Die 40-Jährigen "Sklaven der Work-Life-Balance"

Sie stecken fest zwischen Selbstoptimierung und Selbstausbeutung: Soziologe Heinz Bude erklärt, wie sich die Generation der 40-Jährigen aus Angst vor Fehlern selbst lähmt.

Ein Interview von

Generation Null Fehler: Zum Erfolg in allen Bereichen verdammt
Corbis

Generation Null Fehler: Zum Erfolg in allen Bereichen verdammt


Zur Person
  • imago
    Prof. Dr. Heinz Bude, Jahrgang 1954, ist einer der wirkungsmächtigsten Soziologen Deutschlands. Seit 2000 hat er an der Universität Kassel einen Lehrstuhl für Makrosoziologie. Seine Schwerpunkte liegen in der Generationen- und Arbeitsmarktforschung.

    Wichtige Werke: "Das Altern einer Generation. Die Jahrgänge 1938 bis 1948" (1995), "Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft" (2008), "Bildungspanik. Was unsere Gesellschaft spaltet" (2011). Gerade erschien seine Schrift "Gesellschaft der Angst", in der Bude die Angst als zentrale gesellschaftliche Kraft beschreibt.
SPIEGEL ONLINE: Herr Bude, gerade ist Ihr Buch "Gesellschaft der Angst" erschienen, in dem Sie beschreiben, wie das Virus der Angst die Gesellschaft zersetzt. Zeitgleich haben Sie in der "Zeit" einen viel beachteten Essay veröffentlicht, in dem Sie beschreiben, wie die 35- bis 45-Jährigen sich aus Angst vor Fehlern selbst hemmen. Haben wir es also mit einer Generation der Weicheier zu tun?

Bude: Nein, das würde ich nicht sagen. Sie arbeitet ja hart an sich selbst, härter vielleicht als vorherige Generationen. Aber mir ist aufgefallen, dass die 40-Jährigen aus dem Milieu der akademischen Intelligenz, die einem im mittleren Management von Weltmarktführern oder bei den law firms oder in den Internetlaboren begegnen, sich vor allem eines nicht verzeihen können: auf etwas reingefallen zu sein oder eine Nebenfolge nicht bedacht zu haben. Man muss in Alternativen denken und sich Szenarien möglicher Entwicklungen vor Augen halten können. Das gilt für die Arbeit, die Liebe und das Leben.

SPIEGEL ONLINE: Diese Umsicht spricht doch eher für sie. Was kritisieren Sie daran?

Bude: Alle Bemühungen der 40-Jährigen drehen sich darum, den Begriff eines gelungenen Lebens für sich einzulösen. Das ist deshalb so schwierig, weil das mit Karriere nicht mehr abgedeckt ist. Die Nachkriegswelt von Fortkommen und Durchboxen gilt so nicht mehr. Wer sich eingestehen muss, dass man das Glück mit den Kindern dem Beruf geopfert hat, kann einpacken.

Heinz Budes Kernthesen zur Generation Null Fehler
1. Der Begriff des Erfolgs löst sich für die 40-Jährigen nur ein, wenn alle Lebenslagen, also Beruf, Beziehung und Familie, souverän gemeistert werden.

2. Aus der Selbstoptimierung folgt die sklavische Selbstausbeutung; ein nur in Teilen erfolgreiches Leben führt in die Depression.

3. Es wird ironisch, smart und hochbeschleunigt kommuniziert, bei wirklich ernsthaften Themen herrscht jedoch Funkstille.

SPIEGEL ONLINE: Der Frust wäre ja auch nachvollziehbar - oder nicht?

Bude: Natürlich. Aber was ist mit dem Scheitern, das einen auf Grund laufen lässt? Wir haben es hier mit einer Generation Null Fehler zu tun, die sämtliche Bereiche des Lebens auszutarieren versucht. Wer das nicht hinkriegt, gehört zu den wirklichen Losern, von denen man sich besser fernhält.

SPIEGEL ONLINE: Geben Sie bitte ein Beispiel.

Bude: Nehmen Sie die klassische Powerfrau. Erfolg im Beruf, aber vielleicht keine Kinder. Die wird von den 40-Jährigen heute schnell als tragische Figur abgetan. Gerade bei den Frauen dieser Generation zeigt sich fatal, was passiert, wenn man in allen Bereichen ein sogenanntes erfülltes Dasein haben will. Als Berufstätige sowieso, aber eben auch als warmherzige Mutter und als abenteuerlustige romantische Partnerin. Bettina Wulff demonstriert, wohin das führen kann.

SPIEGEL ONLINE: Da wird die Selbstoptimierung also schnell zur Selbstausbeutung?

Bude: Ja, perfiderweise. Denn eigentlich wird ja die perfekte Work-Life-Balance angestrebt. Man wird aber zum Sklaven dieser Work-Life-Balance. Was ursprünglich eine Befreiungsidee war, um sich vor den Tücken der Arbeitswelt zu schützen, wird nun zum Auslöser einer Depression. Das existenzielle Optimierungsprogramm ist schwer durchzuhalten. Früher sagte man: Ich bin, der ich bin. Heute denkt man: Ich bin, der ich sein könnte.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt's?

Bude: Michel Foucault hat das Selbsttechnologie genannt. Befreiung von Fremdsteuerung durch Unterwerfung unter Eigensteuerung.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte auch sagen: Es wird der perfekte Algorithmus für das Leben gesucht.

Bude: Genau. Die 40-Jährigen denken sehr in Szenarien. Und sie verrechnen diese unterschiedlichen Szenarien zu einem optimalen Gesamtszenario. Aber sie wagen keine kausalen Hypothesen, mit denen man einen Knoten durchschlagen kann. Alles wird gegeneinander abgewogen, aber man gibt sich keiner Sache ausschließlich hin. Interessanterweise verdichtet sich diese Tendenz gerade in der Politik. Ich spreche viel mit Politikern aus der mittleren und höheren Ebene, alle haben diesen etwas ermüdenden Realitätssinn und sagen einem: Mit 50 musst du bei dem Job aufhören, wenn du dich nicht ruinieren willst.

SPIEGEL ONLINE: So wie gerade Schleswig-Holsteins Innenminister Andreas Breitner, der mit 47 Jahren hingeschmissen hat, weil er mehr für seine Familie da sein will. Eigentlich doch sympathisch, oder?

Bude: Vielleicht. Von Max Weber gibt es die, wie ich finde, aufschlussreiche Unterscheidung, ob man von oder für die Politik lebt. Wollen wir nicht ein paar im politischen Geschäft, die für die Politik leben? Aber wer wäre das aus der Generation der heute 40-Jährigen, die sich für die Zeit nach Angela Merkel warmlaufen?

SPIEGEL ONLINE: Was passiert eigentlich, wenn die 40-Jährigen jetzt in die wichtigen Entscheiderpositionen kommen?

Bude: Da wird es spannend. Wir befinden uns da gerade an einem Wendepunkt. Die Jahrgänge des Nachkriegs, die bislang das Sagen hatten, waren noch von dem Gedanken geprägt, dass das Schlimme hinter ihnen lag. Die nach 1964 Geborenen hingegen haben das dumme Gefühl, dass das Schlimme erst noch kommt. Das ist die Angst vor einem trügerischen sozialen Frieden.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie bitte konkreter: Welche Auswirkungen hat diese Art von Angst?

Bude: Früher hieß der stille Gesellschaftsvertrag "Wer will, kann", heute lautet die allgegenwärtige Drohung "Wer nicht aufpasst, rutscht". Das führt zu einer defensiven, abwartenden und reaktiven Haltung, die zweifellos effizient und rational ist, aber in Gefahr steht, nur noch Informationen zu verarbeiten und sich kein Wissen mehr zuzutrauen.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin bedarf es dafür einer gewissen kommunikativen Offenheit - wenigstens in diesem Punkt kann man die 40-Jährigen doch beglückwünschen. Oder nicht?

Bude: Schon. Die 40-Jährigen, die gerade überall das Heft in die Hand nehmen, sind smart, schnell und ironiebegabt. Aber Ironie kann auch Schutzmechanismus sein, weil man weder den anderen noch sich selbst traut.

SPIEGEL ONLINE: Sang die britische Popband Pulp um Jarvis Cocker nicht schon vor 15 Jahren "Irony is over"?

Bude: Stimmt aber nicht. Im Gegenteil, die Ironietechniken haben sich eher verfeinert. Pop ist übrigens auch ein gutes Beispiel, um die 40-Jährigen zu erklären. Sie haben Pop verinnerlicht wie keine Generation zuvor, aber der Pop hat sich ungeheuer ausdifferenziert und kann gar nicht mehr über einen Kamm geschert werden. Die Popmusik ist heute ein Arsenal sehr spezieller Ironien, mit denen man sich erkennt, ohne sich was zuzumuten. Pulp waren möglicherweise die letzte Band, die im großen Stil Ironie und Haltung zusammengebracht haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie attestieren den 40-Jährigen also eine hohe Ironie-, Medien- und Kommunikationskompetenz - die allerdings geradewegs in die Haltungslosigkeit führt?

Bude: Im gewissen Sinne. Bei Fragen der letzten Bedeutung, so meine Erfahrung, herrscht auf einmal diese austernhafte Verschlossenheit. Man will sich durch Ernsthaftigkeit nicht aufs Kreuz legen lassen. Die letzten Dinge haben durchaus einen Widerhall, aber sie werden ausgespart.

SPIEGEL ONLINE: Klingt ziemlich fürchterlich. Wie kann man denn nun die 40-Jährigen aus ihrer lähmenden Optimierungsroutine reißen?

Bude: Man müsste den Blick wohl weiten: Interessanterweise gibt es jetzt eine Reihe global denkender und sich fühlender Intellektueller, die in Pakistan, in der Dominikanischen Republik oder in Äthiopien geboren sind und in London, Paris oder Berlin leben. Und die stellen uns jetzt auf die Probe, indem sie andere Visionen einer Moderne entwerfen. Das könnte eine gefährliche Begegnung sein, die aber fruchtbar werden kann. Weil die alten Ironiereflexe hier versagen. Da ist mit der Selbsttechnologie von Null Fehler nichts zu machen.

LITERATUR SPIEGEL auf Facebook

Anzeige



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 118 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tart 06.10.2014
1. so einen Quatsch...
...hab ich selten gelesen.
wdiwdi 06.10.2014
2. Irgendwelche belastbare Daten für die steilen Thesen?
Ich sehe dort nur Einzelfälle, Zitate von verehrten Großvätern der Soziologie und merkwürdige popkulturelle Referenzen, aber absolut keine Verweise auf belastbaren Statistiken, systematische Befragungen etc. Bei dem minimalen Umfang des vorgestellten Datenmaterials kann man auch leicht genauso viele Gegenbeispiele finden und das komplette Gegenteil behaupten und belegen. Als wissenschaftliche Arbeit wäre so etwas außerhalb der Soziologie völlig inakzeptabel.
dioogenes 06.10.2014
3. Budenzauber
Tut mir leid, aber die Zeit solcher aus der Hüfte geschossenen Ferndiagnosen ganzer Bevölkerungsteile ohne jede Empirie ist eigentlich vorbei. "Die 35 bis 45 Jährigen in D" ... Das gibt es nicht. Das ist schlicht das Fantasma des Herrn Bude. Ich kenne so viele unterschiedliche Leute in diesem Alter ... Wer kauft so ein verdummendes Buch?? Die Wahrheit, wenn schon solcherart Allgemeines gesagt werden muss, ist ganz anders. Die Möglichkeiten der älteren Generationen waren zugeich weniger und besser. Weniger, da es vielleicht 20 verschiedene Berufe zur Auswahl gab (und heute 2000). Besser, da man in diesen Berufen auch gefördert wurde und Sicherheit erfuhr (und nicht am Werkvertragsgängelband gehalten wurde).
Muhli9 06.10.2014
4. Gegenfrage
Ich hatte gestrig noch ein Gespräch mit einem guten, gleichaltrigen Freund (wir sind Mitte/Ende dreißig). Wir sind beide in sehr guten (leitenden) Angestelltenpositionen, beide in Beziehungen, beide derzeit quasi "DINKs". "Wie sieht es bei Dir mit etwaigem Kinderwunsch aus?", fragte ich ihn. Meinen Standpunkt zum Thema kennt er, ich wusste von ihm nur, daß er "nicht möchte", jedoch nicht, warum. Die Details möchte ich hier nicht breittreten, einer der Teilaspekte unserer beider Weigerung, uns zu replizieren, ist die Tatsache, daß man entweder die Wahl hat, gestörte Kinder in die Welt zu setzen (Stichwort "Generation Ritalin", Kinder, die um die Aufmerksamkeit ihrer beider berufstätiger Eltern dann buhlen müssen, wenn sie denn mal zur Verfügung stehen, und das dann natürlich in irrsinniger -- pathologischer -- Intensität machen) oder es eben sein zu lassen. Es ist einfach der Sachzwang: Wir können uns Kinder schlichtweg *nicht leisten*. Welche Qualität hätte die Kindheit und Jugend unserer Kinder, wenn wir unsere Partnerinnen "aus dem Beruf nehmen", um sich um die Kinder/das Kind zu kümmern? Zweimal eine Woche Pauschalurlaub im Jahr, eine Dacia vor der Tür und eine halbwegs akzeptable Wohnung? Und das als, wie angemerkt, nicht zu schlecht verdienende Angestellte in sicheren Verhältnissen. Meine Anektdote zu dem Thema ist immer ein Großvater. Kein leitender Angestellter, aber in der Buchhaltung eines KMU tätig, in sicherer und jahrzehntelanger Anstellung. In den 1960ern reichte es als Alleinverdiener für Hausbau, sechs Kinder, eine Frau, die sich um diese kümmerte, zwei Nichtpauschalurlaub im Jahr und einen Benz vor der Garage. Heutzutage schlicht undenkbar.
Don_Draper 06.10.2014
5. Ich kann gut
die Thesen von Herrn Bude gut nachvollziehen, vor allem die Selbstoptimierung. Was ich aber nicht ganz verstehe ist, was Herr Bude genau will? Vielleicht sollte ein Bundeskanzler sich vor allem auf Politik konzentrieren und das nicht als Broterwerb sehen, aber warum sollte ich das in meinem Bürojob tun? Da gibt es durchaus Familie und Freizeit.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.