Gerd von Haßler: Kasperle im Klassenkampf
Seine Kasperle-Hörspiele wie "Wer kann den besten Pudding kochen?" sind längst Kult. Doch Gerd von Haßler war nicht nur kreativer Hörspiel-Autor, sondern auch Atlantis-Forscher, Politiker und Journalist. In diesen Tagen wäre er 75 Jahre alt geworden.
Heiß begehrt: Haßlers Kasperle-Abenteuer aus den sechziger Jahren
"Genie ist Intelligenz der Begeisterung", sagte Friedrich Hebbel. In diesem Sinne war der lange Zeit zu Unrecht etwas in Vergessenheit geratene Hans Leo Gerd von Haßler zu Roseneckh ein universell gebildeter Genius, der vor kreativer Energie nur so strotzte. Er nahm Kinder und Erwachsene, Flora und Fauna gleichermaßen ernst und setzte in diversen Genres Maßstäbe. Der humanistische Humorist nahm sich in seiner Arbeit den großen Geheimnissen und Katastrophen dieser Welt an - von Atlantis über Tschernobyl bis hin zur bis heute ungeklärten Frage "Wer kann den besten Pudding kochen?" auf der legendären "Europa"-Langspielplatte "Kasperle ist wieder da" (E 269) aus dem Jahr 1968, die in Internet-Fan-Foren immer wieder als "bestes Hörspiel aller Zeiten" genannt wird.
Zum Einstieg eine kleine Dialogkostprobe aus der wundersamen Welt des Gerd von Haßler:
Kasperle: "Grüß Gott, liebe Kinder. Ach, ich..., nein, ich erzähl' gar nichts... Da kommt der Seppl, der kommt gerade richtig. Seppl, komm mal her, komm sofort hierher! Auf der Stelle! Marsch, marsch!"
Seppl: "Was ist denn das für ein Ton? Grüß dich Gott, Kasperle."
Kasperle (ereifert sich): "Das wirst du gleich hören, was das für ein Ton ist, das ist ein ganz böser Ton. Ich hab' gehört, du hast gesagt, das deine Großmutter einen besseren Pudding kocht als meine Gretl und meine Großmutter."
Seppl (noch besonnen): "Aber Kasperle, lass dir doch nicht immer solche Sachen einreden. Ich habe nur zu meiner Großmutter gesagt, dass sie den besten Pudding kocht, den ich je gegessen habe."
Kasperle (in einem Wahnsinnstempo): "Haaaach, den besten Pudding, den du je... Ha, du hast doch gestern noch bei meiner Frau, der Gretl, einen Pudding gegessen, und vor ein paar Tagen hast du bei meiner Großmutter gegessen; das ist eine Unverschämtheit! Da hat meine Großmutter ganz recht, wenn sie mir sagt, ich soll dir sagen, dass du nicht sagen darfst, dass deine Großmuttersagen darf, sie hätte gesagt... (überschlägt sich stimmlich) Seppl, das ist ungeheuerlich!"
Seppl (leicht verärgert): "Kasperle, jetzt hör doch auf, dich aufzuregen. Da ist doch nichts Unglaubliches dran. Ich werde doch noch meiner Großmutter sagen dürfen, dass mir ihr Pudding schmeckt."
Kasperle: "Jaaa... Das darfst du sagen, dass dir der Pudding schmeckt, aber du darfst nicht sagen, das es der beste Pudding ist, den du je gegessen hast."
Seppl (einlenkend): "Ja, wenn's aber wahr ist. Kasperle, das war wirklich der beste Pudding, den ich seit langem gegessen habe." (...)
Kasperle (besserwisserisch): "Aber jetzt hast du gelogen, wo du gesagt hast, dass der Pudding, von deiner Großmutter besser ist - das ist eine Lüge.
Seppl
(drohend) : "Oh, Kasperle, das ist überhaupt keine Lüge, und du bist ja unverschämt, wenn du sagst, dass ich lüge, da ist unsere Freundschaft gleich ganz zu Ende!
Ein folgenreicher Streit, der der Beginn einer aberwitzigen Humoreske ist, in die auch die Großmütter, die Hexe und Gretl einbezogen werden. Am Ende beschließen Seppl und Kasperle Puddingschlachten nur noch innerlich zu schlagen - und sogar der Polizist zieht ein versöhnliches Fazit: "Damen mit so herrlichen Kaltspeisen muss man sich warm halten."
Sprach Kasperle, Seppl und Igel gleichzeitig: Gerd von Haßler
Nachdem der aus der Wandervogelbewegung hervorgegangene "Hohensteiner Kasper" von Max Jacob im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts vom ehemaligen Salzburger Sauschneider und im Wortsinn schlagfertigen Vorstadtbühnen-Hanswurst zum Helfer in der Not und Freund aller Kinder avancierte, ist Gerd von Haßlers "Kasperle" die überdrehte Synthese aus liebenswürdigem Hallodri und bauernschlau-eigensinnigen Menschenfreund. Unvergesslich wie er im einschmeichelnden Singsang "Liebe, süße Frau Hexe" ruft, um ihr anschließend eines mit der Pritsche überzubraten.
Von Haßlers Ideenreichtum beim Ersinnen seiner Kasperein waren schier unerschöpflich, was allein schon bei der Titelwahl deutlich wird: "Wie Kasperle zu Königs Geburtstag nicht mitspielen will und den Förster zu Willhelm Tell macht" oder "Wie Kasperle die Prinzessin Tausendschön mit Juckpulver kurierte" sind nur einige Beispiele. Aber seine Hörspiele, die einst in Millionenhöhe über die Ladentische gingen und nun - längst vergriffen - auf Flohmärkten und Internetbörsen - zu Liebhaberpreisen gehandelt werden, waren auch voller literarischer ("Wie Kasperle den König zum Kalif Storch macht") und politischer Anspielungen ("Kasperle im Land von König Hampelmann"), machten vor absurden Wissenschaftsfantasien ("Wie Kasperle ein Mini-Radio in die Nase bekam") nicht halt - und warnten ohne moralisch-erhobenen Zeigefinger vor der Umweltzerstörung ("Die Straßenabfallbeseitigungsmaschine"). Deswegen sind sie sowohl heute für die Kinder von gestern als auch für eine neue Generation erwachsener Ersthörer immer noch goutierbar und schreien förmlich nach Widerveröffentlichungen.
Geschichten ohne erhobenen Zeigfinger: Haßlers Kasperle-Geschichten
Fünfzehnjährig meldete er sich freiwillig für den Kriegsdienst und landete auf einem Minensucher. Zwei Jahre später desertierte er jedoch nach einer leichten Verletzung, indem er sich bei einer dänischen Krankenschwester versteckte. Ende der vierziger Jahre studierte er Regie in Wiesbaden, um anschließend in Frankfurt am Main zu leben und zu arbeiten. Durch die Bekanntschaft mit dem späteren "Spiel ohne Grenzen"-Moderator Camillo Felgen kam er zu Radio Luxemburg, wo er die Preisverleihung des Goldenen Löwen konzipierte. Nach einem kurzen Intermezzo bei Warner Brothers zog er mit seiner ersten Frau und drei Kindern nach Hamburg.
Hier schrieb er als freier Autor regelmäßig Filmkritiken und feuilletonistische Essays für den SPIEGEL und "Die Welt am Sonntag", hier entstanden auch fast alle Hörspielaufnahmen. Andreas Beurmann, dem damaligen Künstlerischen Gesamtleiter von "Europa", war von Haßler als "begnadeter Humorist" auffällig geworden, der als Hans Roseneckh auch Seemannslieder komponierte und sang ("Wenn der Wind nach Westen weht"). Neben den improvisiert wirkenden "Kasperle"-Stücken und der spannungsgeladenen Slapstick-Serie "Käpt'n Stormy", deren Titelheld selbstverständlich von Gerd von Haßler gesprochen wurde, adaptierte er auch Welt-("Die Nibelungen", Der letzte Mohikaner") und Trivialliteratur ("Durch die Wüste") und entwickelte eigene Science-Fiction Szenarios ("Besuch aus dem Weltraum").
Doch damit nicht genug: Die heute 44-jährige Tochter Franziska Liemandt bezeichnet ihren Vater rückblickend als "konservativen Vorläufer der Grünen". 1966 sorgte der damals 38-Jährige für lokalpolitischen Wirbel. Er kandidierte bei der Wahl des Hamburger CDU-Landesverbandes und verlor nur knapp gegen den amtierenden Vorsitzenden Erik Blumenfeld. Dieses Scheitern verarbeitete er mit geradezu subversiven Seitenhieben auf seinen Kasperle-Platten, indem er gegen braunen Filz und groß- und kleinbürgerliche Vetternwirtschaft wetterte. Nach dem Zusammenbruch des Hörspielmarktes Ende der siebziger Jahre konzentrierte sich von Haßler mehr denn je auf seine populär-wissenschaftliche Interessen, wobei der sagenumwobene Kontinent Atlantis zu seinem Steckenpferd mutierte, was mit diversen Publikationen und einem 90-minütigen Hörspiel dokumentiert wurde.
"500 Fakten auf fünf Seiten": Gerd von Haßler
In den achtziger Jahren zog Hassler wieder in seine bayrische Heimat. Hier arbeitete er versessen an seinem letzten großen Projekt: Die GGZ ("Gemeinnützige Gesellschaft zur Zukunftssicherung") sah nach Hiroshima und Tschernobyl Vorkehrungen für den atomaren Supergau vor. Auf einem geschützten Vorratsgelände sollten Menschen und Tiere Zuflucht finden. Seine visionären Pläne trug er Franz Josef Strauß vor, der seine finanzielle Unterstützung zusicherte. Strauß starb kurz darauf.
Gerd von Haßler erkrankte selbst plötzlich an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Drei Monate nach der Diagnose verstarb er am 7. Januar 1989 im Alter von nur 61 Jahren. Neben drei erwachsenen Kindern hinterließ er aus der zweiten Ehe zwei Töchter im Alter von fünf und sieben Jahren.
Und so kam es, wie es kommen muss: Zu von Haßlers Lebzeiten waren seine Anhänger noch zu jung, um ihn für die Kasperle-Hörspiele persönlich zu danken. Dafür spielten sie seine Platten oftmals so häufig ab, bis sie ganz zerkratzt waren. Noch heute erweisen viele von ihnen dem Mann, der zugleich Kasperle, Seppl, König, Zauberer und Igel war, ihre Referenz, indem sie allabendlich seine Platten (inklusive Knacken und Knistern) zum Einschlafen hören. Ein schöneres Kompliment kann es wohl für einen Künstler nicht geben.
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