Flughafendesaster! Habe Flughafenchaos hinterlassen, biete teureres, längeres Flughafendebakel! Oder natürlich: Kultur ist mir im Grunde egal, wie wäre es mit mir als Kultursenator?!

Wäre die vergangene Woche eine Kabarettsendung gewesen, ich hätte abgeschaltet. Zu vorhersehbar und zu abgedreht zugleich. Zu viele alte Gesichter und zu viele alte Geschichten, zu viele neue Skandale und zu viele neue Zahlen, zu viel Apathie und zu wenig Wut.

Die Journalisten, die mit Chaos-Routine über das Desaster des Berliner Flughafens berichten, diesen behördlich organisierten Verkehrsunfall, der sich seit Jahren vor den Augen der Öffentlichkeit ereignet - diese Kollegen, scheint mir, müssen sich mehr und mehr dazu zwingen, zwischen Lachen und Weinen einen Weg zu finden, diesen Irrsinn in eine angemessene publizistische Form zu bringen.

Das Problem ist: Es gibt keine angemessene publizistische Form dafür, weil Eugène Ionesco lange tot ist und der Politikteil der Tageszeitungen nicht der richtige Ort ist für absurdes Theater.

Größenwahn und Lächerlichkeit halten sich die Waage

Ein abgetretener Aufsichtsrat zum Beispiel, der wieder ins Amt will, weil alles noch schlimmer ist als zu der Zeit, als er abtrat wegen des Vorwurfs, er sei schuld daran, dass alles so schlimm ist?

Das ist der eingesprungene Wowereit in der deutschen Politik, eine entengleiche Pirouette, bei der sich Größenwahn und Lächerlichkeit die Waage halten.

Ein Flughafenchef, der einen Top-Mann und Technikexperten von einem anderen Flughafen im Team hat und ihn dann feuert, weil er weder ein Top-Mann sei noch ein Technikexperte?

Das ist der doppelte Mehdorn in der deutschen Wirtschaft, eine Art Salto mortale, der nicht für den Ausführenden gefährlich ist, sondern für die Zuschauer.

"Im Zirkus" heißt das neue Buch von Nils Minkmar, Feuilletonchef der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", in dem er sein Jahr "im Innersten der Politik" beschreibt - mit anderen Mitteln und Metaphern, so scheint es, kann man der gegenwärtigen trostlosen Inszenierung von Macht, Verantwortung und Verschwendung nicht mehr beikommen.

Der Zynismus der Handelnden überträgt sich auf das System

Da pinkelt immer gerade irgendwo ein Elefant in die Ecke, da rutscht immer gerade irgendwo ein Clown aus, da stürzt ein Artist ab, da lässt ein Jongleur alle Bälle fallen, das Publikum hat längst die Manege verlassen, aber sie spielen, rennen, dilettieren weiter vor sich hin, nur für sich.

Niemand glaubt ja seit der Banken- und Finanzkrise von 2008 ff. ernsthaft mehr an die Rationalität der Märkte - außer natürlich die Ökonomen. Und immer weniger glauben bei einem Spektakel wie dem Berliner Flughafen noch an die Rationalität der Politik - außer natürlich die Politiker.

Das ist der Schaden und die Gefahr bei all dem: Der Zynismus der Handelnden überträgt sich auf das System. Anders gesagt: Der finanzielle Schaden lässt sich in Euro beziffern, der politische Schaden nicht.

Und so ist diese ganze Wowereit-und-Mehdorn-mögen-sich-nicht-und-Mehdorn-feuert-Amann-weil-der-nicht-Mehdorns-Taschenspielertrick-mitmachen-will-nämlich-erst-einmal-eine-eher-symbolische-Teileröffnung-des-BER-anzustreben-was-womöglich-die-Kosten-weiter-in-die-Höhe-treibt-aber-was-kümmert-das-Mehdorn-er-bekommt-ja-wieder-seine-Abfindung-Posse womöglich ein tieferer Einschnitt, als es scheint.

Denn in Frage stehen nicht nur die Fähigkeiten von einzelnen Personen, so etwas wie einen Flughafen überhaupt zu bauen - in Frage steht mittlerweile auch ein System, das nicht in der Lage ist, sich selbst zu erneuern und so zu organisieren, dass es, um mit einem aktuellen Begriff der politischen Theorie zu sprechen: funktioniert.

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Kolumne - Der Kritiker
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1. Thema verfehlt.
Bondurant 25.10.2013
Zitat von sysopIn der fortdauernden Posse um den Berliner Flughafen geht es nicht mehr nur um die handelnden Personen und deren Unfähigkeit - sondern um ein System, das unfähig ist zur Korrektur und Erneuerung. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georg-diez-ueber-wowereit-und-mehdorn-a-930008.html
Dietz will hier Kapitalismuskritik üben, merkt aber nicht, dass der BER ein öffentliches Projekt ist. Hätte man ein paar richtige Kapitalisten beauftragt, auf eigene Kosten und Risiko den Berliner Großflughafen zu bauen, wäre das Ding längst in Betrieb. Also, aufgepasst, wenn in Ihrer Stadt Rekommunalisierungsprojekte in Gang sind: ganz schnell kosten Strom und Wasser das Doppelte, dafür wird aber der verdiente langjährige Fraktionsvorsitzende Direktor der Stadtwerke.
2. einfaches mittel,dieses system zu erneuern
dieter-ploetze 25.10.2013
ganz richtig was diez ausführt.es ist auch fast nicht möglich dieses system anzukratzen.jetzt aber,nur jetzt gibt es diese möglichkeit für die SPDmitglieder. sie könnten die abstimmung zur koalition negativ bescheiden.dann GRÜNE bitte raushalten und merkel hätte ihre minderheitsregierung.da gäbe es debatten, die es auch wert wären so genannt zu werden. die CDU müsste mehrheiten suchen und das öffentlich. da gäbe es weniger gemauschel,leider allerdings würde die SPD wie gehabt bezgl. des euro alles abnicken, aber sonst.......die hoffnung stirbt zuletzt.
3. Von wegen
hman2 25.10.2013
Zitat von BondurantDietz will hier Kapitalismuskritik üben, merkt aber nicht, dass der BER ein öffentliches Projekt ist. Hätte man ein paar richtige Kapitalisten beauftragt, auf eigene Kosten und Risiko den Berliner Großflughafen zu bauen, wäre das Ding längst in Betrieb. Also, aufgepasst, wenn in Ihrer Stadt Rekommunalisierungsprojekte in Gang sind: ganz schnell kosten Strom und Wasser das Doppelte, dafür wird aber der verdiente langjährige Fraktionsvorsitzende Direktor der Stadtwerke.
Umgekehrt. Nach allen bisher erfolgten Privatisierungen kosteten Strom und Wasser das Doppelte, der Rekord steht -glaube ich- beim Zehnfachen.
4. Privatfirmen hätten BER längst am
dorfneurotiker 25.10.2013
laufen. Solche Projekte sollte man lieber an Firmen wie Hoch Tief geben und dann mieten Wäre billiger geworden und der Flughafen wäre schon lange fertig.
5.
Bondurant 25.10.2013
Zitat von hman2Umgekehrt. Nach allen bisher erfolgten Privatisierungen kosteten Strom und Wasser das Doppelte, der Rekord steht -glaube ich- beim Zehnfachen.
Warten Sie ab, bis Ihre rekommunalisierten Stadtwerke erstens die eigene Energiewende einleiten und zweitens die verdienten langjährigen Kämpfer für eben diese auf die entsprechenden Versorgungsposten bringen. Dann werden Sie an mich denken...
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Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.
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