Geschlechterkampf Hinterfotzige Minnesänger

Wenn in den Feuilletons zurzeit naturbeschwipst das Hohelied auf die emotionale Wärme und die soziale Kompetenz der Frau gesungen wird, überdeckt das nur die Unlust der Männer, sich klassische weibliche Eigenschaften anzueignen. So wird das nichts mit der Zivilisation, meint Thea Dorn.


"Der Westen" steht bei aller Barbarei, in die er vor allem im 20. Jahrhundert zurückgefallen ist, für die Werte der Aufklärung wie Freiheit, Gleichberechtigung und Rationalität. Historisch wurden diese Werte von Männern etabliert. Deshalb ist es ebenso lächerlich wie bedenklich, wenn etwa Dietrich Schwanitz 2001 in seinem Bestseller "Männer – Eine Spezies wird besichtigt" schreibt: "Stellen wir uns vor, die Zivilisation sei ein hübsch eingerichtetes Zimmer: Die Möbel sind geschmackvoll und durchdacht arrangiert, der Teppich passt farblich perfekt, die Tapete ist ein Traum, und die dekorativen Blumensträuße verleihen dem Ganzen eine heitere und frische Note. Steht uns das Bild deutlich vor Augen? Ja? Dann wird uns sofort klar: Der Mann passt nicht in die Zivilisation. Sie ist einfach nicht sein Biotop."

Sind die Männer zu Beginn des dritten Jahrtausends tatsächlich so verkommen, dass ihnen, wenn sie das Wort "Zivilisation" hören, als Erstes einfällt, dass sie im Sitzen pinkeln sollen?

Nur sanfte Schlichtungstanten?

Dass Frauen aber lediglich die sanften Schlichtungstanten sind, die sich eine hoch zivilisierte Gesellschaft leistet, ist Unsinn. Wenn wir uns umschauen, wer die Wenigen sind, die innerhalb der muslimischen Welt für Aufklärung kämpfen, stellen wir fest, dass es besonders oft Frauen sind: Die in Somalia geborene niederländische Politikerin und Publizistin Ayaan Hirsi Ali; die algerisch-stämmige französische Frauenrechtsaktivistin Fadela Amara; die aus Syrien geflohene amerikanische Psychiaterin Wafa Sultan; die im Exil lebende bengalische Ärztin und Schriftstellerin Taslima Nasrin; die marokkanische Soziologieprofessorin Fatima Mernissi. Keine dieser Frauen ist berühmt dafür, in ihrem Ton besonders sanft zu sein. Sie wissen schlicht und einfach, wofür sie kämpfen. Auch hierzulande gibt es Frauen, die entschlossen sind, die Fackel der Aufklärung weiter zu tragen. Notfalls allein. Doch jede dieser Frauen ist begeistert, wenn ihr ein Mann dabei hilft – und nicht in den Mantel.

Wollen die Männer wirklich die von ihnen selbst erfochtenen Errungenschaften der Zivilisation aufs Spiel setzen, weil ihnen einerseits "der Kick" fehlt und sie andererseits jeden Bereich, in dem Frauen reüssieren, trotzig zu denunzieren beginnen? Verhalten sich diese Männer nicht ebenso infantil wie der 15-Jährige, der die Lust am Turnen nur deshalb verliert, weil er erleben musste, wie ein Jüngerer am Reck die bessere Kontergrätsche hinbekommen hat? Verrät dieses Gebaren nicht genau das, was die neuen Minnesänger beständig leugnen: Dass sie tief in ihrem Inneren Frauen eben doch für "minderwertig" halten – so wie der 15-Jährige den Jüngeren? Hätte dieser den Turnbeutel ebenfalls hingeschmissen, wenn ihn ein gleichaltriger, in seinen Augen würdiger Konkurrent übertrumpft hätte? Oder wäre er mit diesem in einen Wettstreit getreten – der vermutlich die Leistung von beiden gesteigert hätte?

Boys! Stop being "Boys"!

Im "Faust" seufzt Mephisto: "Hätt ich mir nicht die Flamme vorbehalten, ich hätte nichts Aparts für mich." In Zeiten von Frauenfußball und Frauenboxen müssen sich die Männer damit abfinden, dass es bald keine Domänen mehr geben wird, die sie als "Aparts" für sich beanspruchen können. Müssen wir Frauen – wenn uns die Zukunft der Menschheit am Herzen liegt, und wir die Jungs davon abhalten wollen, aus purem Beleidigtsein entweder ins Wachkoma zu fallen oder Krieg zu spielen –, müssen wir dann darüber nachdenken, welche frauenfreien Abenteuerspielplätze wir den Männern lassen, in denen sie ihrer Männlichkeit freien Lauf lassen können? Hilft es, wenn wir Frauen darauf verzichten, die allerletzten männlichen Sportbastionen zu schleifen, und das Vergnügen, bei Olympischen Winterspielen zu zweit auf einem Rodelschlitten zu liegen, den Jungs überlassen?

Keine vernünftige Frau hat etwas dagegen, wenn ein Mann sich mit fünf Kumpels zusammentut, um gegen die eigenen und fremden Schweinehunde zu kämpfen, indem er sich per Fahrrad durch die Alpen schindet. Sollen sich die Jungs zu "Fight Clubs" zusammenschließen, wo sie sich nach Büroschluss die Nasen blutig schlagen. Nur sollen sie bitte das absurde Gefühl begraben, ihre Rituale wären besudelt, wenn sie auf dem Weg nach Alpe d'Huez von Judith Arndt überholt werden. Oder sie mit dem Wissen leben müssen, dass an einem anderen Ort zwei Frauen im Boxring stehen und sich die Nasen blutig schlagen. Männer werden lernen müssen, mit Frauen ebenso fair und lustvoll zu konkurrieren, wie sie es mit anderen Männern schon seit Jahrtausenden tun. Ansonsten blickt nicht nur die Menschheit, sondern blicken erst einmal sie selbst finsteren Zeiten entgegen.

All die unterschiedlichen Gründe, die Männer anführen, um zu erklären, warum sie sich so schwer damit tun, ihr atavistisches Rollenbild zu verändern, lassen sich letztlich auf eine simple Formel bringen: Boys will be Boys. Ist es ein Wunder, dass der entsprechende Girls-will-be-Girls-Schlachtruf in der Popkultur so selten ertönt? Besteht der Stolz der Frauen nicht gerade darin, dass sie in den letzten vierzig Jahren eben nicht länger "Girls" geblieben sind, sondern sich entwickelt haben – und deshalb einzig ein Transenfilmer und außerdem noch ein paar Pornoproduzenten den Titel benutzen? Frauen haben Rollen erobert, die ihnen wahrlich nicht in die Wiege gelegt waren. Verlangt man umgekehrt von Männern, dass sie ihre Rollenvorstellungen wenigstens zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrtausends ein wenig überdenken, ertönt ein Entrüstungschor, als habe man den Papst einen nackten Mann genannt. Mädels haben sich von der Hüterin der Feuerstelle zur Bundeskanzlerin entwickelt. Nur Jungs sollen in alle Ewigkeit Jungs bleiben müssen?

Nicht mit der Steinzeitkeule argumentieren

Natürlich haben wir eine biologische Veranlagung. Aber diese kann durch Kultur und Erziehung beeinflusst und gestaltet werden. Wird die angeblich so viel starrere biologische Codierung des männlichen Geschlechts im Unterschied zum weiblichen nicht nur vorgeschoben, um nicht zugeben zu müssen, dass die klassischen weiblichen Rollen einfach tatsächlich unbefriedigender, weniger herausfordernd, frustrierender sind? Jungs bleiben nicht deshalb Jungs, weil ihre "Natur" es ihnen verböte, sich in andere Richtungen zu entwickeln, sondern weil sie schlicht und einfach keine Lust haben, in einer Gemeinschaft die klassischen weiblichen Funktionen zu übernehmen.

So betrachtet zeichnen sich die Hohelieder auf die Frau, die naturbeschwipste Männer neuerdings wieder singen, durch eine besondere Hinterhältigkeit aus. Mit Schmelz wird dort von der Wichtigkeit der "sozialen Intelligenz", der "emotionalen Wärme", der "Selbstlosigkeit" geschwärmt, die Frauen so viel mehr besäßen als Männer. Würden die Naturfreunde diese Charaktermerkmale tatsächlich als so viel wertvoller erachten – wer oder was hindert sie daran, sie zu erwerben? Ihre "Natur" verbietet es ihnen nicht mehr, als sie ihnen verbietet, an einem Tag Termine in drei europäischen Hauptstädten wahrzunehmen, fünf Liter Bier an einem Fernsehabend zu trinken und sich in Bergregionen herumzutreiben, in denen der Mensch nichts verloren hat.

Wir werden die Herausforderungen des dritten Jahrtausends nicht in Angriff nehmen – geschweige denn lösen – können, solange wir mit der Steinzeitkeule argumentieren. Wer sich beim Evolutionsbiologen Rat darüber holt, wie eine Gesellschaft mit den Veränderungen umgehen soll, die dadurch entstanden sind, dass Frauen neue Rollenfelder erobert haben, macht sich so lächerlich, wie der Kernphysiker, der glaubt, die Probleme der Atomkraft lösen zu können, indem er bei Prometheus nachschlägt. Nichts spricht dagegen, zu erforschen, wie der biologische Bauplan unserer Spezies oder der genetische Code des einzelnen Individuums ausschaut. Doch darf die Erforschung dieser uns prägenden Koordinaten uns nicht dazu verleiten, die Willensfreiheit vorschnell aufzugeben. Die Evolutions- und Hirnforschung formulieren wissenschaftliche Hypothesen – sie sind keine Entschuldigungslieferanten für diejenigen, die zu bequem oder ängstlich sind, an sich zu arbeiten.

Diesen Auszug aus dem Buch "Die neue F-KLasse" von Thea Dorn hat SPIEGEL ONLINE mit freundlicher Genehmigung des Piper Verlags übernommen



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