Geschichtsdrama "Die Gustloff" Tut-tut, hier kommt der Opfer-Dampfer

Was für ein Schiffbruch! Das ZDF-Weltkriegs-Epos "Die Gustloff" rekonstruiert den Untergang des gleichnamigen deutschen Flüchtlingsschiffes - und suggeriert eine empörende These: Da säuft ein Volk von Unschuldigen ab.

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Und noch ein Untergang. Nach den letzten Tagen im Führerbunker, nach den Bombennächten von Dresden, nach Flucht und Vertreibung ist die deutsche Histotainment-Industrie inzwischen warmgelaufen, um sich im ganz großen Stil des vielleicht symbolträchtigsten Ereignisses aus den letzten Tagen des dritten Reichs anzunehmen: der Versenkung der "Wilhelm Gustloff" durch russische U-Boot-Torpedos. Die schlimmste Schiffskatastrophe aller Zeiten ist gerade groß genug, um noch einmal jenes alte Lied anzustimmen, nach dem ein paar perfide Nazis ihre Leute in den Untergang getrieben haben. Denn der frühere KDF-Kreuzer, der in der Nacht auf den 31. Januar 1945 in der eiskalten Ostsee unterging und 9000 Kinder, Frauen, alte Männer und nur ein paar Soldaten mit sich riss, lässt sich bequem als schiefes Sinnbild in Szene setzen: Da säuft ein Volk von Unschuldigen ab.

Beim ZDF jedenfalls, das die deutsche "Titanic" nun auf jenem Programmplatz versenkt, wo sonst "Das Traumschiff" mit dramatisch gedrosselter Fahrt dem öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag nachkommt, hat wenig unternommen, um zweifelhafte Ausdeutungsversuche des Stoffes abzuwehren: "Die Gustloff" ist das schlichteste, schludrigste und scheußlichste Eventmovie seiner Art seit langer Zeit.

Vor einer teuer hochgezogenen Gustloff-Stahlkulisse kaspert hier ein ganzer Haufen NS-Pappkameraden herum. Mittendrin in der Nazi-Folklore: Handelsmarine-Mann Hellmut Kehding (Kai Wiesinger), der die "Gustloff" nach Kiel steuern soll, zuvor aber noch im Flüchtlingsgetümmel von Gotenhafen (dem heutigen Gdynia) den zum NS-Finsterling mutierten Bruder (Heiner Lauterbach) für die Menschlichkeit wiedererwärmen will und seiner Freundin Erika (Valerie Niehaus) vor sanft schnaufenden Pferden einen Heiratsantrag macht. Zwischendurch bleibt Kapitän Sorgenlos noch Zeit, die leidende Zivilbevölkerung zu herzen, kleine Jungs vor dem Volkssturm zu retten und NS-Schergen zurechtzustauchen.

So kunterbunt das Krisenszenario in der Danziger Bucht in diesem weit mehr als zehn Millionen Euro teuren Zweiteiler rekonstruiert wurde, so dumpf ist die psychosoziale Durchdringung des Stoffes geraten. Zu all den anderen finalen Weltkriegsepen, in denen deutsche Fernsehmacher zuletzt den Todeskampf des Dritten Reiches aufarbeiteten, stellt "Die Gustloff" (Buch: Rainer Berg) einen riskanten Rückschritt dar.

Melodramatischer Grobmechaniker

Wo zum Beispiel der latent revisionistische Vertriebenen-Zweiteiler "Die Flucht" immerhin auch von schuldhaften Verstrickungen der deutschen Zivilbevölkerung erzählte, huldigt das maritime ZDF-Requiem den Toten als Geknechtete des Hitler-Regimes. Und wo das grandiose Kriegsmelodram "Dresden" vor dem Hintergrund des britischen Bombardements feinnervig von der faschistischen Durchdringung auch kleinster sozialer Zellen berichtete, perlt sämtlicher ideologischer Schmutz an den guten Deutschen auf der "Gustloff" ab.

Selbst wenn hier ein perfider Ortsgruppenleiter (Alexander Held als braunes Hampelmännchen) in der Bordwäscherei Orgien mit willigen Nazi-Nutten feiert - der Kahn scheint insgesamt sonderbar saubergeschrubbt von unangenehmen nationalsozialistischen Begleiterscheinungen wie völkischem Größenwahn und Antisemitismus.

Nein, der Holocaust hat in diesem sich so detailfreudig gebenden Deutschlandtableau tatsächlich keinerlei Spuren hinterlassen. Das wirkt ebenso befremdlich wie die Tatsache, dass man bei der Verdichtung der Ereignisse ausgerechnet einen von den Russen umgepolten Ostpreußen (Detlev Buck) als Funker fingierte Funksprüche an seine Vorgesetzten weiter reichen lässt. Auf diese Weise wird das Schiff ein leichtes Ziel fürs Sowjet-U-Boot - und die "Gustloff" im Film zum Blutopfer des deutschen kommunistischen Widerstands.

Das Thema muss heikel genannt werden, und ein melodramatischer Grobmechaniker wie Regisseur Joseph Vilsmaier erschien da von Anfang an als zweifelhafte Besetzung. Der Mann arbeitet sich seit Jahren am Weltkriegsdeutschland ab, etwa in seinem Wehrmachtsmartyrium "Stalingrad" von 1993, schrumpft geschichtliche Prozesse aber meist auf einen überschaubaren Antagonismus von Heldentum und Feigheit. Menschheitsverbrechen erscheinen bei ihm vor allem als Folge von Charakterschwäche.

Erschreckend eindimensional

Man nehme nur die Nazi-Führung, die sich bei der Faschismusanalyse à la Vilsmaier auch in "Die Gustloff" in Waschlappen und dolle Kerle unterteilt. Da ist zum Beispiel Korvetten-Kapitän Petri (Karl Markovics), ein Ledermantelschnösel mit Schäferhund, der sich verdrückt, wenn es brenzlig wird und die "Gustloff" letztendlich ins Unglück lenkt. "Der hat im Atlantik mal einen britischen Zerstörer vor dem Bug gehabt und vorbeigeschossen", raunt einer der Matrosen abfällig. Die militärische Unzulänglichkeit erscheint so gleichbedeutend mit moralischer Umnachtung.

Als Gegenentwurf zum NS-Hasenfuß wird indes der auf dem Schlachtfeld fast kaputtgeschossene, aber umso standhaftere Korvettenkapitän Leonberg (gespielt ausgerechnet vom Schmonzettenkönig Francis Fulton-Smith) präsentiert, der dem "Gustloff"-Kommandanten Kehding vor der Abfahrt gegen alle Widerstände Rettungsboote besorgt.

Mit der "Gustloff" legt das ZDF mithin einen Film vor, der sich trotz des Themas und einiger wirklich drastischer Bilder dann doch bestens auf den "Traumschiff"-Sendeplatz am Sonntag fügt. Denn die Charaktere sind erschreckend eindimensional, und das Sonnendeck wirkt hier weitgehend gereinigt vom nationalsozialistischen Dreck: Tut-tut, hier kommt der Antifa-Dampfer.


"Die Gustloff": Sonntag 20.15 Uhr + Montag 20.15 Uhr, ZDF; "Die Gustloff - Die Dokumentation", Sonntag 22.05 Uhr + Montag, 21.45 Uhr, ZDF



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