Spektakel-Architektur in Georgien Die Bauwunder des Herrn Mayer aus Berlin

Micheil Saakaschwili wollte sein Land erneuern, und Architekten wie Jürgen Mayer H. aus Berlin sollten das neue Gesicht Georgiens gestalten. Jetzt muss der Präsident gehen und hinterlässt am Rande Europas ein armes Land voller Prachtbauten. Selbst Tankstellen sind hier Sehenswürdigkeiten.

Jesko M. Johnsson-Zahn

Von , Moskau


Der Architekt Jürgen Mayer H. hat ein Büro im Zentrum von Berlin, nähe Savigny-Platz, eine gute Adresse mit passendem Namen: Zementhaus. Jürgen Hermann Mayer, der das H. hinter seinen Nachnamen stellt, um Verwechslungen zu vermeiden, ist international ein gefragter Mann. Er hat in London und Harvard gelehrt und in Dänemark und Spanien gebaut. Aber nirgendwo sind in den vergangenen Jahren so viele Mayer-Gebäude entstanden wie in diesem 2600 Kilometer südöstlich von Berlin gelegenen Landstrich am äußersten Rand Europas: Georgien.

Mayer hat im Kaukasus Polizeistationen gebaut und einen Flughafen, insgesamt rund ein Dutzend Gebäude seit 2010. Er ist zu einem der Lieblingsarchitekten von Georgiens Präsident Micheil Saakaschwili geworden, und eine von dessen Lieblingsbeschäftigungen ist eindeutig: Bauen.

Ab in den Westen

Ein friedlicher Aufstand hatte Saakaschwili 2003 ins Amt getragen. Die Georgier vertrieben damals den greisen Eduard Schewardnadse. Das war mehr als nur ein Machtwechsel: Schewardnadse war 75, als sie ihn stürzten, ein ehemaliger Außenminister der Sowjetunion. Micheil Saakaschwili dagegen, den bald Anhänger wie Gegner bei seinem Kosenamen "Mischa" riefen, hatte im Westen studiert und war gerade einmal 36, als er Präsident wurde.

Saakaschwili wollte sein Land entschlossen nach Westen führen. Er träumte von einem Beitritt zu Nato und EU und legte sich mit Russland an. Und als wollte er diesen Kurswechsel tatsächlich zementieren, ließ Saakaschwili überall im Land moderne Architekten bauen. Sie sollten ein sichtbares Gegengewicht schaffen zu den tristen Blöcken, die einst die Sowjets in Tiflis und anderswo hingeklotzt hatten.

"Die Sowjetunion war voll grauer Straßen, bevölkert von grauen Menschen in grauen Anzügen, die in grauen Häusern wohnten", hat Saakaschwili einmal gesagt. Diktaturen sind eintönig und Demokratien sind bunt, so sein Credo. Deshalb holte er Architekten aus dem Westen, Männer wie Mayer.

In der Provinzstadt Mestia hat Mayer einen Flughafen entworfen, klein aber kühn, und Saakaschwilis Leute haben das Gebäude in nur drei Monaten hochgezogen, noch vor dem ersten Schnee. Und vor die Tore von Tiflis hat Mayer eine futuristische Tankstelle hinbetoniert, an jene Autobahn, über die im August-Krieg 2008 russische Panzer vorrückten. Die Tankstelle ist bei den Hauptstädtern sogar eine Art Ausflugsziel geworden, man kann Hochzeitsgesellschaften beobachten, die dort Erinnerungsfotos schießen. Georgien sei so ziemlich das einzige Land auf der Welt, "das auch einen Grenzposten oder eine Raststätte als Bauaufgabe für gute Architektur begreift, und als Zeichen seiner Erneuerung", sagt Mayer.

Sprengen - und neu bauen

Nahe der Ortschaft Sarpi ließ Saakaschwili einen alten Wachturm abreißen. Dort lugt nun neugierig der wohl imponierendste Mayer-Bau in Georgien über die Grenze in die nahe Türkei, ein Grenzposten mit verspielten Linien, einer Aussichtsterrasse für Besucher und den besten Voraussetzungen, zu einem Wahrzeichen des modernen Georgien zu werden. "Wir nahmen als Ausgangspunkt eine gerade Schnur, die dann locker fällt und in ihren Schlaufen Zwischenräume bietet", sagt Mayer.

Alle Entwürfe wurden vom Präsidenten persönlich abgezeichnet. In der Küstenstadt Batumi ließ Saakaschwili Hotels bauen, eine Strandpromenade und ein Rathaus, das aussieht wie eine auf dem Kopf stehende Flasche. In Kutaisi hat er ein 50 Meter hohes sowjetisches Kriegerdenkmal sprengen lassen, an der Stelle erhebt sich heute das neue, von Licht durchflutete Parlamentsgebäude.

Während seiner Regierungszeit sei in Georgien "mehr gebaut worden, als in den acht Jahrhunderten zuvor", sagt Saakaschwili gern. Das Architektur-Magazin "Mark" prophezeit gar, man werde eines Tages auf "eine Mischa-Epoche zurückblicken". Jürgen Mayer sagt, ihn habe beeindruckt, wie nachhaltig "Georgien Architektur als Zeichen seiner Öffnung nach Westen" verstanden hat.

Die Liebe zur modernen Architektur hat Saakaschwili aber auch viel Spott eingebracht. Wenn der Staatschef aus den Fenstern seines Präsidentenpalasts aus Glas und Stahl schaut, blickt er auf die "Brücke des Friedens". Der Architekt Michelle de Lucchi hat sie entworfen. Nachts beleuchten 30.000 LED-Lampen das Bauwerk, das sich wie eine sanfte Welle 150 Meter über den Fluss Kura im Zentrum von Tiflis spannt. Aber die Bürger frotzeln trotzdem, die Brücke sehe aus "wie eine Damenbinde". Und Saakaschwilis Erzfeind würde sie lieber heute als morgen abreißen lassen.

Eine Stadt aus dem Nichts

Bidsina Iwanischwili ist Georgiens amtierender Premierminister - und mit einem Vermögen von geschätzt fünf Milliarden Dollar der reichste Mann des Landes. Saakaschwili ist zwar noch Präsident Georgiens, de facto aber hat ihn Widersacher Iwanischwili schon vor einem Jahr kaltgestellt. Iwanischwili hatte eine Allianz gegen Saakaschwili geschmiedet, das Partei-Bündnis "Georgischer Traum".

Saakaschwili war nachgesagt worden, er wäre nach dem Ende seiner zweiten Präsidenten-Amtszeit gern wie Wladimir Putin in Russland auf den Sessel des Premierministers gewechselt. Weil auch die Bevölkerung Mischas durchaus selbstherrlichen Regierungsstil satt hatte, siegten seine Gegner bei den Parlamentswahlen vor einem Jahr. Premierminister wurde Iwanischwili.

Nun läuft Saakaschwilis Amtszeit aus. An diesem Sonntag wählt Georgien einen neuen Präsidenten und der Amtsinhaber und Architekturfreund darf nicht mehr antreten, so steht es in der Verfassung. Aus seiner Residenz ist er bereits ausgezogen.

Sein Bezwinger Iwanischwili hat mal 95 Millionen Dollar für ein Gemälde von Picasso bezahlt, und er wohnt über den Dächern von Tiflis in einem modernen Schloss aus Glas und Stahl. Er mag auch moderne Architektur, aber nichts, was auch Saakaschwili gefällt.

Hinzu kommt: Mit so manchem Projekt bewegte sich der scheidende Präsident auch hart an der Grenze zum Größenwahn. Den Kurort Batumi sollte zu einem "Barcelona am Schwarzen Meer" werden. Und in Anaklia, nahe der Demarkationslinie zur Separatistenrepublik Abchasien, wollte Saakaschwili gleich eine ganze Stadt neu aus dem Boden stampfen. Lasika sollte sie heißen, und knapp eine Milliarde Dollar kosten. Das ist viel Geld in Georgien, dessen gesamte Wirtschaftsleistung pro Jahr gerade einmal 16 Milliarden Dollar beträgt.

Premier Iwanischwili hat Lasika den Geldhahn zugedreht. Kaum mehr als das Rathaus ist fertig geworden. Ein einsamer Pier ragt ins Schwarze Meer. An seiner Spitze schraubt sich eine 30-Meter-Skulptur in den Himmel, entworfen von Jürgen Mayer.

insgesamt 89 Beiträge
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Seite 1
l.augenstein 27.10.2013
1.
Zitat von sysopJürgen Mayer H.Micheil Saakaschwili wollte sein Land erneuern, und Architekten wie Jürgen Mayer H. aus Berlin sollten das neue Gesicht Georgiens gestalten. Jetzt muss der Präsident gehen und hinterlässt am Rande Europas ein armes Land voller Prachtbauten. Selbst Tankstellen sind hier Sehenswürdigkeiten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/georgien-das-architektonische-erbe-von-saakaschwili-a-929820.html
Auf diese Merkwürdigkeiten kann Herr Mayer H. nicht gerade stolz sein. Aber das ist ihm sicher egal. Geld erhalten, und dann: nach mir die Sintflut.
Oberleerer 27.10.2013
2.
Zitat von l.augensteinAuf diese Merkwürdigkeiten kann Herr Mayer H. nicht gerade stolz sein. Aber das ist ihm sicher egal. Geld erhalten, und dann: nach mir die Sintflut.
Ich finde diese Bauwerke echt schön. Solange man mit soetwas nicht das Erscheinungsbild einer Altstadt verschandelt wie in St. Petersburg, sondern auf der gründen Wiese, ist das eine feine Sache. Vielfach glänzen die Provinzen nicht gerade mit Architektur, sondern nur, was dem Nutzen entspricht, also kargen Zweckbauten.
thomweb 27.10.2013
3. Jetzt weiß ich wenigstens...
...wer diese hässlichen Bauten verbrochen hat. In diesem Rasthof bei Gori haben wir vor 2 Monaten getankt. Mein Gedanke war: So muss es damals im Transit in die DDR gewesen sein. Schade, dass die Gehörgänge unter Saakaschwilis Palast nicht in der Fotostrecke auftauchen. Wie es der Zufall will, habe ich gerade gestern etwas dazu geschrieben: http://www.thomweb.de/andere-werke/kurzes/die-wahre-bestimmung-der-rohren/
Don Lucio 27.10.2013
4. Atemberaubend
Zitat von l.augensteinAuf diese Merkwürdigkeiten kann Herr Mayer H. nicht gerade stolz sein. Aber das ist ihm sicher egal. Geld erhalten, und dann: nach mir die Sintflut.
Mein höchster Respekt vor Menschen wie dem Herrn Mayer H. und seiner schöpferischen Kraft. Ob seine Bauten im Einzelfall dem Einzelnen gefallen sei dahingestellt. Das meiste im Leben ist nun mal Geschmacksache.Aber herausragende Talente wie dieser Herr Mayer sind es nun mal, die unsere Welt vorantreiben. Und misepetrige Nörgler mit beschränkter Weltsicht wird es auch (leider) immer geben. Aber die Karawane ist souverän, sie zieht weiter. Gott sei Dank. Gruß, Don Lucio.
willuw 27.10.2013
5. das wär' doch mal
ein Architekt für Limburg
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