Zum Tod von Gert Voss Der Königsschurke

Gert Voss war über Jahre der größte Heldendarsteller des deutschsprachigen Theaters - und ein sensationeller Komiker. Mit der Darstellungslust einer Rampensau lehrte er die Zuschauer das Staunen. Ein Nachruf.

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Er konnte breitmäulig ins Parkett grinsen, bis die Zuschauer vor jedem einzelnen Zahn seines Krokodilgebisses das Fürchten lernten. Er konnte blitzenden Auges die extra langen Tanzbeine schwingen, bis es Männern und Frauen ganz schwach ums Herz wurde vor so viel Charme und Eleganz. Und er konnte mit schnarrender Brüllstimme herumkommandieren, damit ganze Krieger-Bataillone vor ihm bibbernd paradierten. Der Schauspieler Gert Voss, der am Sonntag im Alter von 72 Jahren gestorben ist, war der größte Heldendarsteller des deutschsprachigen Theaters - in einer Zeit, die sich brüstete, alle Helden abgeschafft zu haben.

Mit dem Zeitgeist der Jahre nach 1968 hat es zu tun, dass die Theaterzuschauer in Stuttgart, Bochum, Wien und Berlin den Schauspielkünstler Gert Voss nicht bloß als großen Tragödienstar lieben durften, sondern auch als sensationellen Komiker. Seine vielleicht berühmteste Rolle war der bucklige König Richard der Dritte in Peymanns Inszenierung der Shakespeare-Tragödie "Richard III.", mit der Claus Peymann und sein Ensemble im Jahr 1987 das Wiener Burgtheater eroberten. 45 Jahre alt war Voss damals, doch wie kindlich-ulkig dieser Schlächter seine Opfer umgarnte! Wie leutselig er den rund um die Schädeldecke kahlrasierten Kopf schieflegte! Wie närrisch greinend er sich in jede neue Mordtat stürzte, als sei der Kampf um den Thron Englands nur ein blutiger Jux!

Überrascht vom eigenen Talent

Staunen konnte dieser Mann wie kein anderer. Angeblich war Gert Voss, so hat er es jedenfalls in seiner Biografie erzählt, auch an jenem Tag Anfang der Sechziger baff und überrascht, als ihm bei einer sogenannten Schauspieleignungsprüfung in Stuttgart Talent bescheinigt wurde. Voss, als Sohn deutscher Kaufleute 1941 in Shanghai geboren und nach Kriegsende mit seinen Eltern ins zerstörte Deutschland umgesiedelt, hatte in Tübingen ein bisschen Germanistik und Anglistik studiert und nahm dann Schauspielunterricht in München. Seine ersten größeren Theaterrollen spielte er in Konstanz, Braunschweig und am Münchner Residenztheater, bevor er 1974 zu Claus Peymann in Stuttgart stieß - und schnell zu einem Hauptakteur des damals, wie wir in den Kulturgeschichtsbüchern nachlesen können, aufregendsten deutschen Theaters wurde.

In Stuttgart wurde in den Siebzigern nicht nur über angeblich dreiste Klassikerinszenierungen und neue Stücke von Herbert Achternbusch oder Thomas Bernhard gestritten, sondern auch über die Frage, ob politisch engagierte deutsche Künstler wie Peymann sympathisierten mit den Terroristen der Roten Armee Fraktion. Voss spielte in Stuttgart unter anderem den Karl Moor in Schillers "Räubern" und den Titelhelden in Büchners "Woyzeck". Und als große Teile der deutschen Öffentlichkeit Gift und Galle spuckten, weil Claus Peymann den Zahnersatz für eine inhaftierte deutsche Terroristin per Spendensammlung finanzieren wollte, da redete Voss in der Rolle des Shakespeare-Narren Puck in einer "Sommernachtstraum"-Inszenierung beruhigend ein auf die hasserfülltesten der Stuttgarter Theaterzuschauer.

Ein famoses Theaterglückskind

Der einzigartige Zauber dieses Schauspielers funktionierte auch in diesem Fall. Gert Voss zuzuschauen machte einem praktisch immer gute Laune. Viel wird anlässlich seines Todes nun wieder geschwärmt werden davon, was für ein kluger, belesener und redegewandter Mann er war. Und doch war Voss kein Kopfschauspieler, sondern ein manchmal geradezu rampensäuischer Instinktdarsteller. Als Shylock in Peter Zadeks Version des grotesk antisemitischen Shakespearestücks "Der Kaufmann von Venedig" spielte er 1988 in Wien einen fiesen Managergroßkotz mit Haargel in der Tolle. Als Zadeks Titelheld in der Wiener Inszenierung des Tschechow-Stücks "Ivanov" im Jahr 1990 war er ein melancholischer Verlierer, dessen Untergang die Zuschauer zu Tränen rührte. Und als alter König Lear in Luc Bondys Shakespeare-Inszenierung von 2007 stiefelte er wie ein Beckett-Clown durch die angelsächsische Heidelandschaft.

Natürlich hat Gert Voss, den sie in Wien über ein Vierteljahrhundert hinweg verehrten und mit Preisen dekorierten als König des Burgtheaters, auch in ein paar Fernsehspielen und Kinofilmen mitgespielt, zuletzt in Helmut Dietls Megaflop "Zettl". Natürlich ist er in seinem langen Künstlerleben auch manchmal verrissen worden, meist von Kritikerinnen und Kritikern, die meinen, kritisches Bewusstsein und eklige Laune seien ein und dasselbe. Und doch war Gert Voss sein ganzes Künstlerleben lang ein großes, famos alterndes Theaterglückskind. Ein schlaksiger, stolzer Mann, der auf der Bühne zu einem anderen, zauberischen Leben erwachte: dem eines Kindkaisers, der bis zu seinem Ende über seine eigene Allmacht staunte - und zugleich seine Bewunderer den Spaß des Staunens lehrte.



insgesamt 3 Beiträge
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higgibaby 15.07.2014
1. Richard
In unserem Schauspielschuljahrgang konnten wir den gesamten Richard 3 von Voss nachspielen, wir hatten die Vorstellung so oft gesehen, dass wir alle Bewegungen und Betonungen wie Voss wiedergeben konnten, einige hatten sich sogar die Haare wie Voss geschnitten.. Was für ein Schauspieler!!
AyhanHardaldali 15.07.2014
2. Zum Tod von Gert Voss
Als Maskenbildner dürfte ich Gert Voss in Bochum erleben. Ein Mimik Zauberer Ohne Maske. Er war hundert Prozent immer in der Rolle drin, er war ein Acteur. Ein großer heller Stern am Himmel.
kathrephtis 16.07.2014
3. Unerreicht
BRANDTEIGKRAPFEN! ...in "Ritter, Dene, Voss": immer noch im Ohr. Zuletzt gesehen bei einer LEAR-Gastspielprobe in Berlin. Wir Zugelassenen durften nur hinter der Regiepult-Reihe sitzen. Nach einigen Szenen unterbrach Voss plötzlich, trat an die Rampe und sagte: "Kinder, kommt doch zu uns nach vorne, wir fühlen uns so allein hier oben." - Kurze Umzugspause.Darauf spielte er hochkonzentriert und ergreifend seinen Lear weiter. Von "Probe" war Nichts zu spüren.
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