Holzschnitt-Schau von Gert & Uwe Tobias Die Einschnitte kommen näher

Dass sie aus Transsilvanien stammen, war der Witz, mit dem die Zwillinge Gert und Uwe Tobias bekannt wurden. Viel spektakulärer war aber, dass sie die Technik des Holzschnitts modernisierten. Jetzt zeigt das Leverkusener Museum Morsbroich ihr Werk.

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Mit Laubsäge-Arbeiten fing es an. Die hatten sie während ihres Studiums an der Kunsthochschule in Braunschweig gemacht und anschließend farbig bemalt. Und daraus wurde die Idee, mit jener uralten Technik zu arbeiten, die Holz und Farbe und Oberflächenstruktur verbindet: Holzschnitt.

So spektakulär wich die neue alte Technik vom Kunst-Mainstream ab, dass die Zwillingsbrüder Gert und Uwe Tobias gleich mit ihrer ersten Galerie-Ausstellung in Köln schlagartig bekannt wurden. Mit ihren großen, bunten Holzschnitten zitierten die beiden außerdem die Folklore ihrer Heimatregion Siebenbürgen. Sie kreuzten und vermischten sie subtil und auch ironisch mit dem Vokabular des Konstruktivismus, Surrealismus und der Pop-Art zu einer ganz eigenen Bildsprache.

Natürlich brachte damals auch der Titel "Come and See Before the Tourists Will Do - The Mystery of Transylvania" Aufmerksamkeit. Damit machten sie sich über das Klischee lustig, dass Siebenbürgen seit dem "Dracula"-Roman des Iren Bram Stoker das Land der adligen Blutsauger ist und daher nur noch "Transsilvanien" genannt wird.

"Quirliges Kabinett der Skurrilitäten"

Nach internationalen Ausstellungen, darunter im New Yorker Museum of Modern Art, zeigt jetzt eine große Überblickschau im Leverkusener Museum Morsbroich das aktuelle Schaffen der Künstler-Zwillinge. Für diese Ausstellung haben sich die beiden eigens eine Präsentation ihrer Werke ausgedacht, zu der auch Wandmalereien gehören. Damit wird das breit angelegte Oeuvre mit Zeichnungen, Gouachen und Holzschnitten, Schreibmaschinen-Arbeiten, Collagen und Keramik-Skulpturen zu einem installativen Gesamtkunstwerk. Dieses verdeutlicht inhaltliche und formale Verbindungen zwischen den Einzelwerken.

Zu sehen ist ein "quirliges Kabinett der Skurrilitäten", so der Kurator Fritz Emslander, in dem die beiden "verschiedene Bildelemente aus dem Bereich des Folkloristischen oder Archaischen" kombinieren und es durch die Filter der modernen Avantgarden schicken, "um sie in ihre eigene Bildsprache zu überführen".

Die Schau belegt die Faszination der Tobias-Brüder für "das Groteske wie für das Ambivalente, für Doppelwesen zwischen Mensch und Tier, immer mit verführerisch-bunten Oberflächen und unheimlichen Abgründen, mit Anteilen der alten wie der neuen Heimat" - Rumänien und das Rheinland, sagt der Kurator Emsländer.

Die Betonung der Konstruiertheit künstlich komponierter Welten und hintergründige Referenzen an Paul Klee, Hans Bellmer und anderen Surrealisten-Kollegen erkennt man in den bizarren Figuren, die sich auf der Bildfläche entlang ziehen oder als seltsame Fantasiegestalten durch den Raum tanzen. Abstrakte Ornamente und florale Verzweigungen entspringen dem Dekor von rustikalen Kaffeetassen und volkstümlicher Bauernmalerei. So lustig kann Transsilvanien sein - jedenfalls wenn man dem von Rumänien immer noch verbreiteten Mythos folgt, der Touristen in das Land Draculas locken soll.

Poetisch und assoziativ

Ganz neue Mischtechniken auf Papier aus diesem Jahr sind auf eine andere Art fantastisch, ihre verwischten monochrome Farben lassen die Motive eher im Unklaren und wirken dadurch poetischer und auch assoziativer als die großen Holzschnitte, tragen aber dennoch die unverkennbare Handschrift der Zwillinge, die erst im Alter von zwölf Jahren nach Deutschland kamen.

1973 in Kronstadt geboren, haben die beiden gemeinsam von 1998 bis 2002 an der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste beim Kölner Walther Dahn studiert. Das hat sie anschließend nach Köln geführt und zu überzeugten Rheinländern gemacht. Immer haben sie zusammen gearbeitet. "Eins und eins ist bei uns drei, und drei ist die Arbeit", darüber waren sie sich schon vor acht Jahren bei einem Gespräch mit dem KULTUR SPIEGEL einig.

Der Titel eines Katalogbeitrags zur Ausstellung im Museum Morsbroich in Leverkusen lautet: "1 x 1 = 3" , und das fasst ziemlich gut die Dynamik des Duos zusammen. Uwe Tobias selbst sagt: "Durch zwei subjektive Qualitätsfilter entstand ein Mehrwert. Wir sind produktiver, nicht was die Quantität angeht, sondern vielmehr im Hinblick auf die Ideen, die zusammenfließen." Basis ihres Teamworks ist dieser Prozess des fortwährenden Austausches - die Collage wird so zu ihrem Werkprinzip. Wie zwei freundliche Vampire bezieht so der eine vom anderen die Ideen - und umgekehrt.

Inzwischen haben sie diese Einheit auch in ihren Namen etabliert: schon seit längerem steht ein "&" statt eines "und" zwischen ihren Vornamen - wie ein Markenzeichen, das auch in ihren Bildern immer wieder versteckt auftaucht.


Gert & Uwe Tobias: Leverkusen. Museum Morsbroich. Bis 23.8. www.museum-morsbroich.de

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
iron_net 12.05.2015
1. Ich...
...finde das alles doch sehr holzschnittartig.
nadennmallos 12.05.2015
2. Sehr schöne Arbeiten ...
... durch die Bank. Ohne "Wenn und Aber". Motive, Collagen, die u.a. an Max Ernst erinnern, aber ihre eigene Handschrift tragen. Hut ab!!
Yeti 12.05.2015
3. Rainer Calmund ...
... würde sagen: "Suppe geil!" Wirklich wunderbare Arbeiten. Ich habe mich vor dem Anschauen der Bilder gefragt, wie kann man das Thema Holzschnitt noch irgendwie weiter interpretieren, aber die beiden haben's echt gerissen! Chapeau.
die3fragezeichen 12.05.2015
4. @ Frau Wiensowski
Heißt er jetzt Gerd oder Gert?
neanderspezi 12.05.2015
5. Darstellungen mit vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten für alle, die sich daran beteiligen wollen
Unverfremdet geht auf dem Kunstmarkt zunehmend nichts mehr, die durchtrainierten Kenner des Kunstslangs müssen die Möglichkeit vorfinden, viel Zauber und Magie in die irgendwie zur Kunst geronnenen Phantasieprodukte hineininterpretieren zu können. Eine Anlehnung an Hieronymus Bosch kann hier beispielsweise von weit her angeschleppt werden, wobei allerdings die tiefe Symbolik Boschs auf der Strecke geblieben und einer variablen, frei interpretierbaren Bedeutungsleere gewichen ist, Patchwork in ungewöhnlichen Ausführungen und Oberflächenstrukturen der kunstsinnigen Brüder Gert&Uwe Tobias fürs kunstbeflissene Publikum in Leverkusens Museum Morsbroich.
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