Geschlechtliche Selbstbestimmung "Es ist nicht Willkür. Es ist das System."

Die Debatte um die "dritte Option" lenkt den Blick auf die Überarbeitung des sogenannten Transsexuellengesetzes. Bisher müssen sich Menschen Zwangstherapien unterziehen. Einige haben von ihren Erfahrungen erzählt.

Geschlechtssymbole
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Von Eliah Arcuri und Jule Govrin


Wie können Sie sich selbst befriedigen? Wie würden Sie reagieren, wenn eine fremde Person, der Sie sich kurz zuvor vorgestellt haben, solch intime Information erfragt? Befremdet? Empört? Mit derartigen Fragen sehen sich Menschen konfrontiert, die ihren Vornamen ändern oder ärztliche Behandlung in Anspruch nehmen wollen. Das Gesetz fordert, dass sie ihr Geschlecht überprüfen und durch psychiatrische Gutachten bestätigen lassen. Ulrike, Tarek, Lina, Meko und Emma* mussten diese Erfahrung machen. Ihre Geschichten sind keine Einzelschicksale. Gerade deshalb bieten sie Einblicke in das System der Zwangsbegutachtung.

Dass Transgeschlechtlichkeit keine Krankheit ist, hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2018 offiziell bestätigt. Trotzdem ist die Realität in Deutschland bisher eine andere. Um medizinische Leistungen wahrzunehmen, müssen sich Menschen in eine ein- bis zweijährige Zwangstherapie begeben. Aufgrund der Rechtslage fordert der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) in manchen Bundesländern weitere Gutachten, die in ein bis drei Sitzungen erstellt werden. Neben diesen psychiatrischen Verfahren durchlaufen die Betroffenen endokrinologische, gynäkologische oder urologische sowie genetische Untersuchungen. Dabei ist die Praxis der 'Begleittherapie' stark umstritten.

Am 9. Oktober 2018 erschienen neue medizinische Behandlungsleitlinien, die anraten, die verordneten 'Begleittherapien' für Hormonbehandlungen und Operationen durch ein freiwilliges Beratungsmodell zu ersetzen. Dies ist ein enormer Fortschritt. Trotzdem sind die staatlich sanktionierten Verfahren der Geschlechtskontrolle nach wie vor legal.

Medizinischer Voyeurismus

Gab oder gibt es befriedigende sexuelle Kontakte mit Männern oder Frauen? Mit an Voyeurismus grenzender Neugier verlangen die Psychiaterinnen und Psychiater penible Schilderungen des Intimlebens. Fast immer fragen sie nach der sexuellen Orientierung. Unter Betroffenen ist bekannt, dass es für ein positives Gutachten von Vorteil ist, sich als strikt heterosexuell zu präsentieren. Meko spricht von der Zwangstherapie als "Projekt geförderter Heterosexualität". Sich als schwul oder lesbisch zu outen bleibt ein Risikofaktor. So wurde Emmas Lesbischsein als Nachteil ausgelegt, weil es als weniger weiblich galt. Bei Transgeschlechtlichkeit geht es jedoch nicht darum, welches Geschlecht man bei anderen Menschen begehrt, sondern um das eigene Geschlecht. Diesen Umstand, welcher der Medizin seit den 1950ern bekannt ist, ignorieren viele Begutachtende geflissentlich. Dabei scheinen sie der veralteten Vorstellung zu folgen, "normale" Männlichkeit oder Weiblichkeit sei stets heterosexuell.

Nicht nur sexuelle Vorlieben werden begutachtet, auch Auftreten und Körpersprache werden beäugt. Über einen Psychiater heißt es, dass er sich Kaffee servieren lässt und bewertet, ob die Handlung geschlechtstypisch ausgeführt wurde. Meko musste sich bei einem älteren Psychoanalytiker einfinden. Zu seiner Überraschung fand die Sitzung in dessen Privaträumen statt, wo Meko schon inspiziert wurde, als er die Schuhe ausziehen und seine Jacke aufhängen sollte: "Oh nee, jetzt guckt der sich jeden einzelnen meiner Schritte an, ob ich die Tür zumache oder er. Das wird so eine minutiöse Prüfung. Jede kleine Geste wird auf die Goldwaage gelegt."

Dabei würde kaum jemand die amtliche Prüfung des eigenen Geschlechts bestehen, die oftmals Klischees aus den Fünfzigerjahren bemüht und von der gesellschaftlichen Wirklichkeit weit entfernt ist. Meko wurde es als Nachteil ausgelegt, dass seine Sockenfarbe zur Hose passte, weil gepflegtes Auftreten unmännlich sei. Emma riet man vom Tragen schwarzer Kleidung ab, da dies nicht weiblich sei.

Alle erzählten, mit welch verstaubten Geschlechterklischees sie sich konfrontiert sahen. Indessen beschreiben sie die Verfahrensweisen der Psychiaterinnen und Psychiater sehr verschieden. Während Meko die Auswahl seiner Strümpfe rechtfertigen musste, sollte Emma stundenlang IQ-Tests machen und einander ähnelnde Bilder erkennen. Sie vermutet, dass der Psychiaterin bewusst war, wie unsinnig die Gutachten sind, und sie die IQ-Tests nur anberaumt hatte, um die Zeit totzuschlagen.

Wieder eine andere Erfahrung machte Lina. Bei einem Einzeltermin löcherte sie die Psychoanalytikerin mit verstörenden Fragen. "Sie hat unheimlich rumgebohrt und wollte etwas über traumatisierende Erfahrungen in der Kindheit wissen. Das kann man in einem therapeutischen Setting machen, aber nicht in einem Zwei-Stunden-Gespräch, wo man die Leute nie wiedersieht." Lina ging es nach dem abrupten Ende der aufwühlenden Sitzung zwei Wochen schlecht. Ähnlich wie die anderen berichtet sie davon, dass sie die Prozedur stark belastet hat. Meko meint, er hätte danach eigentlich therapeutischen Beistand gebraucht, um die Begutachtungssituationen zu verarbeiten.

Doch die medizinische Sensationslust beschränkt sich nicht auf das Seelenleben. Ein anderer Psychiater stellte Meko zudringliche Fragen wie "'Und, Brust abgebunden? Tut das weh? Darf ich mal fragen, wie groß ist die eigentlich?'" Der Psychiater wollte sogar eine Untersuchung machen, doch Meko wusste sich zu wehren. Meko wurde laut und erklärte ihm, dass er mit Konsequenzen rechnen müsse, würde er auf der medizinisch unnötigen Leibesinspektion bestehen.

Ob in Therapieräumen oder beim MDK, es werden Grenzen überschritten. Tarek hat eine ähnliche Situation erlebt, als er zum MDK musste: "Ich meine, was wollen die da beurteilen? Die haben da meine Brüste fotografiert." Diesen qualvollen Prozeduren müssen sich die Betroffenen jedoch unterwerfen, um die ärztlichen Behandlungen zu erhalten, die ihnen ein lebenswertes Leben ermöglichen. Dabei geht es auch um körperliche Unversehrtheit.

Ulrike, deren Krankenkasse fast zwei Jahre die Kostenübernahme für die Gesichtshaarepilation verwehrte, versuchte den Mitarbeitern ihre dringliche Lage zu erklären: "Ich weiß nicht, ob Sie sich das vorstellen können: ich gehe jeden Tag da raus und da sind irgendwelche transphoben Arschlöcher, die mich auf der Straße anpöbeln und mir Gewalt antun wollen." Sind die Gutachten endlich ausgehändigt, geht der behördliche Spießrutenlauf weiter. Sie werden von Angestellten von Krankenkassen, Finanzämtern, Gerichten, Bürgerämtern gelesen und archiviert. Darin steht nicht nur, wie das Gutachten ausfällt, darin stehen auch ausführliche Beschreibungen von Kindheitserlebnissen, Familienkonflikten, des Sexuallebens, von Liebesbeziehungen, Lebensweisen oder Gewalterfahrungen.

Das System widerspricht sich selbst

Welchem Geschlecht fühlen Sie sich zugehörig? Ist dies seit mehreren Jahren so? Wird sich dies in Zukunft ändern? Dies sind die drei formellen Fragen, die im Gesamtprozess der medizinisch-juristischen Geschlechtsbestimmung geklärt werden müssen. "Das sind Fragen, die nur ich beantworten kann", findet Lina. Diese drei Fragen ließen sich einfach vor Gericht beantworten. Doch damit der Staat ihre Geschlechtsidentität anerkennt, muss sie diese nachweisen. Hierfür ist das Gutachten bisher das einzig gültige Beweismittel. "Na ja, wie kann ich das beweisen? Ich kann nur sagen, dass ich das bin." Was die Betroffenen schon lange wissen, hat auch das Bundesverfassungsgericht erkannt. Im Beschluss zur "dritten Option" erklärte es, dass Geschlecht nur subjektiv bestimmbar ist. Dies wirft allerdings die Frage auf, wie auf objektivem Wege beurteilt werden soll, ob Geschlechtsidentität adäquat gelebt und gefühlt wird.

Die meisten Beteiligten wissen um die Absurdität des Systems, das den Betroffenen Jahre ihrer Lebenszeit stiehlt. "Wenn Du mal am Stück drei Stunden Intelligenztests gemacht hast, das ist lächerlich. Was ich dabei grotesk fand: Es kostet den Staat viel Geld, die Gutachten werden sehr gut bezahlt", resümiert Emma, "das sind unsere Krankenkassenbeiträge, die das bezahlen, oder Gerichtskassen bei Prozesskostenunterstützung. Freiwillige Therapien sind eine gute Sache, aber das waren Zwangstherapien." Dabei hätten die Begutachtenden selbst gesagt, dass einzig sie allein feststellen kann, welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlt.

Für Lina und Ulrike steht fest, dass das System der Zwangsbegutachtung abgeschafft gehört. "Es ist eine Zumutung, sich dieser Gewissensprüfung unterziehen zu müssen", erklärt Lina. "Das ist egal, ob es ein Gesetz gäbe, wie es die Gutachter machen sollten, oder ob es willkürlich ist, es ändert ja nichts daran, dass es eine Zumutung ist." Das grundlegende Problem, betont Ulrike, "ist nicht Willkür, es ist das System."


*Anm.d.Red.: Die Namen aller im Text auftauchender Menschen wurden geändert.



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