DDR-Fotografie: Da geht ein Riss durchs System

Von Daniela Zinser

Rote Fahnen? Nee, rote Lippen! Künstlerische Fotografie erblühte in der DDR nur im Schatten. Wohl auch, weil viele Bilder bloßstellten, wie sozialistischer Wunsch und alltägliche Wirklichkeit auseinanderklafften. Die Berliner Schau "Geschlossene Gesellschaft" zeigt genau das - und mehr.

Manchmal genügt ein müder Blick. Ein gebücktes Eilen übers nasse Pflaster. Eine graue Stadtwüste. Eine überbelichtete Aufnahme eines Massenrituals. Ein Akt. Solche Bilder bezeugen, dass da etwas nicht stimmte in diesem Land. Die Ausstellung "Geschlossene Gesellschaft. Künstlerische Fotografie in der DDR 1949-1989" legt Riss um Riss offen.

Die Schau in der Berlinischen Galerie in Kreuzberg zeigt umfassend, wie innovativ, mutig, genau, poetisch, humorvoll, tiefgründig Fotokunst in einem Land war, das abgeschlossen von einem Großteil der Welt blieb. Auch die Fotografen verharrten in kleinen Zirkeln für sich. Sie konnten bis in die Achtziger hinein kaum ausstellen oder veröffentlichen. 34 Künstler und 250 Arbeiten nehmen nun fast das ganze Erdgeschoss des Museums ein, zwei Drittel stammen aus dem Bestand, ergänzt durch Leihgaben.

Bereits in den achtziger Jahren begann Fotohistoriker Ulrich Domröse, heute Fotokurator der Berlinischen Galerie und gemeinsam mit drei weiteren Kuratoren Macher der Ausstellung, DDR-Fotokunst zu sammeln, damals noch mit Forschungsauftrag des Vereins Bildender Künstler (VBK). Ausdrücklich keine "DDR in Bildern"-Schau soll es nun sein, sagt Domröse. Presse-, Mode- und Werbefotografie werden ausgeklammert. Wenn die Arbeiten dennoch viel erzählen über den DDR-Alltag, dann weil der umfassendste Teil der sozial engagierten, dokumentarischen Fotografie zuzuordnen ist.

Unter den Schlagworten "Realität-Engagement-Kritik" zeigt der erste von drei Ausstellungsteilen, wie die Künstler zuerst noch versuchten, die Verhältnisse abzubilden: der Wirklichkeit und der Wahrhaftigkeit verpflichtet, ganz nach Vorbild der "Life"-Fotografie und der Magnum-Schule. Die Absicht: Menschen emotional anzusprechen.

Da sind Ursula Arnolds triste Straßenszenen aus den Fünfzigern und Sechzigern. In Leipzig und Berlin hasten die Menschen wie schief ins Leben geworfen aneinander vorbei, ziellos, passiv. Zu sehen sind Arno Fischers melancholische Stadtimpressionen, Sibylle Bergemanns Traumbilder. Und Evelyn Richters Aufnahmen der geschlagenen Heldinnen der Arbeit. Bei der Nachtschicht, an der Stanze sieht man ihnen das Auszehrende, Harte, Monotone ihres Tuns an.

"Wir waren eine Kistengesellschaft", sagt Richter heute. Fotografiert wurde aus einem Drang heraus, doch die Bilder landeten in Kisten, gezeigt nur unter Freunden, mit der Kiste unterm Arm hat man sich besucht, sich ausgetauscht. Wie politisch die Bilder sein konnten, zeigen etwa die Fotografien von Gundula Schulze Eldowy. Sie bilden die Menschen nackt ab, schutzlos. Sie sagen damit auch: Völlig entblößt sind nicht alle gleich. Individuen bis auf die Haut.

Absurder Karneval

Die meisten Fotografien sind in Schwarzweiß. Wer in Farbe fotografierte, machte die technischen Mängel der Farbfilme meist zum Stilmittel. Wie Jens Rötzsch. Mit einem zusätzlichen Blitz nimmt der die Massenrituale der DDR auf, den SED-Parteitag, das Turn- und Sportfest, Arbeiterparaden, das Pfingsttreffen der FDJ. Die grellen Farben, der radikale, nahe Bildausschnitt und das quadratische Format der Werke heben Künstlichkeit und Komik des Gezeigten hervor - ein absurder Karneval, der nicht gutgehen konnte.

Jahrzehnte lang in der DDR als l'art pour l'art verpönt, waren einige der Arbeiten, die im zweiten Teil unter dem Titel "Montage-Experiment-Form" zusammengefasst sind. Anknüpfend an die Moderne der zwanziger Jahre suchten Künstler wie Fritz Kühn neue formale und ästhetische Ausdrucksmittel. Kühn spielte in den Fünfzigern mit Licht, Schatten und Bildausschnitten, erst zwanzig Jahre später führte etwa Manfred Paul die Richtung fort. Seine alltäglichen Stillleben, ein Plastiklöffel, eine Milchflasche am Fenster, sind Meditationen über das Sein. Und das Verschwinden.

Als Kunstform wurde Fotografie in der DDR erst 1977, mit der Schau "Medium Fotografie" in Halle, anerkannt. Nach und nach gab es Ausstellungen in wenigen kleinen Galerien, in Kreiskultur- und Klubhäusern. Die handgemachten Einladungen dazu sind in Vitrinen zu sehen, daneben nicht lizenzierte Fotobücher. Die Liberalisierung in der Kulturpolitik in den achtziger Jahren wie auch die junge, rebellische Fotografenszene trugen dazu bei, dass Fotografie immer mehr Raum einnahm.

Zunge, Rücken, Brust

Die Arbeiten dieser jungen Wilden zeigt der dritte Teil der Ausstellung: "Medium-Subjekt-Reflexion". Von der DDR-Gesellschaft desillusioniert und der nur abbildenden Fotografie misstrauend, konzentrierte sich diese neue Generation auf das eigene Erleben, die Inszenierung einer subjektiven Realität: zärtlichharte Porträts der Berliner Subkultur von Sven Marquardt, schonungslose Selbstporträts von Helga Paris, Tina Baras Körperfragmente - Zunge, Rücken, Brust.

Jörg Knöfel schickt den Besucher in "Schlachthaus Berlin" (1986-88) in ein begehbares Labyrinth aus Metallwänden, an denen verstreut Fotos hängen von blutigen Schürzen, Schweinen am Haken, einer Raucherpause neben Tiergedärmen auf dem Fließband. Das DDR-Genre Arbeiterporträt als beklemmende Fotoserie, die serielles Töten als alltägliche Verrichtung zeigt.

"Fotografie war für uns eine Form, sich bemerkbar zu machen, aus dem Grau herauszutreten", sagt Matthias Leupold, von dem drei Arbeiten zu sehen sind. Er spricht von einem "unheimlichen Bildhunger", der die Leute in jede noch so kleine Schau trieb.

Leupold inszenierte seine Bilder. Als Plakat in der DDR berühmt wurde seine Serie "Im Kino". Bei der Vorführung eines russischen 3D-Films 1983 im Berliner Kino International - alle Zuschauer tragen Brillen und starren wie gleichgeschaltet auf die Leinwand - lässt Leupold einen Bekannten mittendrin aufstehen und die Brille abnehmen. Nun sehend hält er die Hände an den Mund wie zum Aufschrei. Vier Aufnahmen konnte Leupold machen, bevor sie aus dem Kino flogen. Den Film konnte er immerhin behalten.

Mehr als einmal brachte seine Arbeit ihm Ärger mit der Kriminalpolizei und der Stasi ein, er saß mehrfach im Gefängnis. 1986 stellt er einen Ausreiseantrag. "Diese Gesellschaft war nämlich nicht nur geschlossen, sondern auch sehr brüchig", sagt Leupold. Er wollte irgendwann nur noch weg. Auch auf diesen Teil der DDR-Geschichte lenkt die Ausstellung den Blick.


"Geschlossene Gesellschaft. Künstlerische Fotografie in der DDR 1949-1989", Berlinische Galerie, Berlin, 5. Oktober 2012 bis 28. Januar 2013

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1. Ja, was denn nun Frau Daniela Zinser?
habgenugvondenlügen 06.10.2012
Zitat von sysopRote Fahnen? Nee, rote Lippen! Künstlerische Fotografie erblühte in der DDR nur im Schatten. Wohl auch, weil viele Bilder bloßstellten, wie sozialistischer Wunsch und alltägliche Wirklichkeit auseinander klafften. Die Berliner Schau "Geschlossene Gesellschaft" zeigt genau das - und mehr. Geschlossene Gesellschaft: Ausstellung mit DDR-Fotografie in Berlin - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/geschlossene-gesellschaft-ausstellung-mit-ddr-fotografie-in-berlin-a-859754.html)
Ja, was will die Autorin dieses SPON-Artikels mir eigentlich verklickern? Habe mir ihre ausgewählten 17 Fotografien angesehen und in nicht einer davon "klaffen sozialistischer Wunsch und alltägliche Wirklichkeit auseinander." Ich nehme mal nur Fotografie Nr. 3 aus dem Jahre 1956 mit einer Arbeiterin an einer großen Stanzmaschine, das lange Haar zum Dutt gesteckt, sitzend und die Schalter und Knöpfe der Stanzmaschine bedienend. Das gleiche Bild hätte man 1956 mit Arbeitern in Westdeutschland oder in den USA schießen können, mit einer Ausnahme - dort war es 1956 Frauen weitestgehend verboten in metallverarbeitenden Berufen tätig zu sein.
2.
gerhardaebert 06.10.2012
Zitat von sysopRote Fahnen? Nee, rote Lippen! Künstlerische Fotografie erblühte in der DDR nur im Schatten. Wohl auch, weil viele Bilder bloßstellten, wie sozialistischer Wunsch und alltägliche Wirklichkeit auseinander klafften. Die Berliner Schau "Geschlossene Gesellschaft" zeigt genau das - und mehr. Geschlossene Gesellschaft: Ausstellung mit DDR-Fotografie in Berlin - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/geschlossene-gesellschaft-ausstellung-mit-ddr-fotografie-in-berlin-a-859754.html)
Schon erstaunlich zu lesen, wie die junge Wessine Zinser ihr von der herrschendenn Ideologie geprägtes Bild von der DDR in Fotos hineininterpretiert. Aber immerhin: Sie belässt es bei "einem" Riss durchs System. Das ist schon sehr honorig. Damit kann man leben. Wenn ich bedenke, wie viele Risse durch das System BRD gehen...
3. es krampf ganz sehr,
viceman 06.10.2012
Zitat von sysopRote Fahnen? Nee, rote Lippen! Künstlerische Fotografie erblühte in der DDR nur im Schatten. Wohl auch, weil viele Bilder bloßstellten, wie sozialistischer Wunsch und alltägliche Wirklichkeit auseinander klafften. Die Berliner Schau "Geschlossene Gesellschaft" zeigt genau das - und mehr. Geschlossene Gesellschaft: Ausstellung mit DDR-Fotografie in Berlin - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/geschlossene-gesellschaft-ausstellung-mit-ddr-fotografie-in-berlin-a-859754.html)
in der medienmaschine , die immer wieder versuchen muß, die "ddr" schlechtzumachen oder ins unrecht zu setzen. da ist kein anlaß absurd genug , die gleichen fotos egal ob nackt ( schutzlos - fehlt nur noch der stasi-folterknecht ) oder im schlachthof-gleiche bilder bzw. vergleichbare gibt es dazu auf der ganzen welt und zu allen zeiten ! im übrigen erinnere ich mich an zeiten, da überall fotographien ausgestellt wurden, selbst in der schule gab es fotozirkel und jede menge austellungen auch mitte der 70- er jahre. naja, die absicht ist erkannt frau zinser....
4. Ich sehe es wie meine Vorredner...
mulhollanddriver 06.10.2012
...und empfehle allen Lesern dieses Artikels, die Fotos von Detlev Steinberg anzusehen, soweit das im Internet möglich ist.
5. immerhin gab es dort offenbar sogar eine 24-Cafeteria
großer bruder 06.10.2012
während im Westen damals noch überall um 12 die Bürgersteige hochgeklappt wurden, gab es dort offenbar schon fast rund um die Uhr geöffnete Restauration im schicken 70-ger Jahre look. Und das auch noch mit Mehrweg-Flaschen für Milch und Joghurt. Das war doch mal wirklich "überholen ohne einzuholen".
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