S.P.O.N. - Der Kritiker Das Ende der Gegenwart ist nah 

Was sind eigentlich Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft? Das Zeitgefüge ist durcheinander geraten. Das zeigt nichts deutlicher als der Niedergang der Gegenwartskunst.

Filmbild aus "Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit"
DDP

Filmbild aus "Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit"

Eine Kolumne von


Vom "Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit" erzählte der Filmemacher Alexander Kluge 1985, als die Welt noch in sich gefroren schien, fest gefügt in Formen und Fronten. Vom Westen aus betrachtet war alles andere der Rest, und der Rest verschwand hinter dem Horizont oder wenigstens hinter der Mauer.

Die Geschichte, von der Kluge in seinem Episodenfilm auch erzählte, die Historie kehrte mal als Bruchstück, als Erinnerungsprojektil, als biografischer Fund oder bleibender Schmerz wieder - aber sie wurde verschluckt von einer Gegenwart, die sich beliebig auszudehnen schien.

Das hat sich geändert, seit einer Weile schon. Die Gegenwart ist löchrig, sie ist perforiert von Atavismen und Anachronismen, die man nur so nennen kann, wenn man auf dem festen Boden einer Moderne steht, die es so nicht mehr gibt. Nicht in dieser Festigkeit, Homogenität, vorwärtsdrängenden Euphorie - und die es möglicherweise so auch nie gab.

Die Moderne als Versprechen war die Möglichkeit, sich selbst im Strom der Zeit zu verorten, selbst ein Vorne und ein Hinten zu definieren und sich dann natürlich mindestens auf den Beifahrer- oder gleich auf den Fahrersitz des Fortschritts zu setzen. Kurz anschnallen und dann immer vorwärts, immer Tempo, politisch, gesellschaftlich, ökonomisch.

Dieses Versprechen, muss man sagen, hielt eine lange Zeit, und vielleicht markierte das Jahr 1985, als Kluges Film entstand, so etwas wie das Ende dieser Zeit, ohne dass sie selbst davon wusste. Aber das ist ja das Wesen der Kultur, dass sie zu sich spricht und man oft erst später versteht, was da gesagt wurde.

In der Zeit jedenfalls, die folgte, schien es, als habe die Gegenwart gesiegt. Was viele nicht merkten war allerdings, dass mit der Vergangenheit, die hinter einem zu liegen schien, auch die Zukunft abgeschafft war, die, so die Theorie, vor einem liegt.

Das hat sich alles als ein wenig simplifizierendes Modell dafür erwiesen, wie das Gefüge der Zeit funktioniert. Das Durcheinander, der Hass, der aus der Vergangenheit hindurch drängte, der leere Horizont der Zukunft, all das verlor sich im Angesicht des sich wandelnden Festes, das die Gegenwart zu sein schien.

Die Kunst machte die Gegenwart zu ihrer Ideologie

Es war die Kunst, die diesem Fest einen Ort gab, die die Gegenwart zu ihrer Ideologie machte, die sich selbst einen Namen gab, der so seltsam war und so vielversprechend zugleich, ein Widerspruch an sich: contemporary art. Denn welche Kunst, die zu einem bestimmten Augenblick produziert wird, wäre dann nicht gegenwärtig gewesen?

Aber darum ging es nicht - oder besser, darum ging es genau: Als die Gegenwartskunst etwa um das Jahr 1985 herum zu ihrem globalen Siegeszug ansetzte, schien sie die Zeit auf ihrer Seite zu haben, die Behauptung einer umwerfenden Präsenz, ein Versprechen, das mehr und mehr mit Geld aufgewogen wurde.

Und besonders die boomenden Kunstmessen zeigten spätestens im Verlauf der Nullerjahre, dass die Gegenwart nicht ausreicht, wenn sie hohl bleibt und glatt, sodass die übrige Zeit an ihr abgleitet, ein Teil des chrono-kulturellen Komplexes.

Die Contemporary Art wurde zur leerlaufenden Herrschaftskunst unserer Zeit, verbunden mit der Abschaffung der Zukunft und den Utopien der Veränderung. Der Philosoph Armen Avanessian hat nun gemeinsam mit seinem Kollegen Suhail Malik in dem Buch "Der Zeitkomplex" versucht zu beschreiben, was das bedeutet: das Scheitern, das Ende der Gegenwart.

Die Gegenwart steht von allen Seiten unter Feuer

"Postcontemporary", so nennen sie den Zustand der Zeit, in der wir leben, weil die Gegenwart eben von allen Seiten unter Feuer steht, von der Vergangenheit, die in Form von Terror oder Nationalismus durchdringt, wie von der Zukunft, die die Gegenwart mehr und mehr bestimmt.

Der Strom der Zeit, sagen Avanessian und Malik, habe sich geradezu umgedreht, die Zukunft komme vor der Gegenwart. Wenn es um Phänomene wie die Algorithmen von Amazon geht, die Wünschen Realität geben, von denen die Käufer noch gar nichts wissen, dann scheinen sie einen guten Punkt erkannt zu haben.

Weitere Beispiele sind militärische Präventivschläge, vor allem durch Drohnen ausgeführt, die aufgrund von Daten geschehen, die ein mögliches zukünftiges Gefahrenpotenzial ermitteln und rückwirkend einen Feind schaffen, den es möglicherweise gar nicht gab.

Auch die derzeitigen Polizeipraktiken in Frankreich weisen in diese Richtung, in der Gesetzeslage des aktuellen Ausnahmezustandes reicht es aus, bei einer Demonstration anwesend gewesen zu sein, aus der heraus Gewalt begangen wurde, um von zukünftigen Demonstrationen ausgeschlossen zu werden.

Was die Folge dieser Asynchronie ist? Man muss akzeptieren, dass die Gegenwart in sich fundamental gespalten ist und die Wirklichkeit womöglich unverständlich. Die Rechten, so beschreiben es Avanessian und Malik, nutzen das zurzeit besser aus als die Linken, die immer noch damit hadern, dass die Zukunft als Versprechen abgeschafft scheint.

Die Ermattung also und die zunehmende Ratlosigkeit, die Kunstmessen wie die Art Basel erzeugen, wäre demnach nicht nur der stupenden Herrschaft des Geldes zu verdanken, sondern auch die Folge eines Zeitkonstrukts, das sich überlebt hat - wenn alles "post" ist, ist auch die Gegenwart nur die Vergangenheit einer Zukunft, die es möglicherweise nie geben wird.

Kommende Woche beginnt in Berlin die Biennale, wo es genau darum gehen wird: Die Frage, was Zeitgenossenschaft in einer Zeit bedeutet, die es nicht gibt.

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insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
schlimmer1 29.05.2016
1. Erschreckend
Aber wie Karl Valantin schon sagte: "Die Zukunft war früher auch besser!"
banalitäter 29.05.2016
2. nur Gegenwart
.....das Scheitern, das Ende der Gegenwart...... Vergangenheit + Zukunft gibt es in der Realität nicht - nur Gegenwart. Vergangenheit ist immer Erinnerung , Zukunft ist immer Erwartung - also reine Kopfgebilde , die immer in der Gegenwart stattfinden.
conny1969 29.05.2016
3. schöner Text
Ein klein wenig Philosophie in eigener Sache, Rechte, Linke, Täter, Opfer untergebracht, fertig ist die Glosse. Herr Diez, wenn man jemanden erreichen will muss man seine Sprache sprechen und immer schön Realitäten und Wahrheiten berücksichtigen. Ist natürlich schwer wenn die Gegenwart bereits Vergangenheit ist und man sie aus einer fiktiven Zukunft betrachtet. Vielleicht ist die Welt viel einfacher.
unky 29.05.2016
4. Danke, Herr Diez,...
... für diesen klugen Beitrag. Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Was übrig bleibt, ist Traurigkeit - oder vielleicht auch doch noch Hoffnung, dass sich eine Mehrheit finden wird, die die Geister der Vergangenheit überwinden und wieder eine Zukunftsvision entwickeln wird, die für Frieden, Menschlichkeit und Gerechtigkeit steht.
Selbstzweck 29.05.2016
5.
Zeit ist doch nur ne Größe und muss nicht mit Kunst in Verbindung gebracht werden. Oder? Echt wichtige, neue Erkenntnisse zum Thema Zeit gibt es doch nicht zur Zeit.
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