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Eine Kolumne von

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obs/ ProSieben/ Rankin

Juroren von "Germany's Next Topmodel": "Versuch, ein bisschen Spaß zu haben!"

Die Regeln macht der Kunde: "Germany's next Topmodel" geht in die elfte Runde. Die Show lehrt junge Frauen, dass Unterwerfung die höchste Tugend ist. Gut, dass immer weniger Leute dabei zugucken wollen.

Sie ist wieder da. Heidi Klum ist zurück und präsentiert ab heute die elfte Staffel von "Germany's next Topmodel", und man könnte gut und gerne sagen "ja, bla, egal", wenn diese Sendung nicht so ein faszinierendes Beispiel wäre für etwas, das längst gegen die Wand gefahren ist und doch immer wieder versucht, Gas zu geben. Dieser Schrotthaufen von Show, was verspricht er diesmal? "Neue Jury, neue Regeln, neuer Style", ja, aber alter Käse und vermutlich noch schlechtere Quoten als zuletzt.

Das Frauenbild in Deutschland, da wollten wir doch drüber reden, nicht wahr? Für die Flüchtlinge. Bitte schön. Was lernt man zum Beispiel bei GNTM? Oberste Regel, die Heidi Klum in jeder verdammten Folge wiederholt, natürlich nicht als Regel, sondern als vermeintlich freundlichen Rat: "Hab Spaß!" oder "Versuch, ein bisschen Spaß zu haben!" Entschuldigung, aber das ist pervers. Spaß hat man oder man hat ihn nicht, aber man kriegt ihn nicht durch Aufforderung oder Überwindung. "Hab Spaß!" bedeutet: Tu den Quatsch, den du hier tun musst, widersprich nicht, stell nichts infrage, aber lächel dabei und sieh gut aus, denn das ist deine Aufgabe und was Besseres kriegst du nicht.

Unterwerfung ist die höchste Tugend

Nächste Regel: Alle weiteren Regeln macht der Kunde. Wenn der Kunde dich an einem Kran in die Luft hängen will, bitte, hier ist dein Sicherheitsgurt. Wenn der schmierige Kunde dir ein schmieriges Tier um den Hals wickeln will, dann nimm das Viech und sieh sexy damit aus. Wenn der Kunde dich nackt will, dann überleg doch mal, ob das für dich geht, aber mach schnell, sonst ist der Job weg und wozu machen wir das hier eigentlich.

Es ist nur leider so, dass "der Kunde" am Ende auf die meisten Teilnehmerinnen und erst recht auf die Zuschauerinnen gar nicht wartet. Okay, man kann so tun, als ob. Bisschen Fantasie. Es wird aber nicht besser damit, dass die immer wieder beschworene "tolle Zeit" bei GNTM eine ist, in der Unterwerfung die höchste Tugend ist. Immer wieder geht es darum, den Willen der Teilnehmerinnen zu brechen und so zu tun, als wäre das eine ganz super Entwicklung für sie. Eine der beliebtesten Folgen jeder Staffel ist die "Umstyling"-Folge: Alle Teilnehmerinnen kriegen einen neuen "Look". Dazu werden ihnen die Haare geschnitten und/oder gefärbt und die meisten von ihnen sträuben sich. Da wird geweint und sich gewehrt und werden Einzelgespräche geführt, bis die allermeisten am Ende - haha, so geht gutes Entertainment - doch einknicken und Strähne um Strähne zu Boden sinkt. Wenn sie sich erfolgreich widersetzen, dann ist das "echt schade", von wegen einmalige Chance und so.

Der imaginierte Kunde regiert allein in einem Raum, in dem Selbstbestimmung, Schmerzen und Würde wenig relevante Kategorien sind.

Huch. Fast hätte ich von einem rechtsfreien Raum gesprochen, und ja, da war ja was. Man lernt in dieser Sendung also hauptsächlich, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und sich fremdbestimmen zu lassen. Tja, schöne Scheiße. Wenn man perfekte Ausgangsbedingungen nennen müsste, unter denen man Belästigung und Übergriffe über sich ergehen lässt, dann wäre es ziemlich genau das. Das heißt nicht, dass sämtliche Teilnehmerinnen und Zuschauerinnen sich freiwillig angreifen lassen. Aber es heißt, dass Hunderttausenden Mädchen eine Einstellung eingetrichtert wird, die lautet: Es ist schon okay, was mit dir passiert, halt durch, mach mit, hör nicht auf zu lächeln, du willst doch Teil des großen Spiels sein, nicht wahr?

Und da haben wir noch nicht mal angefangen, über Essstörungen und einen absurd verengten Schönheitsbegriff zu sprechen.

Selbst das amerikanische Original läuft nicht mehr

Ich habe GNTM in einem anderen Text mal einen Laster voller Mädchenkotze gewünscht. Mit Erbrochenem von bulimiekranken Mädchen. Einfach so als Gruß aus der Küche. Ich wäre immer noch dafür, aber vor allem wünsche ich der Sendung sinkende Quoten, auch mit ihren "neuen Regeln", die offenbar lediglich etwas damit zu tun haben, dass die Jury sich neue Entscheidungs-Spielchen ausgedacht hat und "die Mädchen" jetzt nicht mehr in einer "Model-Villa" residieren, sondern in Etagenbetten schlafen müssen.

Klar muss GNTM sich etwas Neues einfallen lassen, weil die Einschaltquoten immer weiter sinken - nie waren sie so schlecht wie im vergangenen Jahr. Die amerikanische Variante der Sendung wurde vor Kurzem nach zwölf Jahren abgesetzt. Genau wie Barbie mal wieder neue Körper kriegt zu einem Zeitpunkt, als die Verkaufszahlen immer schlechter werden, versucht ProSieben also, seinen Arsch zu retten. Und weil es zu billig wäre, die GNTM-Teilnehmerinnen jetzt auch Kamelhirn essen zu lassen, gibt es eben das harte Modelleben in - wie schlimm! - WGs. Dazu ein neuer Juror, Michael Michalsky, den kennt man - oder halt auch nicht - von erfolglosen "Tchibo"-Kollektionen.

Aber warum so gehässig? Eines der Gegenargumente gegen Kritik an GNTM ist, dass "die Mädchen" das alles freiwillig tun würden und man sie ja wohl nicht bevormunden solle, vor allem nicht als Feministin. Freiwilligkeit als Kriterium für das Gute, nun ja... Schon mal gesehen, wie enthusiastisch "die Jungs" in den ersten Weltkrieg gezogen sind? Fieses Beispiel, aber fies ist die Sendung auch.

Schlechtes Vorbild für junge Mädchen

Natürlich sollte man "die Mädchen" nicht bevormunden. Kritisieren kann man die Sendung trotzdem. "Freiwilligkeit" ist allerdings auch so ein Ding, wenn man bedenkt, dass die heute startende Staffel die elfte ist und die jetzigen Teilnehmerinnen und Zuschauerinnen also teilweise seit ihrer tiefsten Kindheit diese Sendung sehen. "Ich guck Germany's Next Topmodel, seitdem ich denken kann", sagt eine der Teilnehmerinnen, und ja, das ist ein Problem. Und zwar nicht, weil die Teilnehmerinnen dumm wären. Auch ehemalige Kandidatinnen erklären immer wieder, dass sie da ganz wunderbare, lustige, schlaue Mädchen kennengelernt hätten. Umso schlimmer ist es, wenn diese tollen Mädchen da mitmachen. Man würde fast behaupten, sie verkaufen ihre Seelen, aber Geld verdienen sie damit nicht.

Apropos Geld. Parallel zur elften Staffel erscheint ein neues Magazin für 8- bis 12-Jährige, also eigentlich zum großen Teil für eine Zielgruppe unterhalb der Altersfreigabe von 12 Jahren, wie Nils Pickert von "Pinkstinks" bemerkt. Auf dem Cover das Motto: "Freu dich!"

Freuen tut sich auch Heidi Klum, seit letztem Jahr hauptsächlich aufs Essen vor der Kamera. "Ich freu mich so auf den Döner, das glaubste gar nicht!", ja, ja, so ist sie nämlich, die lässt sich auch mal gehen und ist gar nicht so verbissen, was Ernährung betrifft und so, aber es wirkt fast etwas surreal zwischen Werbung für Jogurt und Diätmittel. Surreal im Sinne von: Nicht mal der letzte Trottel glaubt ihr.

Und so wird auch diese neue Staffel nur die zur Show geronnene Rechtfertigung einer veralteten Ordnung, die immer weniger Menschen sich reinziehen wollen. Und wenn wir doch noch mal kurz über Schönheit reden wollen, dann jetzt: Je weniger Leute GNTM gucken, umso schöner.


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insgesamt 262 Beiträge
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1. Ohne
rockmadroll 04.02.2016
Ton ertragbar!
2. Jedes Publikum bekommt die Sendungen
galbraith-leser 04.02.2016
die es verdient. Traurig, aber wahr. Gilt für Volk/Regierung genauso, das ist noch trauriger.
3. Wusstet ihr, dass es noch immer Casting shows gab?
markushatt 04.02.2016
Ich habe zwischen Weihnachten und Neujahr von einem Bekannten erfahren, dass es noch Casting Shows im Fernsehn gibt. Ich musste grinsen, da ich von dem gar nichts mitbekommen habe. (Erfolgreich passiert)
4. well, das ist wohl so...
TOKH1 04.02.2016
schöner Artikel. Danke, passende Worte. and well... ja Wellness...mit vielen guten Mahlzeiten...und echtem Spass..
5. Brilliante Analyse
berniejosefkoch 04.02.2016
Hoffentlich lesen diesen Beitrag möglichst viele. Es ist vor allem eine Sendung die man NICHT braucht. Genauso Niveau los wie, DSDS oder Ich ein Star... Nur eins kommt nicht so ganz raus: Es geht auch um viel Geld, vor allem für Klums Firma.
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Margarete Stokowski

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