Gespaltenes Deutschland Die Mauer in den Medien

Ein Kessel Buntes aus heile Welt, Antikapitalismus und Alt-Promis: Ost-Medien unterhalten ihr Publikum mit der guten alten Zeit - und im Westen nimmt kaum jemand Notiz davon. Die deutsche Medienlandschaft durchzieht ein tiefer Graben, den bisher nur ein Sender überbrücken konnte.

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Mario D. Richardt heißt eigentlich nur Mario Richardt, ohne "D". Das Initial hat er sich ausgedacht. "Das ist mein Künstlername", sagt Richardt. Klar, denn schließlich arbeitet der 32-Jährige als Moderator beim Fernsehen, immerhin beim MDR. Er kämpft mit seiner Zuschauer-Anwalts-Show "Mach Dich ran" gegen den real existierenden Kapitalismus.

"Es wird doch überall nur betrogen", sagt der gelernte Maler und Lackierer. Selbst seine Mutter sei reingefallen: Einen Telefonvertrag mit Internet-Flatrate habe sie unterschrieben, ohne überhaupt einen Computer zu haben. Richardts Sendung hat beste Quoten – im Osten.

Sie trifft offenbar das Lebensgefühl der Menschen in den gar nicht mehr so neuen Bundesländern. Das gilt auch für den Rest des MDR-Programms, für Sendungen, die "So klingt's bei uns im Arzgebirg" heißen, "DDR – geheim" oder "Spaßvögel packen aus": ein Kessel Buntes aus Heile-Welt-Fernsehen, Antikapitalismus und Lebensberatung.

19 Jahre nach dem Mauerfall zieht sich immer noch ein tiefer Graben durch die deutsche Medienlandschaft. Ob "Süddeutsche" oder "FAZ", "Stern", SPIEGEL oder "Focus", ARD oder ZDF – alle sind im Osten weit weniger erfolgreich als in den alten Bundesländern. Die westdeutschen Printtitel erzielen von Zittau bis Rostock fast durchweg geringere Reichweiten, die öffentlich-rechtlichen Westanstalten schwächere Quoten. Selbst "Bild" kommt im Osten schlechter an.

Ossis seien anders. Vielen fehle der Sinn für Gesellschaftsthemen, meinen Kommunikationswissenschaftler. 40 Jahre lang hätten sie sich vor allem im Privaten wohl gefühlt, in der Familie, in Hausgemeinschaften oder auf der Datsche. Und auch heute interessierten sie sich vor allem für ihr unmittelbares Umfeld und noch ein bisschen für Rot- und Blaulicht-Themen.

Kaffeefahrten und Banken-Abzocke

Jochen Wolff, Chefredakteur der "Super Illu", trifft diesen Geschmack am besten. Sein Blatt ist so alt wie die Einheit und erreicht 21 Prozent der Ostdeutschen. Promis wie Dorit Gäbler, Frank Schöbel oder Carmen Nebel, alle Riesennummern in Ostdeutschland, füllen die Seiten der "Super Illu". Erzählt werden Erfolgsgeschichten über Halloren-Kugel-Model Mandy aus Halle oder Torsten vom Räuchermännchen-Versand in Tangermünde. Bei der Super-Illu ist der Ossi wer. Und Angela Merkel bekennt: "Ich bin auf meine ostdeutschen Wurzeln stolz."

Dazu gibt es jede Menge Service: Ein Leser aus Leipzig fragt, ob es normal sei, dass seine Frau, nun, da sie arbeitslos sei, jeden Tag mit ihm schlafen wolle. Es geht um auf Kaffeefahrten erworbene Matratzen oder Banken-Abzocke. "Ostdeutsche fühlen sich als Bürger zweiter Klasse und meinen deshalb, von den Medien an die Hand genommen werden zu müssen", sagt Michael Meyen, Kommunikationswissenschaftler an der Universität München.

Jochen Wolff kommt zwar aus dem östlichsten Westen, dem Bayerischen Wald. Er gefällt sich aber in der Rolle des Ostverstehers: "Der Ostdeutsche ist verunsichert und braucht Zuspruch", sagt der "Super Illu"- Chef. Er erlebe die Menschen auch "lustig und lebensfroh und nicht depressiv, wie die Westmedien gern schreiben".

Doch die Auflage der "Super Illu" bröckelt, das Blatt verkauft zwar noch 451.000 Exemplare, das sind allerdings 100.000 Hefte weniger als noch vor vier Jahren. Ist das der Markttrend? Oder durchschauen die Leser die zuweilen plumpe Anbiederung des Blatts?

Auslandskorrespondenten im eigenen Land

In den westdeutschen Medien fühlen sich die Ostdeutschen nach wie vor vernachlässigt. Die Verlage in Hamburg oder München wiederum fragen sich, warum sie über etwas berichten sollen, das ihre Stammleser wenig interessiert. Und so ist die Ex-DDR so weit weg wie Afrika oder Alaska: Geschrieben und gesendet wird nur, wenn es brennt. Lichtenhagen, Sebnitz, rechte Schläger oder Stasi. Die Reporter wurden zu Auslandskorrespondenten im eigenen Land.

Für manch übrig gebliebenes Ost-Medium ist wiederum der Westen Ausland. Ruft man in der Berliner Zentrale der Tageszeitung "Neues Deutschland" (ND) an, wird man sofort gefragt, ob es denn um "die Partei" oder das "ND" ginge. Das einstige Zentralorgan der SED ist mittlerweile zum Zentralorgan der Stützstrumpfträger mutiert: Die völlig überalterten Leser würden wohl heute noch gerne die Mauer verteidigen, notfalls mit dem eigenen Krückstock. Berichtet das "ND" über Menschenrechte in Kuba, wird die Redaktion mit Abbestellungen überhäuft. "Wir sind eben in unseren fünf alten Bundesländern zu Hause", sagt Kulturchef Hanno Harnisch. Alles eine Frage der Perspektive.

Mediennutzung hat viel mit Herkunft und Gewohnheit zu tun: In der DDR kosteten Tageszeitungen kaum 15 Pfennig. Unter der Woche waren die Blätter meist nur acht Seiten dick, heute ist eine Tageszeitung selbst im schlechtesten Fall drei mal umfangreicher und vor allem teurer. "FAZ" oder "Süddeutsche" kommen wie Bücher daher.

An der Masse des Medienkonsums liegt es nicht, dass sich Westmedien im Osten schwertun. 40 Minuten am Tag sehen Ostdeutsche länger fern als Westdeutsche. Der politischen Bildung hilft das wenig. "ARD und ZDF werden im Osten immer noch als Staatsfernsehen wahrgenommen", sagt Medienforscher Meyen. "Tagesschau", "Monitor" und "heute" haben entsprechend schlechte Quoten. Ausgerechnet der MDR konnte dieses Image abschütteln.

Der eigentliche Gewinner heißt RTL. Schon zu Wendezeiten begeisterte der Kölner Sender die Beitrittsbürger mit Sendungen wie "Mini Playback Show" , "Der heiße Stuhl" oder "Traumhochzeit"; auch das Cin-Cin-Ballett aus der Busen-Show "Tutti Frutti" kam an.

Heute ist RTL fast gleich stark in Ost wie West – und damit ein wirklich gesamtdeutsches Medium.



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