Gesellschaft in Angst Freiheit, Gleichheit, Sicherheit

Ein Bombenpäckchen für Merkel und Sprengsätze in Flugzeugen, die jeder von uns hätte buchen können: Der Terror ist Alltag geworden, aber wirklich schützen kann uns niemand, auch der Staat nicht. Nur das Gefühl von Sicherheit kann er vermitteln - doch diese Illusion ist lebensnotwendig.

Polizist am Flughafen München: Kontrolle als gemeinschaftsstiftendes Ritual
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Polizist am Flughafen München: Kontrolle als gemeinschaftsstiftendes Ritual

Von Christian Schneider


Wie sicher sind wir eigentlich noch in unseren friedvollen Habitaten? Die Probleme der Risikogesellschaft reichen neuerdings nicht mehr nur fühlbar in die Niederungen unseres Alltags, sondern bis hinauf in ihre Gipfelregionen: Wir erfahren von Bomben nicht nur im fernen Kunduz, sondern im Kanzleramt, von Sprengsätzen in Flugzeugen, die jeder von uns hätte buchen können. Nachrichten wie die von per Luftfracht versandten Sprengkörpern rühren an den Nerv einer Gesellschaft, zu deren zentralen Versprechen das der Sicherheit gehört. So sehr, dass der Sozialpsychologe Peter Brückner in den sechziger Jahren einem Buch über die Bundesrepublik den Titel "Freiheit, Gleichheit, Sicherheit" gab. Tatsächlich, das Streben nach Sicherheit hat in den modernen Gesellschaften längst die alte bürgerliche Forderung nach "Brüderlichkeit" abgelöst. Wir wollen sicher leben - und das bedeutet mehr, als dass wir nur unsere Ruhe haben wollen. Denn der Wunsch nach Sicherheit ist eine Wurzel unserer Existenz.

Die "physiologische Frühgeburt" Mensch zeichnet sich biologisch und psychologisch durch eine folgenreiche archaische Hilflosigkeit aus: Ohne Fürsorge und elterlichen Schutz könnten wir die ersten 72 Stunden nach der Geburt nicht überleben. Das ist unserer Psyche und unserem Sozialverhalten tief eingebrannt. Wir suchen, lebenslänglich, Sicherheit und Schutz. Die Fähigkeit, ihn zu gewähren, gehört deshalb auch zur unverzichtbaren Legitimation der Institution Staat: Protego ergo sum - ich schütze, also bin ich - ist sein zentraler Leistungsnachweis.

Als legitim gilt, was die Routine nicht stört

Kein Zufall also, dass nach dem bombigen Doppelpack wieder einmal der Ruf nach mehr Sicherheit laut wird. Gehör finden allemal diejenigen Stimmen, die möglichst farbenkräftig das Szenario der allgegenwärtigen Terrorgefahr ausmalen. Was Wunder, schließlich besteigen wir doch alle hin und wieder ein Flugzeug. Und die meisten Deutschen scheinen durchaus zu Opfern für ihre Sicherheit bereit zu sein. Brav kommen wir immer früher zum Abflug, lassen unaufgeregt die peinliche Körpervisitation über uns ergehen und befürworten mehrheitlich Maschinen, die buchstäblich unsere Scham enthüllen. Das Wort "Nacktscanner" gibt besser als die gesammelten Bulletins des Innenministeriums wieder, was uns Sicherheit wert ist. Wir sind bereit, dafür ein wesentliches Stück Intimsphäre - und damit persönlicher Freiheit - preiszugeben. Denn um nicht weniger geht es: Die Balance von Freiheit und Sicherheit. Sie zählt zu den Grundregulationen des Zusammenlebens in demokratischen, in "offenen" Gesellschaften.

Ein kurzer Blick auf die nachkriegsdeutsche Gesellschaftsgeschichte zeigt, wie sich hier die Gewichte verschoben haben. In den siebziger Jahren musste die Aufrüstung der "inneren Sicherheit" angesichts des Terrorismus der RAF noch gegen die Entrüstung eines großen Teils der Bevölkerung durchgesetzt werden. Martialische Sprüche wie die des damaligen NRW-Innenministers Willi Weyer, die Bürger müssten sich an den Anblick maschinenpistolenbewaffneter Polizisten "so gewöhnen wie ans Steuerzahlen", machten zunächst keine gute Stimmung. Aber sie schufen langfristig Raum für die Akzeptanz all jener sicherheitspolitischen Eingriffe, die weniger bürgerkriegsmäßig brutal ins Alltagsleben eingriffen. Seither wird das Problem der öffentlichen und persönlichen Sicherheit im Verhältnis zur individuellen Freiheit vor allem nach Maßgabe der sozialen Unauffälligkeit bewertet: Was nicht allzu unangenehm die Routinen stört, gilt stillschweigend als legitim, mindestens als akzeptabel.

Die versprochene Sicherheit ist eine Schimäre

Als 2001 mit dem 11. September eine neue Phase des TV-tauglichen Terrors eingeläutet wurde, war im Westen längst die kollektive Bereitschaft dafür geschaffen, sich Sicherheitsritualen zu fügen; ja, sie klaglos mitzutragen wurde als Zeichen reifen zivilen Gehorsams gewertet. Tatsächlich beruht die Akzeptanz von Kontrollen wie wir sie heute in jedem Flughafen erleben, weniger auf dem Vertrauen in ihre Wirkung als auf der Zustimmung zu einem gemeinschaftsstiftenden Ritual. Ihre primäre Funktion ist, ein Gefühl der Sicherheit zu schaffen.

Das sagt viel über unser Denken aus. Denn die Sicherheit, die uns heute nach den vereitelten Anschlägen versprochen wird, ist eine Schimäre. Jeder Experte weiß, dass die jetzt geforderten Checks bei der Luftfracht nur um den Preis einer gigantischen technologischen und höchst personalintensiven Aufrüstung zu leisten wäre, die niemand bezahlen kann. Auf dem heute gegebenem Niveau wäre das konsequente Ausschalten von Risiken so zeitaufwändig, dass wesentliche Teile der Produktion lahmgelegt würden, auf der unser Wohlstand beruht. Das will niemand. Und es ist unrealistisch, Standards, die das auch nur halbwegs garantieren könnten, in naher Zukunft durchzusetzen.

Der Ruf nach mehr Sicherheit in der aktuellen Aufregung ist, wie gesagt, verständlich, weil er eine anthropologische Grundbefindlichkeit quittiert. Zugleich macht er eine andere kenntlich: Unsere enorme Illusionsfähigkeit. Obwohl wir wissen, dass weder technische Kontrollen noch Gesetze und Verordnungen oder politische Machtworte uns die Sicherheit verschaffen können, die wir uns wünschen, neigen wir dazu, jenen Versprechungen Glauben zu schenken, die uns die Illusion der Sicherheit vermitteln. Daran krankt grundsätzlich die Zivilgesellschaft. Wir können nicht leben ohne das Gefühl, geschützt zu sein. Unser unstillbarer Wunsch nach Sicherheit ist der erklärte Feind ihres kostbarsten Wertes: der Freiheit.



insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
Osis, 04.11.2010
1.
Was ein Unsinn. Auf die Straße treten und sterben ist wensentlich wahrscheinlicher als Opfer eines Anschlag zu werden. Vor Irren ist man nie sicher. Und die meisten Irren sitzen in Deutschland im Auto. Also was soll der Unsinnsbericht...
Jahiro, 04.11.2010
2. Dummschwätzerei
"Der Terror ist Alltag geworden, aber wirklich schützen kann uns niemand, auch der Staat nicht. Nur das Gefühl von Sicherheit kann er vermitteln - doch diese Illusion ist lebensnotwendig." Was für ein Unsinn. Wer bitte schön hat denn jetzt Angst? Ich kenne keinen. Wie hoch ist denn bitte schön die Gefahr Opfer von einem Anschlag zu werden? Doch wohl so niedrig, dass man das getrost als Sicherheit bezeichnen kann. Oder lebt der Artikelschreiber auch in ständigem Terror vor der Mördermaschinerie "Autoverkehr"? Mann-o-Mann was für eine journalistische Qualität. Vielleicht mal darüber nachdenken, ob man nicht lieber zur "Bild" wechselt?
flanke 04.11.2010
3. Wer ruft nach mehr Sicherheit?
Ich bin mir da nicht so sicher, ob es die Menschen sind, die da nach mehr Sicherheit rufen. Eher habe ich das Gefühl, daß es die Politik ist, die danach ruft und suggeriert, es wäre Volkes Wille. Zum einem, um Aktionismus vorzutäuschen und von den wahren Problemen abzulenken und zum Anderen, um bei dieser Gelegenheit Stück für Stück die Bürgerrechte einzuschränken. Ich für meinen Teil würde lieber die Wahrscheinlichkeit von 1:??? Mio in Kauf nehmen, dass bei meinem nächsten Flug eine Bombe an Bord ist, als mich weiterhin so obszön befummeln zu lassen. Und man sollte diesen durchgeknallten Spinnern ruhig zeigen, dass wir eine freie und offene Gesellschaft sind und uns auch durch diesen Terror nicht in deren mittelalterliches Weltbild zurückbomben lassen.
kdshp 04.11.2010
4. aw
Zitat von sysopEin Bombenpäckchen für Merkel und Sprengsätze in Flugzeugen, die jeder von uns hätte buchen können: Der Terror ist Alltag geworden, aber wirklich schützen kann uns niemand, auch der Staat nicht. Nur das Gefühl von Sicherheit kann er vermitteln - doch diese Illusion ist lebensnotwendig. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,727164,00.html
Hallo, witzig ist das! 1 zu 10.000 stehen die chancen an einem autounfall zu sterben 1 zu 1.000.000.000 an einem terroranschlag
herrdaemlich 04.11.2010
5. ...
Letzte Woche waren es noch Nachrichten die mich nicht interessierten, heute sind es Artikel über die ich nur den Kopf schütteln kann. Beides mal ging es um Terrorismus. Die Illusion der alltäglichen Gefahr in einem Terroranschlag zu sterben ist doch vorallem den Medien geschuldet, dann erzählt mir doch jetzt bitte nicht, dass die Reaktion der Regierung, die Illusion der Sicherheit wichtig und notwendig ist.
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