S.P.O.N. - Der Kritiker Der Flüchtling ist jeder

Die Flüchtlinge geben der Gesellschaft die Chance, Zusammenhalt und Solidarität neu zu finden. Leider weiß aber dieses Land nicht, wie Integration geht. Es hat ja schon mal versagt - mit den Gastarbeitern.

Eine Kolumne von


Die Flüchtlingsfrage ist die Herausforderung dieser Generation, und die Antwort auf andere Fragen, die daraus folgen, ergeben sich je nachdem, wie man auf die Flüchtlingsfrage antwortet.

Wenn Hunderte Menschen im Mittelmeer ertrinken, sollte man dazu eine Meinung haben. Zum Beispiel: Das ist schlimm und sollte nie wieder passieren. Oder: Das ist schlimm, aber sie sind selbst schuld. Oder: Das ist mir egal, ich interessiere mich nur für mich und will, dass mein Leben bleibt, wie es ist, koste es, was es wolle.

Menschen, die die letzte Antwort wählen, sind womöglich für jedes moralische Argument verloren, sie bereiten sich wahrscheinlich schon auf den Parteitag der AfD vor oder trinken ein Bier mit Götz Kubitschek oder sind längst wieder im Sarrazin-Groove und halten Menschen aus Ghana oder Nigeria für minderwertig. Aber die anderen, die ein humanes Restempfinden haben, das sie nicht abschalten können wie die "Tagesschau", die kann man erreichen, die kann man überzeugen, denen kann man erklären, dass es nicht die Flüchtlinge sind, die diese Gesellschaft bedrohen, sondern die Politik der Angst, die diejenigen schüren, die warnen, warnen, warnen.

Wer wir sind und wer wir sein könnten

Nicht die Flüchtlinge befördern die Fliehkräfte der Gesellschaft, die dazu führen, dass die Spaltungen immer größer werden und der Hass und die Aggression wachsen - im Gegenteil: Die Flüchtlinge geben der Gesellschaft die Chance, Zusammenhalt und Solidarität neu zu finden und sich selbst positiv zu definieren.

Die Flüchtlinge erinnern uns daran, wer wir sind und wer wir sein könnten, wer wir sein sollten, die Flüchtlinge tragen die Fragen der Welt in unseren Alltag, die Flüchtlinge durchbrechen den Schutzschild, den dieses Land, Europa, der Westen so lange um sich herum aufgebaut hat, militärisch und moralisch.

Der Flüchtling ist jeder, und damit ist der Flüchtling das Bild des Menschen in seinem Ursprung, aus dem alles andere folgt. Und wenn man sich darauf einmal eingelassen hat, dann ändert das auch die Antworten auf ein paar der Fragen, die von den Angstmachern als dringend erachtet werden.

Die so genannte Integration zum Beispiel, von der seit Ewigkeiten alle reden, als ob sie wüssten, was damit gemeint ist. Tatsache ist doch: Dieses Land weiß nicht, wie es geht, die so genannten Deutschen jedenfalls wissen nicht, wie es geht, sie haben schon einmal versagt, als die so genannten Gastarbeiter kamen, warum sollten sie es dieses Mal besser wissen, besser machen? Leider aber ist genau das der Plan. Das Integrationsgesetz zum Beispiel, das sich die Bundesregierung ausgedacht hat, ist nicht geprägt von Offenheit, Neugier oder einer positiven Haltung zu Einwanderung, sondern von Angst vor dem Fremden und Misstrauen in die Absichten der anderen.

Gesetze lösen keine grundlegenden gesellschaftlichen Fragen

Wer aber nur das Schlechteste vermutet, der wird eventuell von der Realität bestätigt. Wer Menschen erst einmal als Problem definiert, der wird Probleme bekommen. Wer ernsthaft einen Werbeagenturschwachsinn wie "Fördern und Fordern" rausposaunt und nicht in der Lage ist, wenigstens genügend Sprachkurse anzubieten, der fördert nicht, der fordert nur.

Leider wiederholen dabei vor allem Konservative immer und immer wieder die gleichen Fehler. Härte erzeugt nur mehr Härte, Strafen erzeugt mehr Straftäter, Gesetze lösen in den seltensten Fällen grundlegende gesellschaftliche Fragen.

Gerade zum Beispiel wird deutlich, was der so genannte "Kampf gegen die Drogen" angerichtet hat: Ganze Länder hat er ins Chaos gestürzt, Milliarden und Milliarden von Dollar gekostet, Kranke und Abhängige kriminalisiert, die Gefängnisindustrie gefördert, die Militarisierung der Gesellschaft befördert.

Der so genannte "Kampf gegen den Terror" hat ähnlich verheerende Folgen - im Grunde ist alles gleich, das Chaos, die Kosten, die Gefängnisse und die Militarisierung, nur dass es hier nicht Kranke und Abhängige sind, die kriminalisiert werden, sondern Gläubige und eine ganze Religion, der Islam.

Wird also aus dem "Kampf gegen den Terror" ein Kampf gegen den Islam? Die AfD hätte das gern, und auch manche Leitartikler der "Frankfurter Allgemeinen" zielen in diese Richtung, wenn sie etwa immer wieder die Flüchtlinge mit der islamistischen Terrorgefahr in Verbindung bringen.

Diese Antworten sind also immer die gleichen, mehr Gesetze, mehr Geld für Sicherheit, und sie haben so gut wie nie funktioniert. Es ist eine Frage des Weltbildes. Die autoritäre Persönlichkeit sieht eine andere Realität als die nicht-autoritäre. Daran kann man in gewisser Weise nichts ändern, fatal ist es nur, wenn man diese Angst zur Grundlage von Politik macht.

Denn Angst schafft Angst, Angst verselbständigt sich, Angst bedient Interessen, Angst verstellt den Blick, Angst verhindert das Gute, Angst zerstört.

Wollen wir ein Land, das sich abschottet?

In Hamburg wurden allein im ersten Quartal 2016 knapp 80 Schüler abgeschoben, einige von ihnen waren in Deutschland geboren, die Mitschüler sind verstört, die Klassen unter Schock, wer wird der nächste sein: Ist das die Grundlage für eine gute Integrationspolitik? In Berlin wurde gerade von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg das Projekt eines Integrationsradios gestoppt, das im vergangenen Jahr beschlossen wurde: Der Grund, so hieß es hinter der wie immer vorgehaltenen Hand, die Stimmung habe sich gedreht, das gesellschaftliche Klima habe sich verändert.

Aber wer kann das messen? Und wenn es so wäre? Würde das etwas ändern? Sind Menschenrechte etwas, das man mit Mehrheitsentscheidungen relativieren kann? Tatsächlich haben sich in der medialen Echokammer in den vergangenen Monaten die negativen Tendenzen verstärkt. Und weil es eben eine Echokammer ist, verstärken die negativen Tendenzen wiederum die negativen Tendenzen. Dazu kommen der Hass und die Aggression und der xenophobe Terror.

Das alles ändert aber nichts an der Grundfrage dieser Zeit: Wollen wir ein Land, das sich abschottet? Und um welchen Preis? Wollen wir eine Gesellschaft, die dicht macht? Wollen wir die negativen oder die positiven Tendenzen verstärken? Leben wir in dieser Welt oder außerhalb? Wenn man für Flüchtlinge ist, kann die Gesellschaft als Ganzes gewinnen. Wenn man gegen Flüchtlinge ist, wird die Gesellschaft als Ganzes verlieren.

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Baikal 24.04.2016
1. Ach, die Flüchtlinge geben die Chance?
Welche Flüchtlinge denn? Die Sunniten, die Schiieten, die Alawiten, die Alewiten? Wie wäre es denn, wenn sie sich selbst erst einmal die Chance zur Integration in ihrem Glauben gäben statt ihre vermeintlichen Rechte in einem für sie völlig fremden Kulturkreis einzufordern? Und:das Volk hat damals die Gastarbeiter nicht gerufen, das waren jene die an ihnen prächtig verdienst haben und die Kosten der sogenannten Integration eben den Nichtprofiteuren aufgesattelt haben.
wadenbeißer101 24.04.2016
2. Brauchte Merkel
mal wieder eine Mitleidsdusche. Der ewig gleiche Merkelsingsang geht einem auf die Neven, glaubt dies doch eh keiner mehr. Die Fakten sind bekannt, die Auswirkungen noch nicht.
jackoconnor 24.04.2016
3. Gut zu Wissen!
Gut zu Wissen, das wir Deutschen bei der Integration der Gastarbeiter versagt haben. Bislang dachte ich immer, dass zum Gelingen/Misslingen einer solchen mehrere Teilnehmer zusammen agieren müssen. Naja, der Kommentar ist für mich wertlos, weil typische Meinungsmache des Herrn Diez. An der Realität vorbei.
westpfälzer 24.04.2016
4. Sie wissen es,
wie beruhigend! Wissen es auch die Ankommenden??? Erhebliche Zweifel scheinen angebracht
stern69 24.04.2016
5. Grenzen und Zäune !
Herr Dietz, sie sind es die so etwas wie funktionierende Sozialstaaten und Hilfe erst möglich machen. Sie versuchen permantent so etwas wie ein historisches schlechtes Gewissen zu produzieren und damit Verpflichtungen für die Zukunft zu erlangen. Die Lösung liegt aber nicht in Deutschland und Europa sondern dort wo die Menschen herkommen und wo sie auch wieder hin sollten.
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