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18. Januar 2013, 16:47 Uhr

S.P.O.N. - Der Kritiker

Das hässliche "Neger" ist tot, tot, tot

Eine Kolumne von Georg Diez

"Was ist denn gegen das Wort Neger zu sagen?" Eine Menge. Nennen wir nur mal die einfachsten Argumente: Der Begriff ist deplatziert, hässlich und tot. Und Deutschland wird freier, schöner und aufgeklärter sein, wenn nicht nur Kinderbücher auf das N-Wort verzichten - sondern wir alle.

Erinnert sich noch jemand an den Begriff "politisch korrekt" oder "politische Korrektheit"? Das, liebe Kinder, war ein Begriff, der in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts von Menschen mit großer Erregtheit verwendet wurde, wenn sie zeigen wollten, dass sie mal wieder mit der Gegenwart nicht zurechtkamen.

Zwanzig Jahre ist das nun her, doch die Gegenwart, die gemeine, hat einfach nicht aufgehört. Sie hat weitergemacht und weitergemacht und weitergemacht. Aber natürlich ändert das nichts daran, dass es immer noch Menschen gibt, die mit ihr hadern. So wie Ulrich Greiner.

Der war früher mal Literatur-Chef und arbeitet für das Zentralorgan des deutschen Bürgertums, die Wochenzeitung "Die Zeit". Und in einer Woche, in der sich andere Zeitungen auf ihren Titelseiten mit dem Militäreinsatz in Mali beschäftigten, fanden es Ulrich Greiner und "Die Zeit" besonders wichtig, eine Titelgeschichte zu schreiben zum Thema:

"Kinder, das sind keine Neger!"

Es geht also, natürlich, leider, Entschuldigung, um "Die kleine Hexe", das kleine deutsche Feuilleton und dessen seltsame Liebe zu diesem Wort: Neger. Ein sehr schützenswertes Wort, so scheint es, wenn ich Greiner und andere Kollegen, die sich aufregen, richtig verstanden habe, ungefähr so schützenswert wie die Altstadt von Bamberg, das Bauhaus und das Elbtal bei Dresden.

Dieses Wort, finden wohl einige Feuilletonisten, gehört auf die Liste zumindest des deutschen Weltkulturerbes - wie sonst lässt sich der Furor erklären, mit dem hier auf einer doch recht nebensächlichen Sache herumgekloppt wird: Anfang Januar erklärte der Verleger von Otfried Preußlers Kinderbuch "Die kleine Hexe", dass die neue Ausgabe farbig sein werde und dass es ein paar Änderungen geben werde - das Wort Neger zum Beispiel sollte ersetzt werden.

Itaker, Spaghettifresser und Kümmeltürken

Was ja nicht so schwer zu verstehen ist, weil das Wort rassistisch ist, abfällig und aus einer Zeit stammt, als die freundlichen Nachkriegsdeutschen von Itakern sprachen oder von Spaghettifressern oder von Kümmeltürken; als sie sagten: "bis zur Vergasung", wenn sie sagen wollten, dass sie etwas sehr intensiv machten; und als das Zitat von Bundespräsident Heinrich Lübke die Runde machte: "Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger!" - was nicht wörtlich überliefert ist, aber die Haltung dieses Landes zu anderen Ländern, anderen Kulturen, zu Fremden symbolisierte.

Und davon handeln ja, im Wesentlichen, fast alle Kinderbücher: vom Fremden. Das kann mal die Stiefmutter sein, das kann mal die neidische Schwester sein, das kann der finstere Wald sein oder ein weißer Hase, der spricht. Das kann das traurige London sein oder ein Wal, den man sucht und sucht und sucht - oder es kann die Geschichte sein von einer kleinen Hexe, die nicht mitspielen darf, oder von einem Postpaket, das an den falschen Adressaten geschickt wird, und plötzlich lebt ein schwarzer Junge auf der Insel Lummerland.

Fast immer hat ein Kinderbuch mit Identität zu tun, mit der schwierigen Suche danach, wer man selbst ist, wer man sein möchte, wie einen die anderen sehen, wie man sich selbst sieht - und ob ein Buch etwas taugt, liegt nicht daran, ob ein Wort wie Neger vorkommt oder nicht. Es liegt an der Geschichte, die erzählt wird, es liegt an der Frage, ob sie zum Beispiel mit Angst und Autorität operiert, wie Wilhelm Buschs "Max und Moritz", oder ob sie, auf ganz andere Art grausam, von Liebe und Freiheit handelt wie Hans Christian Andersens "Kleine Meerjungfrau".

Die Diskussion ist eine Scheindiskussion

Jedes Buch hat seine Geschichte, hat seine Gründe, jedes Land hat seine Bücher, hat seinen Rassismus - und daran verändert sich nichts fundamental, ob man nun das Wort Neger wegnimmt oder nicht. Diese Diskussion ist eine Scheindiskussion. Und ich frage mich, woher die Aggression derer kommt, die dieses schmutzige Wort verteidigen wollen?

Das Abendland steht und fällt doch nicht damit, ob in der "Kleinen Hexe" von "Negerlein" die Rede ist oder in "Pippi Langstrumpf" vom "Negerkönig". Doch so klingt das im anschwellenden Bocksgesang der letzten Tage: Ulrich Greiner etwa begann seinen Text grundsätzlich und bebend mit einem Verweis auf Artikel 5 des Grundgesetzes, der Zensur verbietet, und stellte dann die Frage "Wie anders als Zensur oder Fälschung soll man das nennen?"

Wer soll hier eigentlich der Zensor sein? Dazu ist ja ein Zwang nötig, doch woher soll der wohl kommen? Der Verlag hat sich frei entschieden. Aber den Zwang konstruiert sich der Paranoiker zur Not auch selbst - und in ihrem Kern ist die Rede von der "politischen Korrektheit" eben paranoid. (Außerdem sollte man den Begriff "Zensur" nicht ohne Not verramschen: Was soll man denn bitte den Schriftstellern und Journalisten in China oder Russland oder Saudi-Arabien sagen?)

Ist der Zensor in diesem Fall also der eritreische Flüchtling Mekonnen Mesghena, der die Sache mit einem Brief an den Verlag ins Rollen gebracht hat und dem Greiner den belehrenden Satz schickt: "Er möge bedenken, dass alles Geschriebene dem Gesetz sprachlichen Altwerdens unterliege." Das ist der Ton, die Kälte, die Empathielosigkeit in dieser Diskussion, die ja am Ende gar keine rein feuilletonistische ist, sondern auch eine politische, so habe ich es jedenfalls verstanden, als sich auch mein SPON-Kollege, der politische Kommentator Jan Fleischhauer einschaltete.

In welchem Land also leben wir? Darum geht es mal wieder. Der Literaturkritiker Ijoma Mangold hat vor Jahren einmal ruhig und ernst reflektiert, was es heißt, als Kind mit dunkler Hautfarbe in diesem "ethnisch sehr homogenen Land" aufzuwachsen - und auch in der "Zeit" vertritt er nun eine andere Position als Greiner. Er schreibt von Thilo Sarrazin und den "Kopftuchmädchen", er schreibt vom "bürgerlichen Stammtisch, an dem sich Leute als Freigeister gerieren, indem sie unschuldig-provokant fragen: 'Was ist denn gegen das Wort Neger zu sagen?'"

Genau, und es ist doch auch "sonnenklar", wie Greiner schreibt, "dass Pippis 'Neger' nichts anderes sind als eine haltlos-unschuldige Spielerei mit jenem Phantasma des naiven Naturvolks, das schon Gauguin umgetrieben hat".

Komisch, wenn das jemand anders sieht. Dann erwägt man eben ihm zu schreiben, so wie Greiner an Mesghena, der heute für die Heinrich-Böll-Stiftung arbeitet, "dass die von ihm monierten Bücher in der Lesebiografie deutscher Kinder, die heute oftmals erwachsen seien, eine wichtige Rolle gespielt hätten und dass man ihnen nicht die Erinnerung stehlen dürfe".

Also: Meine Erinnerung hängt nicht an dem Wort Neger. Ich glaube auch nicht, dass man zu einem besseren oder schlechteren Menschen wird, wenn man das Wort Neger liest, ich finde das Wort einfach deplatziert, hässlich, tot. Dieses Land wird freier, schöner, liberaler, aufgeklärter sein, wenn man den "Neger" sein lässt.

Habe ich jetzt wirklich über den Streit um "Die kleine Hexe" geschrieben? Tut mir leid.

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