Gespräch über Gott Fromme Fürstin, knallharter Kardinal

Fürstin Gloria von Thurn und Taxis und der Kölner Kardinal Joachim Meisner, zwei ebenso erzkatholische wie politisch unkorrekte Persönlichkeiten, haben ihr Gespräch über Gott und Kirche als Buch veröffentlicht. Problem nur: Wenn zwei sich allzu einig sind, bleibt's beim frommen Glaubens-Talk.

Von Henryk M. Broder


Angenommen, es gibt einen Gott. Und angenommen, er möchte sich den Menschen in einer knappen, überschaubaren und verständlichen Form mitteilen: Wen würde er sich als Sprachrohr für eine Plauderei über Glauben und Tradition aussuchen? Batman und Robin? Doc Holiday und Billy The Kid? Stan Laurel und Oliver Hardy? Die Schöne und das Biest?

Gesprächspartner Gloria, Meisner: Vor allem nett zu einander
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Gesprächspartner Gloria, Meisner: Vor allem nett zu einander

Gott würde eine Weile nachdenken und dann verfügen: Die Fürstin und der Kardinal sollen es sein! Und so geschah es. Gloria von Thurn und Taxis, die Nina Hagen des deutschen Hochadels, und der Kölner Kardinal Joachim Meisner, die rechte Hand des Herrn auf Erden, setzten sich an einen Tisch, um über Gott und die Welt zu parlieren. Solche Gespräche haben eine reiche literarische Tradition. Gotthold Ephraim Lessing lässt seinen Nathan den Weisen mit einem Sultan und einem Kreuzfahrer streiten, bei Heinrich Heine findet eine Disputation zwischen Rabbi Juda, dem Navarrer, und Frater Jose, einem Franziskaner, statt.

Im Falle der Fürstin und des Kardinals liegt die Causa ein wenig anders. Das ehemals transkontinentale Partygirl, das eine gute Partie gemacht hat, und der in Breslau geborene Sohn einer Kriegerwitwe, die ihre vier Kinder allein großziehen musste, sind im Prinzip einer Meinung. Sogar der Verlag, der sie zusammengebracht hat, muss zugeben: "Die bloße Prominenz von zwei Gesprächspartnern rechtfertigt noch lange kein Buch." Was ist es dann? "Ihr Glaube und ihre Liebe zur Tradition der Kirche."

Lieber "Ansgar" oder "Herbert"

Beide sind gläubige und praktizierende Katholiken, die eine mehr, der andere weniger. Beide glauben nicht nur an Gott, sie treten auch ungeniert für ihre Überzeugungen ein, wobei sie ab und zu ein wenig über das Ziel hinausschießen. Die Fürstin, indem sie im Eifer des Gefechts sagt: "Afrika hat die Probleme nicht wegen der Verhütung. Der Schwarze schnackselt gern" und bei der Gelegenheit erklärt, wie verantwortungsbewusst geschnackselt werden darf: "Sex ist dazu da, um Kinder zu kriegen und nicht zu Jux und Tollerei"; der Kardinal, indem er laut über "entartete" Kunst nachdenkt, die keinen Bezug zu Gott hat. Von solchen Ausrutschern abgesehen, sind beide aber umgängliche und heitere Menschen, die vor allem deswegen in Talkshows eingeladen werden, weil sie sich nicht an die Regeln der "political correctness" halten.

Freilich: Allein gelassen sind sie vor allem nett zueinander. Die Fürstin möchte wissen, ob der Kardinal dem Papst den Ring küsst ("natürlich" tut er das) und warum ihm seine Eltern den Vornamen "Joachim" gegeben haben. Ihm habe der Name "nie gefallen", er wäre lieber "Ansgar" oder "Herbert" geworden. Dann beschwert sich die Fürstin über das kommerzielle Treiben an vielen Wallfahrtsorten, wo sich alle eine "goldene Nase" an den Pilgern verdienen, worauf der Kardinal einräumt: "Natürlich gibt es hier und dort reine Geschäftemacher."

So dauert es eine Weile, bis das Gespräch in Fahrt kommt. Interessant wird es, wenn der Kardinal, der sich als ein "Laufbursche" Marias versteht, sagt: "Der Zölibat gehört nicht zum Wesen des Priestertums" und über seine eigenen Versuchungen spricht. Er sei "ein paar Mal wirklich verliebt gewesen", so sehr, dass er "innerlich geweint" habe. "Auf der einen Seite spürte ich, dass ich in das königliche Priestertum Jesu Christi berufen war, auf der anderen Seite stand dieses hübsche Mädchen." Unnötig zu fragen, für wen er sich entschieden hat. Denn auch unverheiratete Männer und Frauen können liebevolle Väter und Mütter sein. "Denken Sie nur an Mutter Teresa! Sie wird von aller Welt Mutter genannt, obwohl sie biologisch nie Mutter gewesen ist."

Sympathischer Pragmatismus

Problematisch wird es nur, wenn sie es tatsächlich werden. "Was passiert, wenn ein Priester gegen den Zölibat verstößt und Vater wird? Zahlt die Kirche dann Alimente an die Mutter?", will die Fürstin wissen, worauf der Kardinal so antwortet, als handle es sich um einen Fall für die Haftpflichtversicherung: "Wenn ein Priester ein Kind bekommt, gilt das Verursacherprinzip: Der betreffende Priester muss die Alimente allein bezahlen, nicht der Bischof." Nur bei Ordensmännern, die kein eigenes Einkommen haben, springt der Orden ein. Über Maßnahmen, Sanktionen, gar Strafen gegen den Sünder verliert der Kardinal kein Wort.

Räumt man die dogmatischen Floskeln zur Seite, wird stellenweise ein sympathischer Pragmatismus sichtbar. Die Kirche hat "kein Problem mit der Theorie vom Urknall", das "sollen die Naturwissenschaftler klären"; in der Frage der Sexualmoral habe sie "nicht immer besonders geschickt argumentiert", den Akzent zu sehr "auf die Weitergabe des Lebens" gelegt und dabei "die Sexualität als solche" aus dem Blick verloren. Geht es aber um den Kernbereich der katholischen Sexualmoral – Abtreibung, Stammzellenforschung, Verhütung, Ehen ohne Trauschein – bleibt der Kardinal, assistiert von der Fürstin, knallhart.

Von Homosexualität haben beide noch nie etwas gehört. Und wer "natürliche Empfängnisregelung" praktiziert, der tut nicht nur sich, sondern auch der Umwelt einen Gefallen, indem er auf den Einsatz der "Chemiekeule" verzichtet. Zudem sei die Pille der Grund für das "demographische Desaster, vor dem wir stehen". Die Kirche, versichert der Kardinal, mache sich "keinen Sport daraus, möglichst viele Verbotsschilder aufzustellen", sie will nur, "dass die Menschen ein glückliches Leben führen" – natürlich nach den Regeln der Kirche.

Das kann man der Kirche nicht verübeln. Wem es nicht passt, kann sich direkt an Gott wenden.


"Die Fürstin und der Kardinal: Ein Gespräch über Glauben und Tradition"; Herder Verlag, Freiburg; 191 Seiten, 19,95 Euro



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