Gerhard Richter in Berlin: Vom Schnappschuss zur Kunst

Von Ingeborg Wiensowski

Neben der großen Gemäldeausstellung von Gerhard Richter in der Berliner Neuen Nationalgalerie läuft im "me Collectors Room" der Stiftung Olbricht eine weitere Ausstellung des Meisters. Zu sehen ist die weltweit einzige Sammlung nahezu aller Richter-Editionen.

Seit der Eröffnung der Gerhard Richter-Ausstellung "Panorama" warten die Besucher in Schlangen auf den Einlass in die Berliner Neue Nationalgalerie. Gleichzeitig gibt es eine zweite Richter-Ausstellung in der Stadt. Der "me Collectors Room" der Stiftung Olbricht zeigt nahezu komplett das Auflagenwerk, das der Sammler Thomas Olbricht in den vergangenen 20 Jahren zusammengetragen hat: "Gerhard Richter - Editionen 1965-2011".

Nur zwei Editionen fehlen: eine, weil es sie nur viermal gab, und sie sofort verkauft war, und die andere, weil sie in kleiner Auflage nur an Museen ging. "Die kann Olbricht also gar nicht haben", sagt der Kunsthistoriker und ehemalige Assistent Richters, Hubertus Butin, der die Ausstellung zusammen mit dem Sammlungskurator Wolfgang Schoppmann eingerichtet hat.

Es ist das erste Mal, dass in derselben Stadt die Unikate gleichzeitig mit den Editionen gezeigt werden, über die Richter 1998 in einem Brief an das MoMa in New York schrieb, er sehe darin eine "großartige Möglichkeit", seine Arbeit "einer größeren Öffentlichkeit zu vermitteln". In den Auflagen lote Richter außerdem "die Möglichkeiten des Bildnerischen" aus, sagt Butin. Er experimentierte mit verschiedenen Medien wie Druckgrafik und Fotografie, mit Objekten und Gemälden, Büchern und Plakaten und in unterschiedlichsten Gattungen wie Porträt, Historien- und Aktbild, Landschaft und Stillleben. Dazu nutzte er alle möglichen Strategien der Darstellung: Figuration, Abstraktion, Monochromie, optische Täuschung, geometrische Konstruktion.

Frühe Bilder nach Fotografien

Im ersten Raum sind seine frühen Bilder chronologisch geordnet. "Hund", ein Siebdruck von 1965, ist die früheste Arbeit und basiert auf einem Schäferhundfoto aus dem Familienalbum von Richters damaliger Frau Ema. Streng genommen sei es keine Edition, sagt Butin, denn Richter hat die noch feuchte Farbe eines jeden Blattes mit einem breiten Flachpinsel oder Rakel so verwischt, dass das Blatt zwischen Druckgrafik und Gemälde changiert. Auch "Familie" von 1966 ist nach einem Foto entstanden und zeigt Richters Schwiegervater, Ema als kleines Mädchen, ihre Schwester und einen Jungen, den Sohn der Pensionswirtin, bei der die Familie in den Ferien wohnte. Ein einfacher Urlaubsschnappschuss war die Vorlage, kleinbürgerlich und unscheinbar. "Solche Fotos sieht man nicht als Kunst an, aber wenn man sie in die Kunst transportiert, kriegen sie eine Würde und werden beachtet", zitiert Butin den Künstler.

Nur wenige Ausnahmen hat es von Richters Vorliebe für profane Motive gegeben, einige mit eher glamourösen Motiven hängen im ersten Raum: der Lichtdruck "Mao" von 1968 und die Offsetdrucke "Elizabeth I." und "Elizabeth II.", die Richter nach Zeitungsabbildungen reproduziert hat. Beim Bild der englischen Königin hat er mit versetzten Druckplatten gearbeitet, so dass es unscharf ist und ein Moiré-Effekt als Verfremdung entsteht, die das Bild dem Zugriff des Betrachters entziehen soll.

Bilder ohne persönliche Handschrift

Immer hat Richter für seine Editionen fotomechanische Reproduktionstechniken verwendet. Holzschnitt, Radierung oder Lithografie kamen für ihn nicht in Frage, weil er das künstlerische, den persönlichen Duktus nicht haben wollte. "Für ihn stand von Anfang an fest, dass er den Gegensatz von künstlerischer Handarbeit und industrieller Drucktechnik untergraben wollte, wie es auch die Pop-Art-Künstler gemacht haben", sagt Butin.

In den nächsten Räumen sind die Exponate nach Bildgattungen geordnet: Stillleben, Künstlerplakate, Landschaften, Gemäldeeditionen, Bilder zum Thema Farbe oder zu optischen Täuschungen. In Vitrinen liegen kleine Editionen, Multiples, Plattencover und Künstlerbücher.

Im zweiten Raum fallen die bekanntesten Editionen gleich ins Auge: "Ema (Akt auf einer Treppe)" von 1992, eine großformatige Cibachrome-Fotografie, ist nach einem farbigen Ölgemälde Richters von 1966 entstanden, das wiederum auf einem Foto seiner früheren Frau Ema auf der Treppe von Richters Atelier im Düsseldorfer Fürstenwall 204 basiert.

Auch die Fotografie "Onkel Rudi" (2000) folgt einem Gemälde von 1965, und "Betty" von 1991 hat Richter nach einem Ölbild von 1988 im Offsetverfahren gedruckt. Nach einem von ihm aufgenommenen Foto von 1978 zeigt es seine Tochter, die auf einen dunklen Hintergrund blickt. "Es ist kein neutraler Hintergrund", sagt Butin, Betty schaue auf ein graues Richter-Gemälde. Und deshalb hängt in der Ausstellung ein kleines grau monochromes Bild daneben. "Streng genommen ist es ein Ölbild, aber bei Richter gibt es die Sonderform der Gemäldeeditionen, die sonst kaum ein Künstler gemacht hat. Alle sehen auf den ersten Blick gleich aus, aber sie sind natürlich unterschiedlich, denn er hat sie ja mit der Hand gemalt", sagt Butin. Und bei allen Editionen nach Gemälden sei es für Richter immer wichtig, "nicht einfach Reproduktionen seiner Bilder zu machen, sondern ein neues eigenständiges, transformiertes oder modifiziertes Bild", sagt Butin. "Betty" sieht zum Beispiel anders aus als das Ölbild in der Nationalgalerie. "Zuerst gab es die Fotografie, dann hat er das Foto gemalt, dann das Bild fotografiert, dann hat er es in einem Offsetdruck reproduziert, mit Glanzlack überzogen, dass es dann doch wieder wie ein Foto aussieht."

Kluge Bilder

Auskunft über solche Techniken und seine Vorliebe, den Betrachter über das Medium seiner Editionen im Unklaren zu lassen, gibt Richter nicht, und Interviews mit ihm sind selten. Deshalb sollte man 55 Minuten einplanen für den alten Dokumentarfilm "Das Porträt: Meine Bilder sind klüger als ich - Gerhard Richter" von Victoria von Flemming, in dem Richter lange über seine Arbeit spricht.

Kunst sei "die höchste Form von Hoffen", sagt er und "Hoffen heißt Antwort auf das Entsetzen". Er spricht über seine Kerzenbilder, die damals "fast ein Schlager" waren, wahrscheinlich weil sie als stimmungsvoll und heilig gesehen wurden. Und über den Erfolg, nach dem die "Erwartung wächst" und der "am normalen Alltag im Studio nichts ändert". Zwischendurch bricht Richter die Dreharbeiten ab, lässt sich später aber wieder filmen. Man sieht Bilder von einer Ausstellungseröffnung 1987 in New York bei Marian Goodman, zu der viele Freunde und Kollegen gekommen sind, von Richard Serra bis Claes Oldenburg, von Kasper König bis Lawrence Weiner. Und man begleitet Richter in einem privaten Moment, nämlich auf seiner ersten Reise in seine Geburtsstadt Dresden 1986. Nach 26 Jahren steht er wieder vor dem Haus seiner ersten Frau Ema und erzählt, wie er früher aus deren Zimmerfenster auf eine Tanne klettern und runterspringen musste, um nicht gesehen zu werden.

Wie das Gefühl sei, hier zu stehen? "Mir werden etwas die Knie weich", sagt Richter, aber "die Sentimentalität der Reise ist ein Nebeneffekt, wichtiger ist es, dass die Bilder sprechen".

Das tun sie in der Ausstellung.


"Gerhard Richter - Editionen 1965-2011". me. Collectors Room Berlin/Stiftung Olbricht. Bis 13.5. Auguststraße 68, 10117 Berlin. Tel. 030/86 00 85 10. Rahmenprogramm mit Vorträgen und Diskussionen.

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insgesamt 8 Beiträge
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1.
makuzei 06.03.2012
Zitat von sysopNeben der großen Gemälde-Ausstellung von Gerhard Richter in der Berliner Neuen Nationalgalerie läuft im "me Collectors Room" der Stiftung Olbricht eine weitere Ausstellung des Meisters. Zu sehen ist die weltweit einzige Sammlung nahezu aller Richter-Editionen. Gerhard Richter in Berlin: Vom Schnappschuss zur Kunst - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,819436,00.html)
ich bin wohl nicht sensibel genug,diese bilder aufregend zu finden- ästhetisch verklärte fotos mir gefällt vonhemmer besser
2. so ist das
miauwww 06.03.2012
richter kann machen, was er will, es wird ihm doch alles als grosse kunst abgekauft... so ist das dann, war zB. auch schon bei picasso so
3.
makuzei 06.03.2012
Zitat von miauwwwrichter kann machen, was er will, es wird ihm doch alles als grosse kunst abgekauft... so ist das dann, war zB. auch schon bei picasso so
er ist sicher der weltmeister der ästhetik- ästhetisch sind seine abstrakten bilder schon furios- aber wem oder was dient die ästhetik in den abstrakten bildern?
4. Überbewerteter Langeweiler..
grumpy-berlin 06.03.2012
Zitat von sysopNeben der großen Gemälde-Ausstellung von Gerhard Richter in der Berliner Neuen Nationalgalerie läuft im "me Collectors Room" der Stiftung Olbricht eine weitere Ausstellung des Meisters. Zu sehen ist die weltweit einzige Sammlung nahezu aller Richter-Editionen. Gerhard Richter in Berlin: Vom Schnappschuss zur Kunst - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,819436,00.html)
Richter war mir ehrlich gesagt bis zu dem beginn des typischen Berliner Ausstellungshypes eher unbekannt und wenn ich die Bilder sehe weiß ich auch warum... Gerhard Richter ist perfektes Marketing...Aber Durchschnitt bleibt Durchschnitt, daran ändern auch lange Schlangen am Eingang nichts...
5. Kommentare.......
fahcgn 06.03.2012
wie die meiner Vorredner machen deutlich, dass der Diskurs halt nicht hier stattfinden sollte. Andererseits - wie war das noch mit der Eiche und dem Schwein, das sich daran reibt?
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