S.P.O.N. - Der Kritiker: Aufgeblasener Protest

Eine Kolumne von Georg Diez

Sie klingen vage und humorlos, sie verbreiten Angst: Die 1500 Unterzeichner des Aufrufs "Wir sind die Urheber" arbeiten mit dem Mittel der platten Vereinfachung. Die alte Kultur-Elite macht die Piratenpartei zum Sündenbock - dabei sollte sie ihr besser dankbar sein.

1500 Autoren protestieren. Aber diese 1500 Autoren protestieren nicht gegen die Verletzung der Menschenrechte in China. Diese 1500 Autoren protestieren nicht gegen die Demokratievernichtungsmaschine EU. Und diese 1500 Autoren protestieren auch nicht gegen eine Wirtschafts- und Wachstumspolitik, die die Welt in den Untergang treibt, wie es gerade der Club of Rome beschrieben hat.

Nein, wenn 1500 Autoren protestieren, dann denken sie an ihr eigenes Frühstück. Dagegen ist im Grunde nichts zu sagen. Die Frage ist nur, was das alles soll.

Denn an wen richtet sich dieser Aufruf, der mit einem Täterätä beginnt: "Wir sind die Urheber! Gegen den Diebstahl geistigen Eigentums"? Richtet er sich also an die Diebe, das wäre ja naheliegend. Aber die Diebe, die Diebe sind ja so schwer zu fassen, die Diebe sind du und ich, die Diebe will man auch nicht verschrecken, sie könnten ja am Ende doch mal ein Buch kaufen und nicht nur runterladen. Also richtet man sich lieber an die weite Welt, das große Nichts, ein ungefähres Gefühl.

"Mit Sorge und Unverständnis verfolgen wir als Autoren und Künstler die öffentlichen Angriffe auf das Urheberrecht", so heißt es reichlich vage in dem Text, den kein Autor oder Künstler in Umlauf gebracht hat ("Urheber", würde man heute sagen), sondern ausgerechnet ein Literaturagent. "Öffentliche Angriffe": Wo genau und wer greift an? Etwa schon wieder die Piraten, diese Acht-Prozent-Angst-Partei, die das Establishment schlottern macht, die die alte Elite um den Schlaf bringt, die man am liebsten attackiert, weil man ja sonst nicht weiß, wie oder wen man für dieses verdammte Internet und seine Probleme verantwortlich machen kann?

Wenn Literaten zu Lobbyisten werden

Es geht nicht um die reale Praxis des Downloadens, es geht um die symbolische Diskussion, die seit ein paar Monaten geführt wird - eine Diskussion, die deshalb so gespenstisch und hermetisch wirkt, weil es keinen Adressaten gibt und auch keinen Anlass.

Die "51 'Tatort'-Autoren", die im März schon mal einen ähnlichen "offenen Brief" geschrieben hatten - ausgerechnet "Tatort-Autoren", die ja nicht gerade zum Latte-Macchiato-Prekariat gehören, und ausgerechnet 51 davon -, diese "51 'Tatort'-Autoren" also haben damals wenigstens gesagt, an wen sie sich richten: "Liebe Grüne, liebe Piraten, liebe Linke".

Also in etwa die Parteien, die sie als kulturelles Milieu selbst wählen würden - nur dass sie hier mit einem Mal das Feindeslager bildeten: drei im Gegensatz zu CDU und SPD kleine Parteien, dreimal Opposition, drei Parteien, die nicht in der Regierung sind, die keine Macht haben, etwas zu verändern, die sich ein paar Gedanken machen und dafür ziemlich aufgeblasenen Protest ernten.

Ach, wäre es doch so einfach. Die "51 'Tatort'-Autoren" hatten sich auch noch an die "Netzgemeinde" gewandt, wer auch immer das sein soll, du und ich wahrscheinlich, jedes Mal, wenn wir den Computer zum Gottesdienst einschalten. Es war ein groteskes, trauriges Weltbild, das aus diesem "offenen Brief" sprach, die "51 'Tatort'-Autoren" warfen der "Netzgemeinde", also dir und mir, Demagogie vor, sie entlarvten, sagten sie, unsere Lebenslügen und verglichen das, was die Drehbuchautoren so machen, mit dem Angebot von Bus und Bahn - warum sonst sprachen sie am Ende von berechtigten Strafen gegen Schwarzfahrer?

Hohl und humorlos

Aber das passiert eben, wenn Künstler Klientelpolitik machen, wenn Literaten zu Lobbyisten werden: Sie klingen hohl und humorlos, sie verbreiten Angst und Vernebelung, wo ihr Geschäft doch die Aufklärung ist. "1500 Autoren gegen Gier und Geiz", so war die Schlagzeile zum neuesten Lobby-Coup hier auf SPIEGEL ONLINE - und wenn das mehr wie ein Protest gegen Media-Markt klingt als nach geistigem Leben, dann kann man das nicht den Redakteuren vorwerfen, die die Schlagzeile gemacht haben: "Gier" und "Geiz", das sind zwei Schlüsselworte aus dem Autoren-Aufruf, der die Wirklichkeit einigermaßen banalisiert.

Geht es um eine ethische Diskussion oder um eine politische? Wollen sich die Autoren für bessere Menschen engagieren oder für bessere Rechte? Aber selbst die Piraten, die ja gerade als Sündenbock für alles herhalten müssen, was sich technologisch, gesellschaftlich, ökonomisch ändert, diskutieren erst mal nur über eine Reform des Urheberrechts, sie bereiten also nicht das Ende der bürgerlichen Gesellschaft vor - und haben, auch wenn das manchmal so scheint, noch keine Mehrheit im Bundestag.

Woher kommt also diese Häme und diese Hetze? Wie kommt zum Beispiel jemand wie Henryk M. Broder dazu, so einen Unsinn zu schreiben: "Im Mittelalter blieben nur die Henker im Schutz der Anonymität, sie verrichteten ihren Job zwar öffentlich, aber mit einer Maske über dem Kopf. Heute wollen die Piraten unerkannt im Netz Urteile vollstrecken"?

Schon die Summe der Angriffe spricht inzwischen für die Piraten, schon die Schlichtheit der Vorwürfe. Die Piraten haben es geschafft, dass sich die Widersprüche und Unsicherheiten unserer Zeit eindrucksvoll offenbaren. Sie sind damit schon performativ eine Kraft der Aufklärung. Sie zeigen Fortschritt und Veränderung, ohne dass sie selbst Fortschritt und Veränderung sein müssen. Sie formulieren ein Problem, sie müssen deshalb noch keine Antwort haben, was natürlich für professionelle Antworthaber, die besonders gern "offene Briefe" und so weiter schreiben, schwer zu ertragen ist.

Und der "1500 Autoren"-Titel "Wir sind die Urheber" zeigt ja, wie hier gedacht wird: Es ist eine Geste des Angstmachens und des Einschüchterns, eine Geste der Ab- und der Ausgrenzung. "Wir" wissen, wie es geht, "wir" schreiben Bücher und machen Kunst, "wir" sind nicht ihr. Das wirkt ein wenig wie früher auf dem Pausenhof: Klassenkeile für den Neuling und die Raucherecke nur für Oberstufenschüler.

Die "1500 Autoren" sind in eine Falle getappt, die sie sich selbst gestellt haben.

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insgesamt 415 Beiträge
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1. Die üblichen Lügen
johnbatz 11.05.2012
Es gibt kein halbes Urheberrecht. Entweder es gibt ein Urheberrecht oder nicht. Selbst wenn es nur 1 Jahr gilt, dieses eine Jahr muss man es durchsetzen können. Die Piraten behaupten, das geht nicht. Die Piraten wollen, dass man ungestraft in Tauschbörsen alles tauschen kann. Das entspricht der Abschaffung des Urheberrechts. Die anderen Punkte, die die Piraten in ihrem Pamphlet zusammenstammeln, kann man sich getrost schenken. Das ist alles Augenwischerei oder banale Dummheit, genau wie dieser Kommentar. Wenn die Bedrohung durch die Anwälte entfällt tauschen die Leute nur noch. Nur Angst, Unsicherheit hält die Leute davon ab alles in Tauschbörsen zu kopieren. Nur deshalb gibt es überhaupt noch kommerziellen Erfolg. Der einzige große Irrtum ist, dass ein Haufen verwöhnter Wohlstandskinder glaubt, ein Anrecht auf irgendwas zu haben ohne etwas dafür geleistet zu haben. Macht mal die Augen zu, dann seht ihr was euch zusteht.
2. So ein Artikel geht gar nicht!!!
andreasoberholz 11.05.2012
Zitat von sysopSie klingen vage und humorlos, sie verbreiten Angst: Die 1500 Unterzeichner des Aufrufs "Wir sind die Urheber" arbeiten mit dem Mittel der platten Vereinfachung. Die alte Kultur-Elite macht die Piratenpartei zum Sündenbock - dabei sollte sie ihr besser dankbar sein. Georg Diez zur Urheberrechtsdebatte und Wir sind die Urheber - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,832665,00.html)
Als Urheber muss ich sagen. Was ein schlecht recherchierter Artikel. Er wirft mit Plattitüden um sich, stell diejenigen die sich wehren als Deppen da...WOW .... und das dann auch noch von einem Journalisten der sicher bei der VG Wort gemeldet ist..... Krass, da muss ich sagen der Autor schreibt wohl jeden Mist um Geld zu verdienen... Irrtümer gibt es da keine!! Die bisherigen Entwürfe zu Änderungen der Urheberrechts würden viele Leute um Lohn und Brot bringen....
3. Der Aufruf ist kitschig und oberflächlich,
Thomas Weber 11.05.2012
kitschig, weil der Aufwand in keinem Verhältnis zum Inhalt steht, oberflächlich, weil er die Bedeutung der digitalen Internetkommunikation für das geistige Eigentum und das Urheberrecht ignoriert. Die Digitale Internetkommunikation verändert die kommunitiven Voraussetzungen und den kommunikativen Rahmen für das "geistige Eigentum" und das Urheberrecht mit der Folge, dass dieses einfach an Bedeutung verlieren wird. In dieser neuen Kommunikationswelt wird zunehmend gelten: Wer sein "geistiges Eigentum" schützen will, wird immer weniger rezipiert. Er macht sein Angebot im Kommunikationsmarkt unsichtbar. Dis Diskussion um das Urheberrecht wird sich alsbald als eine Nachhustdiskussion herausstellen. ACTA, geistiges Eigentum, Urheberrecht, Politik, digitale Kommunikation - Am besten, Sie dchten auf der Stelle selber nach (http://thomasweber.blog.de/2012/02/15/acta-geistiges-eigentum-urheberrecht-politik-digitale-kommunikation-12792985/)
4.
berndzocher 11.05.2012
Bei allem Respekt gegenüber Herr Diez: Die Unterzeichner sind ganz sicher in keine Falle getappt, sondern es ist die fast verspätete Stellungnahme gegenüber einem Phänomen, das urheber gänzlich auslässt und Verwerter nur als Mafia verunglimpft. Ist Ihnen das nicht aufgefallen?
5. So einen Unsinn...
brello 11.05.2012
... habe ich selten gelesen. Gerade kurz zuvor erschien ein Artikel auf SPON, der die Diskussion einmal sachlich dargestellt hatte. Und jetzt dieses hier. Adressat des Aufrufes kann nur die Gesellschaft sein, der in der geamten Debatte versucht wird vorzugaukeln, dass es völlig in Ordnung sein muss, wenn es Geistiges Eigentum nicht gäbe und daher fröhlich drauflos kopiert und getauscht werden dürfe. Nur weil es technisch möglich ist, muss es doch wohl nicht erlaubt sein..!! Technisch möglich wäre es auch, sämtliche Daten im Netz zu kontrollieren - muss also erlaubt sein!? Oh, ich höre schon die Aufschreie derer, die diesen Grundsatz geprägt haben...
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).
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