Germanwings-Unglück Berlusconi-Blatt nennt Lubitz den "deutschen Schettino"

Das Kentern der "Costa Concordia" brachte dem italienischen Kapitän Schettino heftige Vorwürfe ein - und ein ganzes Land fühlte sich mit angeklagt. Nach dem Germanwings-Absturz zieht eine Zeitung nun einen fragwürdigen Vergleich.

Titelblatt von "Il Giornale": "Schlimmer als die Concordia"
il Giornale

Titelblatt von "Il Giornale": "Schlimmer als die Concordia"


"Germania sotto Shock", betitelt die italienische Zeitung "Il Giornale" ihren Bericht über Andreas Lubitz, den Co-Piloten der abgestürzten Germanwings-Maschine. "Deutschland unter Schock", und gleich darunter das Kunstwort "Schettinen".

Der merkwürdige Begriff ist eine offenkundige Anspielung auf den Namen des Kapitäns, der im Januar 2012 die Havarie des Kreuzfahrtschiffs "Costa Concordia" vor der Mittelmeerinsel Giulio verantwortete: Francesco Schettino. Da im Italienischen die Wortendung "-en" als typisch für die deutsche Sprache gilt, lässt sich die "Giornale"-Überschrift also in etwa so übersetzen: "Der deutsche Schettino".

Warum das Blatt des ehemaligen Regierungschefs Silvio Berlusconi die beiden Unglücksfälle miteinander vergleicht? Weil die Redakteure dem deutschen Co-Piloten Andreas Lubitz, der den Absturz in Südfrankreich offenbar bewusst herbeigeführt hatte, "wahnsinnige und kriminelle" Motive unterstellen. Weil beim Flugzeugunglück in dieser Woche fast fünf Mal mehr Menschen starben als beim Kentern der "Costa Concordia". Und weil deshalb der Absturz der Germanwings-Maschine "schlimmer als die Concordia" sei.

"Wahnsinnig und kriminell"

Einen solchen Vergleich findet der Autor des Textes eigentlich unangebracht, wie Alessandro Sallusti selbst versichert. "Auf dass die Deutschen ihre Lektion lernen", schreibt der Journalist: "Jedes Volk muss mit seinen eigenen Schanden und seinen eigenen Helden abrechnen."

Der Grund für diesen Vergleich, der angeblich keiner ist, liegt im Jahr 2012: Damals hatten etliche Medien, unter ihnen auch der SPIEGEL, den italienischen "Concordia"-Kapitän für sein Fehlverhalten während des Unglücks harsch kritisiert - und viele Italiener fühlten sich dadurch persönlich angegriffen. Der "Giornale"-Artikel ist insofern auch als Retourkutsche zu interpretieren.

Dass italienische Zeitungen des Berlusconi-Medienimperiums keine Scheu vor drastischen Vergleichen haben, bekam zuletzt 2012 Bundeskanzlerin Angela Merkel zu spüren. Nach dem Sieg der italienischen Nationalelf bei der Fußball-Europameisterschaft gegen die deutsche Auswahl titelte "Il Giornale" etwa: "Ciao Ciao Culona". Culona ist die Vergrößerungsform von "culo" - ein unschönes Wort für das Hinterteil - gemeint war damit die Kanzlerin.

"Il Giornale"-Titel im Sommer 2012: Spott über Angela Merkel

"Il Giornale"-Titel im Sommer 2012: Spott über Angela Merkel


Anmerkung der Redaktion: Nachdem wir den Nachnamen des Co-Piloten zunächst abgekürzt haben, schreiben wir ihn nun, ebenso wie der an diesem Freitagabend digital erscheinende SPIEGEL, aus. Die bisher veröffentlichten Ergebnisse der Ermittler lassen keine Zweifel zu: Andreas Lubitz führte diese Katastrophe herbei, aus welchen Gründen er auch immer handelte. Der Pressekodex fordert für eine identifizierende Berichterstattung, es müsse "eine außergewöhnlich schwere oder in ihrer Art und Dimension besondere Straftat" vorliegen. Diese Voraussetzung sehen wir erfüllt.

Was wir auf SPIEGEL ONLINE auch weiterhin nicht zeigen, sind Nahaufnahmen von Angehörigen der Opfer. Denn dafür gibt es, solange die Personen nicht von sich aus an die Öffentlichkeit gehen, keinen Grund. Wir respektieren ihre Privatsphäre.

mxw



insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
denkdochmal 27.03.2015
1. Berlusconi!
Wer überbietet eigentlich die Widerwärtigkeit dieses Unsäglichen?
ClausWunderlich 27.03.2015
2.
Nicht das der Copilot mal "italienisches Blut" in sich hatte! Viele Deutsche haben das seit der Römerzeit!
syracusa 27.03.2015
3. den Namen Lubitz ...
Den Namen Lubitz musste ich ausgerechnet aus dem SpOn Magazin erfahren. Wollen Sie jetzt der Bildzeitung Konkurrenz machen? Was hat das für einen Sinn, den Namen öffentlich zu machen?
chrimirk 27.03.2015
4. Die Italiener!
Wäre der Pilot mit dem Fallschirm rechtzeitig und heil abgesprungen und hätte sich auch noch von den französischen Rettungskräften rausholen lassen, dann wäre der Vegleich in etwa möglich. Aber so? Typisch italienisch!
zutk 27.03.2015
5.
wem nützt es, dass der Name abgedruckt wird? ohne die schwere der Tat runterspielen zu wollen. was kann die Familie für die Taten? alle Journalisten die das tun , sollten sich schämen!
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