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Geschichte der Homosexualität: Die Welt ist schwul – na und?

Von Tim Stüttgen

Gleichgeschlechtliche Liebe ist so alt wie die Menschheit selbst. Der opulente Sammelband "Gleich und anders" gibt einen unterhaltsamen Überblick über die Geschichte der Homosexualität und spart auch Klischees und Mythen nicht aus.

Die Tatsache, dass Sex ein Hingucker ist, ist nicht gerade neu. Seit den Höhlenmalereien, die von der Sex-Performance-Künstlerin Annie Sprinkle einmal als die "ersten Pornos" bezeichnet wurden, machen sich Menschen einen ganz schönen Kopf um das Sexualverhalten ihrer Gattung. Bei gleichgeschlechtlichem Sex ist die Sache sogar noch deutlich komplizierter: Trotz der ständig steigenden Integration gleichgeschlechtlicher Lebensformen und ihrer vermehrten Sichtbarkeit in den Medien, sorgt die gute alte Homosexualität immer noch für viel Trara. Ob als plumpe Beleidigung gegenüber Außenseitern oder als Provokation für Kulturkonservative: Schwules und Lesbisches schockiert den heterosexuellen Alltag immer wieder.

Doch was all' den Phantasmen zwischen tuntigen Stereotypen und dem plumpen Bild der "Kampflesbe" entwischt: Homosexualität ist nicht nur vielschichtiger als ihre Klischees, sondern auch eine der ältesten und stabilsten Säulen der globalen Kulturgeschichte. Einen einführenden Einblick in die so unergründlichen wie faszinierenden Wege homoerotischen Begehrens präsentiert nun das umfangreiche Buch: "Gleich und Anders – Eine Globale Geschichte der Homosexualität".

Robert Aldrich, Professor für europäische Geschichte an der Universität in Sydney, hat in diesem stattlich bebilderten Wälzer eine Gruppe Kollegen und Fachmenschen eingeladen, verschiedenste Aspekte der homosexuellen Kulturen zu beleuchten. Und natürlich startet sein Buch bei den bis heute legendären Mythen der Antike: Im alten Griechenland gab es noch kein zuschreibendes Wort namens "schwul". Damals war Sex mit schönen Jünglingen eine so alltägliche wie lustvolle Betätigung neben der Ehe. Das Verführen von jungen Männern war in den Königshäusern genauso beliebt wie bei den großen Philosophen. Daraus einen Skandal zu machen oder gar die sexuelle Identität der Ehemänner kritisch zu thematisieren, fiel überhaupt niemandem ein. "Eine andere Ökonomie zwischen Körpern und Lüsten" hat diese Ära einmal der schwule Philosoph Michel Foucault genannt, fasziniert von der Möglichkeit, das früher Sex einfach eine Sache war, die man kultivierte – und nicht Grund für eine Identität, die man festschrieb oder gar pathologisierte.

Verteidigung der Liebe unter Männern

"Gleich und Anders" versteht es, einen unterhaltsamen Überblick über die verschiedenen Mythen der griechischen Götter und Gedanken der großen Philosophen zu zeichnen. Vom populären Komödiendichter Aristophanes bis zum Gott des Weines Dionysos finden sich offen homosexuelle Anspielungen. Ein Philosophie-Klassiker wie Platons "Symposium" kann problemlos als Verteidigungsschrift für die Liebe unter Männern gelesen werden. Diese tritt in ihren Dialogen konkret als die Liebe des jungen Philosophen selbst zu seinem Lehrer Sokrates zutage. Doch leider wurden, wie so oft, diese Privilegien der Ausschweifung primär von Männern genossen. Die Frauen waren in klassischer patriarchaler Tradition von den meisten Genüssen des Lebens ausgeschlossen und kümmerten sich um Ehe, Erziehung und Hausarbeit.

Da ist es kein Wunder, dass die Aufzeichnungen zum Lesbianismus deutlich spärlicher ausfallen, als die der homosozialen Männerbünde. Seitdem der Apostel Paulus Sex unter Frauen genauso wie den unter Männern als Sodomie definierte, war der Lesbianismus so dämonisiert wie verpönt in der westlichen Welt. Doch die Justiz und der Klerus hatten nicht wenige Probleme, ihn überhaupt nachzuweisen. Waren Frauen, die sich als Männer kleideten und eine Ehefrau nahmen, nun des Lesbianismus zu beschuldigen oder waren sie Hermaphroditen? Wo fing der lesbische Sex eigentlich an, wenn Sex doch auf dem phallischen Prinzip mit dem Penis im Zentrum fußte?

Faszinierende Anekdoten von crossdressed Women und weiblicher Männlichkeit ziehen sich seit mehr als 500 Jahren durch die westliche Historie. Eine erzählt davon, wie eine Ehefrau mehrere Jahre mit einer männlich identifizierten Frau lebte, ohne ihr biologisch weibliches Geschlecht herausgefunden zu haben. Nicht nur dem Dildo sei Dank, soll sie ihren "Ehemann" nach der Entdeckung nur noch begeisterter begehrt haben.

Homosexualität als Krankheit

Dass am Ende dieser Anekdoten meist Verbrennung und Verstümmelung standen, Gefängnis oder gar KZ, ist eine der grausamsten Wahrheiten der Menschheitsgeschichte. Folgt man der Historie der Sexualität, kann man sich vom Glauben an Entwicklung und Fortschritt eher verabschieden. Die Sexualwissenschaft und die Psychologie taten ihren Teil dazu, Homosexualität als Krankheit zu definieren und Menschen, die die sozialen Grenzen des Begehrens oder des Geschlechts überschritten, in Anstalten zu sperren.

Da schien so manches afrikanische Volk schon deutlich weiter. Medizinmänner trugen Röcke und wurden für ihre weibliche Magie respektiert und Frauen identifizieren sich maskulin und heirateten eine andere Frau, ohne ihre Stellung im sozialen Netz einzubüßen. Von dieser Selbstverständlichkeit sind wir heute - trotz den Aufständen in Stonewall und den Demos auf den Straßen San Franciscos, dem Marsch durch die Institutionen und dem ein oder anderen homosexuellen Prominenten - immer noch entfernt. Erst die aktuelle Queer-Bewegung, die das zweigeschlechtliche Sex-System verabschieden will und Geschlecht als Performance und soziale Kategorie analysiert, scheint wieder an die Vielfalt der wenigen historischen Ausnahmen im globalen Fluss der demokratischen Lüste anzuschließen. Aus der Geschichte der Begehren lernen – gar keine schlechte Idee.


Robert Aldrich (Hg.): "Gleich und Anders. Eine globale Geschichte der Homosexualität." Murmann Verlag, 384 Seiten, 36 Euro

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"Gleich und anders": Facetten homoerotischen Begehrens

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