Rätselhafter Gerhard Richter Rakeln und Orakeln

"Mit dem Rest sollen sich Analytiker beschäftigen": Gerhard Richter ist der teuerste deutsche Maler - und der, der am schwierigsten zu fassen ist. Eine Annäherung.

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Gerhard Richter lässt alle hängen. Von Deutschlands bekanntestem und teuerstem Gegenwartskünstler werden jetzt neue und alte Bilder in Potsdam gezeigt, Werke aus den Sechzigerjahren bis heute. Doch zur Eröffnung der Schau "Abstraktion" entzieht sich Richter, 86, der Suche der Journalisten und Historiker. Wohlgesonnen aber wortkarg sitzt er in den barocken Räumen des Palais Barberini. Wenn er etwas sagt, redet er so leise, dass seine Worte trotz des Mikrofons verschwimmen, wie die Gegenstände in seinen Bildern. Tonaufnahmen macht er fast unmöglich.

Frage: Herr Richter, wie würden Sie ihre Haltung beschreiben, die sich durch ihr Werk zieht?

Richter: Ich male gern. Mit dem Rest sollen sich Analytiker beschäftigen.

Darauf kann er sich verlassen. Während Richter stets im Vagen bleibt, haben die Profis in Potsdam alle seine Schaffensphasen in etwa 90 Bildern erklärt. Die Schau zeigt seine Entwicklung von den schwarzweißen Fotobildern und Farbtafeln, die Übermalungen, später die großen Rakel-Gemälde, die Richter mit einem Riesenspachtel aus Plexiglas auf- und abschabte. Diese Technik der Farbschichtung zerstört mit jedem Auftrag das darunterliegende Motiv. Das Ergebnis ist dabei völlig offen.

Frage: Herr Richter, wann wissen Sie denn, dass ein abstraktes Bild fertig ist?

Richter: Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Es ist kein Denkvorgang. Es ist Malen.

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Gerhard Richter: Zufall und Abstraktion

Doch zur Abstraktion kann Ortrud Westheider weiterhelfen, Direktorin des Museums Barberini. "Sein Werk kann als stetige Fortführung und Wandlung der Abstraktion begriffen werden", hakt sie ein.

Dabei ist nicht alles völlig ungegenständlich in Richters Werk, auch das zeigt die Ausstellung: In einigen Bildern finden sich Andeutungen von Landschaften, Farben deuten Horizont oder Natur an. In anderen Abstraktionen kann der Betrachter Gegenständliches durchschimmern sehen, weil Richter realistische Darstellungen übermalt hat. Die Farbschichtungen der Rakel-Bilder rufen durch ihre geschabten Muster Erinnerungen an Mauern hervor. 50 Jahre Kunstschaffen ergeben hier eine logische Entwicklung. Früher wurden Richter Unstetigkeit und fehlende Konsistenz vorgeworfen. Jetzt erscheint alles Sinn zu ergeben. Auch für den Künstler selbst.

Richter: Das ist schön geworden hier. An einige Bilder konnte ich mich schon gar nicht mehr erinnern.

Frage: Wenn Sie Ihre älteren Bilder sehen, fühlen Sie sich inspiriert, sich manchen Dingen wieder zuzuwenden?

Richter: Nö. Nur, dass ich mal wieder malen sollte.

Zerstören und revidieren

Negation, Unschärfe, Fertiges wieder zerstören, Gesagtes revidieren - das sind Richters Prinzipien. Seine riesigen, digital generierten Streifenbilder flimmern und verschwimmen vor den Augen des Betrachters. Ab 2013 ließ er Lackfarbe auf Glasplatten ineinanderfließen und nahm Abdrücke davon. Computerstreifen, expressiv verlaufene Lackschlieren, seine frühen Farbtafeln - schon immer regierte bei Richter auch der Zufall.

Frage: Wann sind Sie zu der Erkenntnis gelangt, dass der Zufall manchmal besser ist als Sie selbst?

Richter: Na ja, beim Malen habe ich das gemerkt. Mit der Rakel.

Zum Zufall haben die Richter-Analytiker natürlich noch viel mehr zu sagen. "Wir sprechen hier von einem geplanten, einem kontrollierten Zufall", übernimmt die Kuratorin Valerie Hortolani, es sei kein völlig freies Farbverspritzen wie bei Jackson Pollock, der Farbe aus einer aufgeschnürten Konservendose tropfen ließ. Richter lege die Regeln fest. Wie genau er das etwa bei der Gestaltung eines der Fenster des Kölner Doms gemacht habe, darüber werde ein Richter-Experte noch einen Vortrag halten, ergänzt Ortrud Westheider. In jüngster Zeit sei er zur großformatigen Malerei zurückgekehrt.

Frage: Herr Richter, was kennzeichnet denn Ihre neuesten Werke?

Richter: Das werden Sie ja gleich sehen.

Lebendige Pinselschrift

Wieder helfen die Experten weiter: Richter benutze neue Malwerkzeuge, Palettmesser kämen nun zum Einsatz statt der schweren Rakel, daher die lebendige Pinselschrift. Einigen der Bilder lägen Landschaften zugrunde, die Richter nach Fotovorlagen abmalte. Sie wirken bunt und beschwingt. Es scheint, als habe sich Richter endgültig dem Expressiv-Ungegenständlichen zugewandt.

Frage: Tritt das Figürliche bei Ihnen nun ganz in den Hintergrund und weicht dem Abstrakten - oder ist beides für Sie dasselbe?

Richter: Ich weiß nicht, warum das so ist. Irgendwann lässt das Interesse halt nach.

Frage: Woran arbeiten Sie denn zurzeit?

Richter: Gar nicht. Ich komme nicht dazu.

Schock! Der begehrteste Maler kommt nicht mehr zum Malen - ist das Bescheidenheit, oder Kalkül? Sollte sich herumsprechen, dass der Star nicht mehr malt, würden seine Bilder noch begehrter, sein Alterswerk noch schwindelerregendere Preise erzielen. Denn Richters Gemälde sind so extrem teuer, dass der Kunstmarkt vor jedem Bild in Ehrfurcht erstarrt, ganz egal, was darauf zu sehen ist. Bei Sotheby's bezahlte ein anonymer Bieter schon 2015 für ein Richter-Gemälde den Rekordpreis von 41 Millionen Euro.

Natürlich möchte man gern wissen, was es für das künstlerische Schaffen bedeutet, wenn sich Käufer alles aus den Händen reißen, sich Sammler sogar für noch nicht gemalte Werke bewerben. Ob es sich wie eine Last anfühlt, ob der Erfolg die Kreativität hemmt.

Frage: Was bedeutet es für Sie persönlich, Deutschlands bedeutendster Maler zu sein?

Richter: Schwierig. Aber das ist eben so. Gewöhnt man sich dran.


"Gerhard Richter. Abstraktion" (bis 31. Oktober), Museum Barberini , Potsdam

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
inge-p.1 30.06.2018
1. Das schmerzt
" Gerhard Richter ist der teuerste deutsche Maler" - Die Überschrift und der Artikel wird Georg Baselitz schmerzen. Der, der sich seit Jahren bemüht, Richter von Thron zu stürzen, wird sich mit dieser "Niederlage" abfinden müssen.
upalatus 01.07.2018
2. The big Malarkanum
Richter machts richtig. Nicht zu fassen (warum sollte er auch), die eigentliche Arbeit nach Malerei tun mit Freude/Inbrunst andere, und offensichtich hat er seine Freude an Tiefgründfragestellern. Dabei kommt der Mann recht zivil daher, und nicht so aufgezwirnt + Lüppertzstöckchen.
BrunoGlas 01.07.2018
3. Herr Richter, wie würden Sie ihre Haltung beschreiben, die sich ....
Muss das sein, wenn ein Redakteur solche Fragen stellt. Mir ist eigentlich unverständlich, wie man sich einem derart in der modernen Kunstgeschichte eingeführten Maler mit so naiver Interviewtechnik annähern kann. Mich wundert nur, dass Herr Richter hierbei nicht ironisch geworden ist und auch noch so brav geantwortet hat. Selbstverständlich kann man das Phänomen der gefühlten Unschärfe bei Gerhard Richter in allen ihren Facetten beschreiben, wenn man der Wahrnehmung fähig ist. Im Grunde gibt es eine direkte Verbindung von Richters berühmtesten Bild "Ema – Akt auf einer Treppe“ von 1966 zu allen Folgewerken bis heute, eingeschlossen dem Fenster im Südquerhaus des Kölner Domes, welches auf dem computergenerierten Prinzip der 4096 Farben beruht: https://www.gerhard-richter.com/de/art/paintings/abstracts/colour-charts-12/4096-colours-6089 Zum Beispiel drückt sich die Unschärferelation bei dem Richter-Fenster in einer radikalen - sich permanent selbst generierenden - zweidimensionalen Ikonografie des Computers aus, die als scheinbar unendliche Zahlenfolge der 4096 Farben in den dreidimensionalen Andachtsraum projiziert wird. Dies macht es dem Betrachter schwer, denn üblicherweise liest man ein Kunstwerk in etwa wie ein Buch, also von links nach rechts, oder man orientiert sich an der Raumperspektive oder an der eigenen Bewegungsstatik. Hier funktioniert dies aber alles nicht mehr. Richter entzieht sich solchen Gewohnheiten der Wahrnehmung, seine Kunstwerke erlauben nirgends Fixpunkte, es entsteht kein Anfang oder Ende. Gleichzeitig zeigt sich ein unterkühlter Aspekt einer gefühlten Vergänglichkeit in allen seinen Kunstwerken, in die der Betrachter stets emotional mit hinein gezogen wird. In allen Werkgruppen bis hin zu den lang gestreckten Streifenbildern entsteht somit jeweils immer eine neue Form der Unschärfe, die durchaus lesbar ist, wenn man sich darauf einlassen kann. Insofern hätte die Redakteurin durchaus einen roten Faden in der Hand haben können, um Gerhard Richter etwas intelligentere Fragen zu stellen, hat sie aber nicht.
dasfred 01.07.2018
4. Nicht, dass das jetzt abwertend klingt,
aber ich würde viele Richter Gemälde statt platt an der Wand lieber auf Textilien übertragen sehen. Vom Kleid über Vorhänge bis zum Möbelbezugsstoff würden viele seiner Bilder eine neue Raumwirkung entfalten. Es ist einfach das Gefühl, dass diese abstrakten Farbkompositionen auslösen, dass mich denken lässt, ich möchte mich lieber mit ihnen umgeben, als mich in einer Halle davorzustellen.
janowitsch 01.07.2018
5.
Der Kunstmarkt ist zum Anlagemarkt verkommen. Es geht nicht um Kunst, sondern um Namen und Anlageobjekte, die dann in irgendwelchen Depots herumstehen.
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