S.P.O.N. - Der Kritiker: Rassismus ist die Ursünde der USA

Eine Kolumne von Georg Diez

Quentin Tarantino und Steven Spielberg sind zwei Regisseure, wie sie nicht unterschiedlicher sein könnten. Mit "Django Unchained" und "Lincoln" finden sie beide zum gleichen Thema: Dem Rassismus der USA - der Film über den Präsidenten wird so auch zu einer Feier der Amtszeit Barack Obamas.

Die einen diskutieren über Neger, die anderen über Nigger. Das eine ist eine Petitesse, das andere ist ein Politikum. Das eine führt in die Tristesse des bürgerlichen Ressentiments, das andere führt zur Tragödie einer Demokratie, die sich selbst aus den Fessel befreit, die sie sich angelegt hat. Das eine spielt sich in Foren ab, das andere wird bei den Oscars prämiert. Woher kommt eigentlich dieser Hochmut der Deutschen Amerika gegenüber?

Die Stellvertreterdebatte, die rund um "Die kleine Hexe" und das Wort Neger geführt wird, ist deshalb so deprimierend, weil die Leute, die sich schützend vor dieses arme, bedrohte Wort werfen, dabei immer wieder laut posaunen, dass es ihnen um Literatur geht, den Schutz der Literatur vor der Zensur - nur haben sie offensichtlich keine Ahnung davon, was Literatur ist, sonst würden sie anders reden: Literatur sind ja nicht einzelne Worte mit Goldrand, die man sammelt und presst und dann in sein Germanistenalbum legt, Literatur ist ein Projekt, bei dem es darum geht, den Menschen etwas Respekt, etwas Demut, etwas Einsicht zu lehren, was es heißt, ein Mensch unter Menschen zu sein.

Geschichten werden Gewalt

Die Selbstverständigungsdebatte, die rund um "Django Unchained" von Quentin Tarantino und "Lincoln" von Steven Spielberg geführt wird, ist dagegen deshalb so bewegend, weil hier zwei Arten von Geschichtsschreibung aufeinanderprallen, repräsentiert von zwei der besten Regisseure unserer Zeit, die zwei Sichtweisen auf die Welt haben, die unterschiedlicher kaum sein könnten - und die doch zur gleichen Zeit zum gleichen Thema finden: Der Rassismus in den USA, der wie eine Ursünde auf dieser Demokratie lastet, und die Rhetorik, die dieses Land immer gesucht, die es gebraucht hat, auf die es gründet, auf Worte also, die dazu da sind, dem Leben einen Sinn und eine Richtung zu geben, die Menschen Freiheit schenken, die sich ändern, weil wir uns ändern, und die gleich bleiben, weil einiges eben nicht verhandelbar ist.

Auf der einen Seite also die Comic-Knalltüten-Historie von Quentin Tarantino, der Dynamit anbringt an all den weißgeriffelten Südstaatensäulen der amerikanischen Unterwerfungsnostalgie und dabei so sehr die Wut der Schwarzen ausagiert, das ihm der schwarze Regisseur Spike Lee doppelt gewendeten Rassismus unterstellt - das eigentliche Thema dieses Films aber ist, wie sich Worte zu Geschichten verdichten, aus denen man ein Bild von dem formt, der man ist oder der man sein will: Der Doktor King Schultz von Christoph Waltz ist so eine Figur, die sich durchs Reden am Leben hält, der Django von Jamie Foxx ist auch so eine Figur, die lernt, dass Geschichten wie Gewalt sein können, und Gewalt wieder zu einer Geschichte wird, die einem eine Identität gibt.

Geschichts- und Sprachmacht

Und auf der anderen Seite die Demokratie-Lehrstunde von Steven Spielberg, der aus der Sünde, die die Sklaverei war, jenen zweiten Anfang der amerikanischen Demokratie konstruiert, der die Werte und Worte der Gründerväter auf die Probe stellte, und dabei einen Lincoln zeigt, der redet und redet und redet, Erinnerungen, Anekdoten, Gleichnisse sind das, die Leute können es schon nicht mehr hören, all diese Worte, die der Präsident braucht, um seine Politik einzukleiden, die am Rand durchaus manipulativ und taktisch, im Kern und im Wesen aber zutiefst rhetorisch ist - es sind Oratorien des Fluchens und Beleidigens, des Verführens und Verleugnens, es sind Wortschlachten, die Spielberg mehr interessieren als Menschenschlachten: Und damit schlägt er tatsächlich einen Bogen zu Barack Obama, aber anders, finde ich, als manche meinen, es ist nicht die Aufforderung zu mehr Härte und Finten, es ist eine Feier der Geschichts- und Sprachmacht, auf der Obamas Präsidentschaft immer ruhte.

Er kam ja ins Amt als Redner und als Schreiber, als Biograf seiner selbst, der die Saga eines Mannes erzählt mit Wurzeln fern vom amerikanischen Mainstream, der den Traum all derer lebt, die so sind wie er - und er wurde wiedergewählt als Versöhner und Visionär, der in seiner Vereidigungsansprache in dieser Woche immer wieder von der "Reise" sprach, die Amerika vor sich hat, und für eine Reise braucht es eine Richtung, und diese Richtung war es, die er vorgab. Es war eine bewegende Rede, weil die Worte Obamas schwebten und man mit ihm in die Lüfte stieg und auf einmal von oben anders auf diese Welt schaute: Das ist es, was Worte sein können in der Politik, Inspiration und Identifikation, wir brauchen Worte, damit wir verstehen, wer wir sind.

"In dem Jahr, als Amerika geboren wurde", so beendet Obama seine Rede, und es klingt wie eine Szene aus einem Drehbuch von Steven Spielberg, "im kältesten Monat, kauerte eine kleine Schar von Patrioten um ein erlöschendes Lagerfeuer, am Ufer eines eisigen Flusses. Die Hauptstadt war verlassen. Der Feind war auf dem Vormarsch. Der Schnee war rot von Blut. In diesem Moment, als unklar war, was aus unserer Revolution werden würde, entschieden die Väter unseres Landes, dass die Menschen diese Worte hören sollten: 'Die Welt soll wissen, dass im tiefen Winter, als uns nur Hoffnung und Mut blieben, die Stadt und das Land vereint waren im Angesicht der drohenden Gefahr und aufstanden, dieser Gefahr zu begegnen.'"

Jaaaa, so sind sie halt, die Amerikaner, sagen jetzt die, die immer noch glauben, dass Max Weber ein für alle mal geklärt hat, was Politik ist und wie sie zu sein hat: Zu besichtigen ist das jeden Abend in der "Tagesschau", zu besichtigen ist das im tautologischen Gestammel von FDP-Politikern ("Rainer Brüderle ist anders als Philipp Rösler. Und Philipp Rösler ist anders als Rainer Brüderle"), zu besichtigen ist das auch, wenn Angela Merkel sich wie diese Woche im Bundestag hinstellt und zum 50. Jahrestag des deutsch-französischen Elysée-Vertrags eine Rede hält, die das Wort nicht verdient, weil sie dabei so mühsam auf Aktendeckelniveau dahinredet, dass klar ist, wie sehr sie Worten misstraut, wie sehr sie Worte verachtet.

Politik ist aber mehr als Pragmatismus. Und Literatur ist mehr als ein Mausoleum für tote Worte. Manchmal verwandelt sich sogar Politik in Literatur. Und manchmal wird aus Literatur Politik. Dieses Land hat diese Kanzlerin und diese Diskussion über "Die kleine Hexe", es wird schon einen Grund geben, dass das so ist. Und Amerika hat phantastische Fiktionen, die zeigen, wie Worte verletzen, aber auch retten können.

Neger und Nigger, Tarantino, Spielberg, Obama: Worte können Waffen sein. Im Guten wie im Schlechten.

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insgesamt 59 Beiträge
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1. optional
appenzella 25.01.2013
So haben die Amis also einen Visionär an ihre Spitze gewählt und die Deutschen eher eine Revisorin, die ihre Wurzeln eher in ZentralKomitees als bei den Demokraten findet. (Das Zentralkomitee war eine ständige administrative und vor allem ausführende (exekutierende) Einrichtung der kommunistischen Partei zwischen zwei Parteitagen, welche nominell die höchste Parteiinstanz waren.
2. Und den Völkermord an den Indianern nicht zu vergessen
vantast64 25.01.2013
Bei Wild-West-Filmen hoffe ich immer, daß die Indianer endlich gewinnen. Das war bisher bei jedem Film enttäuschend, leider gewinnen immer die mörderischen Siedler.
3. Denkfehler
gruenerfg 25.01.2013
Der Artikel macht glauben, mit Lincoln wäre der Rassismus in den USA erldeigt gewesen. Dem war nicht so und ist zum Teil nicht so.
4. Was John Wayne dazu meinte.
sorata 25.01.2013
Zitat von vantast64Bei Wild-West-Filmen hoffe ich immer, daß die Indianer endlich gewinnen. Das war bisher bei jedem Film enttäuschend, leider gewinnen immer die mörderischen Siedler.
Auf die Frage, warum denn immer die Cowboys gegen die Indianer gewinnen meinte er: "Wenn die Indianer anfangen Filme zu machen, verlieren sicherlich die Cowboxs."
5. Die Ursünde
rakasmies 25.01.2013
Zitat von vantast64Bei Wild-West-Filmen hoffe ich immer, daß die Indianer endlich gewinnen. Das war bisher bei jedem Film enttäuschend, leider gewinnen immer die mörderischen Siedler.
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).

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