Geschlechterdebatte: Unnachgiebiger werden! Oder hinschmeißen!

Von Thea Dorn

Passend zu Eva Hermans Apfelkuchen-Thesen ist sie auch in der Politik wieder da: die Sehnsucht nach dem bärig-bärtigen Mann, der im rechten Moment auf den Tisch haut. Doch Angela Merkel hat noch immer die Chance, sich aus politischen und gesellschaftlichen Mustern von vorgestern zu befreien.

Mediendebatten gehorchen in ihren Gezeiten nicht notwendig den politischen Mondphasen. Dennoch kann es kein Zufall sein, dass ausgerechnet im ersten Amtsjahr der ersten deutschen Bundeskanzlerin das Land von einem medialen Geschlechter-Rollback erfasst wird, den aufgeklärte Zeitgenossen noch bis vor kurzem für undenkbar gehalten hätten.

Bundeskanzlerin Merkel: Im Tal der deutschen Tränensäcke
DPA

Bundeskanzlerin Merkel: Im Tal der deutschen Tränensäcke

Wer hätte geglaubt, dass ein arrivierter deutscher Zeitungsherausgeber Frauen hemmungslos als "Überlebensmaschinen" bezeichnet? Dass ein Chefredakteur bei einer öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Rundfunkanstalt seiner Ehefrau in einem offenen Brief dafür dankt, dass diese ihre akademischen Qualifikationen brach liegen lässt und stattdessen den Kindern jeden Mittag "liebevoll zubereitete Leckerbissen" auf den Tisch stellt? Und dass ein blondes Fräulein von der "Tagesschau" lautstark verkündet, wir Deutschen müssten endlich mit den "feministischen Tabus" aufräumen und wieder zugeben, dass Frauen nun mal einen "schöpfungsgewollten Auftrag" besäßen, nämlich: Kinder kriegen, Klappe halten?

In gewissem Sinne muss man sagen: Danke, Frank Schirrmacher! Danke, Sigmund Gottlieb! Danke, Eva Herman! Danke, all Ihr anderen Backlasher, dass Ihr diejenigen, die glauben wollten, das Geschlechterthema sei in diesem Land kalter lila Kaffee, eines Besseren belehrt habt!

"Wichtiger als Frauenpolitik ist eine Frau ganz vorn in der Politik. Ich bin neugierig, welche Verhältnisse in diesem Land in Bewegung geraten, wenn Angela Merkel im Herbst Kanzlerin ist." Etwas mehr als ein Jahr ist es her, dass ich diese Sätze geschrieben habe. Mittlerweile wissen wir, welche Verhältnisse in Bewegung geraten sind, seit Angela Merkel Kanzlerin ist: Der politisch korrekte Geschlechterburgfrieden, der in Deutschland mit dem Ende der Frauenbewegung irgendwann in den achtziger Jahren eingezogen war, der Frauenbeauftragte und Frauenparkplätze einrichtete, der stets von "Studenten und Studentinnen", "Managern und Managerinnen" sprach, ist brüchig geworden. Die Emanzipationsfassade, die uns gut ausgebildeten, von mehr oder weniger berufstätigen Müttern und mehr oder weniger "emanzipierten" Vätern groß gezogenen Frauen vorgegaukelt hatte, die Tatsache, dass wir mit doppelten X-Chromosomen ausgestattet sind, würde auf all unseren Lebenswegen kein Hindernis mehr darstellen, hat sichtbare Risse bekommen.

Ironischerweise dürfte ausgerechnet die Kanzlerin eine der Frauen sein, die der bundesrepublikanischen Emanzipationsfassade am stärksten auf den Leim gegangen ist. Der Gedanke, der nicht nur Angela Merkel, sondern viele emanzipierte Frauen aus Ost und West anleitet: "Weil es in meinem Denken und Handeln keine Rolle spielt, dass ich eine Frau bin, wird es auch für andere keine Rolle spielen" – dieser Gedanke erweist sich leider als kurzschlüssig. Und fast erinnert er an die Hoffnung des Kindes, für den "Schwarzen Mann" unsichtbar zu sein, wenn es sich nur selbst fest genug die Augen zuhält. Noch im Mai 2005, zu Beginn des Wahlkampfs, hatte Angela Merkel in einem Interview selbstbewusst erklärt: "Die Tatsache, dass ich eine Frau bin, wird keine Rolle spielen." Keine fünf Monate später sagte sie: "Ich habe den Eindruck, die Tatsache, dass ich eine Frau bin, spielt für viele durchaus eine Rolle."

Was hat Angela Merkel erkannt, was viele andere Frauen, die ein weniger extremes Lebensziel haben, noch erkennen müssen? Nun, die Bundestagswahlkämpferin und Kanzleramtsanwärterin hat am eigenen Leib eine Reihe extrem desillusionierender Erfahrungen gemacht: Von der Gattin des Konkurrenten ums Kanzleramt musste sie sich ihre Kinderlosigkeit vorwerfen lassen. Der Boulevard ritt so lange auf ihren Frisurproblemen und Achselschweißflecken herum, bis sie nur noch mit der Offenbarung zu kontern wusste, gern Eintopf zu kochen.

Männliche Parteikollegen hörten nicht auf, hinter schlecht vorgehaltenen Händen das ewige "sie kann es nicht" zu murmeln. Ein Noch-Kanzler demonstrierte am Wahlabend und in den darauf folgenden Wochen, dass er nicht nur Frauenpolitik, sondern auch demokratisch erzielte Wahlergebnisse für "Gedöns" hält. Künftige Regierungsmitglieder und Politiker aus den eigenen Reihen wollten der designierten Kanzlerin die verfassungsmäßig verbriefte Richtlinienkompetenz absprechen.

All diese Erfahrungen, die Angela Merkel in exemplarischer Weise machen musste, sollten Frauen nachdenklich stimmen. Und nicht dazu verleiten, das Phänomen Merkel – sei es aus Neid, sei es aus Häme – mit dem Verweis abzukanzeln, man fühle sich von dieser "kalten Physikerin" nicht repräsentiert.

Anders als 99,9 Prozent der Frauen in diesem Land wird Angela Merkel nun seit einem knappen Jahr durch die Autorität ihres Amtes vor den gröbsten Respektlosigkeiten geschützt. Und einerseits liegt darin ein klarer Fortschritt – dass männliche Politiker aller Ländern lernen müssen, mit einer deutschen Regierungschefin umzugehen. Andererseits liegt darin die nächste Fassaden-Gefahr, nämlich zu glauben, eine Frau Kanzlerin wäre nun wirklich anerkannt.

Im Gefolge von "Angies" allgemein als sehr gut bewerteten internationalen Antrittsbesuchen schien es eine Weile, als könne sich das deutsche Volk mit seiner Kanzlerin tatsächlich anfreunden. Doch spätestens seit im WM-Sommermärchen das letzte Tor gefallen war, ist auch Angela Merkel wieder im Tal der deutschen Tränensäcke angekommen. Seit Wochen hören wir den "sie-kann-es-nicht"-Chor abermals anschwellen. Wir erleben, wie ein populistischer Pfälzer die Kanzlerin in der gefühlten Wählergunst überholt, indem er dieser höhnisch vorwirft, die eigenen Ministerpräsidenten nicht im Griff zu haben. Man darf hoffen, dass Angela Merkel Kurt Beck wenigstens hinter verschlossenen Türen darauf aufmerksam gemacht hat, dass sich ihm als Kanzler ein solches Problem im Augenblick kaum stellen würde: Den einzigen starken SPD-Ministerpräsidenten, den er momentan im Griff behalten müsste, wäre schließlich er selbst. Und ob ihm das gelingen würde, daran darf man berechtigte Zweifel haben.

Passend zu Evas Apfelkuchen-Thesen ist sie also auch in der Politik wieder da: Die Sehnsucht nach dem bärig-bärtigen Mann, der im rechten Moment auf den Tisch zu hauen weiß, den die Frau liebevoll gedeckt hat. Ich vermag nicht zu sagen, ob Angela Merkel angesichts der Machtverhältnisse, wie sie in der real existierenden Großen Koalition bestehen, größere Gestaltungsfreiräume hätte – ob sie ihre "Richtlinienkompetenz", die sie ja nun doch wenigstens theoretisch besitzt, markanter ausspielen könnte. Ob die Gesundheitsreform ein weniger trüber Eintopf geworden wäre, hätte Angela Merkel sie wie von ihr gewünscht in einer schwarz-gelben Koalition realisieren können.

Ich kann nicht beurteilen, inwieweit sie tatsächlich "gezwungen" ist, als Regierungschefin die moderierende Gastgeberin zu spielen, als die sie momentan erscheint. Die Frage, bis zu welchem Grad sich die Kanzlerin als "biegsam" erweisen darf, ohne zu einer weiteren rückratlosen Polit-Gummipuppe zu werden, ist eine, die sich nicht leichtfertig beantworten lässt. Vieles in mir will mahnen: "Unnachgiebiger werden! Und wenn es nicht geht, dann lieber hinschmeißen!" Andererseits höre ich eine andere Stimme, die ebenso laut sagt: "Wenn sie es nicht macht, macht es eben ein Beck-Koch-Wulff. Und dann wird im Zweifelsfall alles noch schlimmer." Denn mit Deutlichkeit vermag ich zu sagen, dass ich nicht die geringste Sehnsucht nach dem nächsten Basta-Kanzler verspüre. Es wäre schlimm, wenn wir abermals "Basta" mit Stärke, Mut zu Wahrheit und klarer inhaltlicher Position verwechselten.

Die deutsche Politik ist in den letzten zwanzig Jahren schleichend verkommen. Die dominanten Sprach- und Verhaltensformen - gravierende soziale und ökonomische Probleme Schönreden, Aussitzen, Basta – wurden von westdeutschen männlichen Politikern etabliert. Es wäre eine der zynischeren Launen der Geschichte, wenn ausgerechnet eine ostdeutsche Frau dieses marode System zu seiner katastrophalen Vollendung führen sollte.

Es gab einen Moment in Angela Merkels Kanzlerschaft, da habe ich sie bewundert. Es war jener Moment, in dem sie sich traute, Deutschland endlich als das zu bezeichnen, was es ist: Ein Sanierungsfall. Und ich war enttäuscht, als sie – wie jeder Politiker, der in diesen Zeiten eine Wahrheit ausspricht – angesichts des reflexartig einsetzenden Empörungsgeschreis sofort wieder zurückruderte. Wie gern hätte ich ihr zugerufen: "Frau Bundeskanzlerin! Mit dem Basta haben Sie schon Schluss gemacht. Jetzt machen Sie doch, bitte, als nächstes mit dem Schönreden Schluss!

Dieses Land hängt an dem politischen Fassadensprech wie der Alkoholiker an der Flasche. Die allermeisten ahnen doch, dass es so nicht weitergehen kann. Und natürlich werden die allermeisten erst einmal schreien, wenn Sie, Frau Bundeskanzlerin, ihnen die Flasche wegnehmen. Aber tun Sie es! Der Süchtige braucht zwar seinen Dealer, aber letztlich verachtet er ihn wie das Kind die übernachgiebigen Eltern verachtet. Seien Sie eine harte und gütige Entzugsbegleiterin zugleich! Sie mussten sich an das bestehende System anpassen, um überhaupt ins Kanzleramt zu kommen. Aber jetzt, wo Sie "drin" sind, merken Sie doch selbst, dass Sie mit dem Weg der Anpassung nur schwach erfolgreich sind. Sie haben am eigenen Leib erfahren, wie gefährlich es ist, auf Fassaden hereinzufallen. Und Sie besitzen die geistige Klarheit, die ermöglichen könnte, dass in diesem Land mehr Klarheit herrscht."

Ich gestehe: Vielleicht bin ich an dieser Stelle nicht frei von Zweckoptimismus. Als Frau, die daran interessiert ist, dass Frauen sich weitere Handlungs- und Machtspielräume erkämpfen, muss ich Angela Merkel Erfolg wünschen. Der aktuelle Rollback zeigt, wie zementiert das Geschlechterdenken in unserer Gesellschaft nach wie vor ist. Sollte die Kanzlerin scheitern, bräuchten wir keinen Tag zu warten, und es würde heißen: "Wir haben's doch gleich gewusst. Klar, dass eine Frau es nicht kann." Die Folgen wären fatal – nicht nur für deutsche Politikerinnen, die nach Angela Merkel ins höchste Regierungsamt streben, sondern für alle Frauen, die im Leben mehr wollen als Apfelkuchen backen.

Also kann es jenen gut ausgebildeten und ausbildungsbegierigen, individualistischen und entschlossenen Frauen, die ich als "neue F-Klasse" bezeichnen möchte, nicht egal sein, ob die Kanzlerin Erfolg haben wird. Wie der Bundestagspräsident im vergangenen November sagte: Es ist ein mächtiges Signal, dass wir die erste deutsche Kanzlerin haben. Es wäre ein noch mächtigeres Signal, sollte die erste deutsche Kanzlerin scheitern.

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