Gestalter Wagenfeld: Design für eine klassenlose Gesellschaft

Von Ingeborg Wiensowski

Eierbecher, Vasen, Lampen: Wilhelm Wagenfeld hat das deutsche Industriedesign des 20. Jahrhunderts geprägt wie kein anderer. Wie modern seine Entwürfe sind, ist nun in zwei Ausstellungen zu sehen.

Wilhelm Wagenfeld war ein Entwerfer mit Visionen: Die Industrialisierung und die damit verbundene Massenproduktion von Gebrauchsgegenständen sah er als Chance für den Aufbau einer klassenlosen Gesellschaft, jedenfalls was den Geschmack betraf: Dinge wollte er entwerfen, "jedes Stück so schön und praktisch, dass sich der Reichste wünscht, es zu besitzen, und so preiswert, dass auch der Ärmste es sich kaufen kann".

Ein Träumer war Wagenfeld nicht: Bis heute verdanken Arm und Reich ihm zeitlos klassische und ästhetische Gebrauchsgegenstände, die nicht nur schön sind, sondern immer auch praktisch. Feuerfestes Geschirr aus Jenaer Glas zum Beispiel, das "vom Herd direkt auf den Tisch" gestellt werden konnte, ergonomisch gestaltete Gläser und Vasen, die nicht aus der Hand rutschen, stapelbare Vorratskuben aus Pressglas für die damals noch kleinen Kühlschränke, Porzellangeschirr, Eierbecher, Weckgläser, ein abgeknicktes Tintenfass, Wand- und Deckenlampen, Cromarganschalen und -Dosen oder Bestecke.

Auch ein Radio und eine Schreibmaschine waren darunter und Türklinken, die sich heute in Angela Merkels Hand schmiegen, wenn sie ihr Büro im Kanzleramt öffnet. Allein Wagenfelds tailliertes Salz- und Pfefferstreuerpaar "Max und Moritz" aus Glas auf einem kleinen Metalltablett wurde 1967 rund eine halbe Million Mal verkauft und wird von WMF bis heute produziert.

Formenfinder statt Designer

Meist wissen die Besitzer und Käufer gar nicht, dass es Wagenfeld war, der diese Dinge für den täglichen Gebrauch entworfen hat, und das war dem Urheber nur recht. Als "Designer" nämlich wollte Wagenfeld nie bezeichnet werden, die "Hüllenmacher" stünden eher "der Wirtschaft nahe" und waren ihm bis ins hohe Alter ein Dorn im Auge. Er bezeichnete sich lieber als "Formengestalter", "Formenfinder" oder "Mustermacher" und empfand sich als Dienstleister der Nutzer und Käufer seiner Produkte. Ihm ging es immer um den Gebrauchswert seiner Gegenstände, nicht um deren Originalität, nicht um "Dekor" und auch nicht um eine wiedererkennbare Handschrift.

In wenigen Tagen wäre Wagenfeld 110 Jahre alt geworden und deshalb feiert seine Vaterstadt Bremen ihn mit einer großen Jubiläumsausstellung im 1998 eingerichteten Wagenfeld-Museum. Und auch im sächsischen Weißwasser, wo Wagenfeld seit 1935 bei den Vereinigten Lausitzer Glaswerken, der damals größten Glashütte Europas, als künstlerischer Leiter mit der "Revision" des gesamten Sortiments von 60.000 Einzelteilen betraut war, wird Wagenfeld mit einer Ausstellung geehrt.

Beide Institutionen haben jeweils eine große Sammlung mit Wagenfeld-Produkten: In Weißwasser bewahrt man einen Großteil der Entwürfe, die Wagenfeld dort erarbeitet hat; seiner Geburtsstadt Bremen schenkte der Industriegestalter kurz vor seinem Tod 1990 seinen Nachlass, der in der 1994 gegründeten Wilhelm Wagenfeld Stiftung wissenschaftlich betreut wird. Das Bremer Wagenfeld Museum zeigt daraus nun "Ausschnitte des Schaffens aus der Zeit von 1920 bis 1990", dazu Skizzen, Zeichnungen und erstmalig private Fotos, Briefe und Dokumente aus Familienbesitz.

Auch seine Bremer Schulzeugnisse und seine Bewerbungen sind dabei. Wagenfeld wäre gern Künstler geworden, aber das blieb ein Traum für den Sohn einer Bremer Hafenarbeiterfamilie. Stattdessen begann er mit 14 Jahren eine Lehre als Industriezeichner bei der Silberschmiede Koch & Bergfeld, die ihm später ein Stipendium an der Hanauer Zeichenakademie vermittelte.

1923 ging Wagenfeld an das Weimarer Bauhaus und lernte in der Klasse von Lászlo Moholy Nagy, die Anforderungen der Industrie mit dem Handwerklichen in Einklang zu bringen. Von allen Bauhäuslern hat er später die ideelle Forderung nach der künstlerischen Erneuerung der industriellen Massenproduktion wohl am konsequentesten und erfolgreichsten erfüllt.

Protest gegen den "Großhandel für Geschenkartikel"

Am Bauhaus entwarf Wagenfeld seine inzwischen legendäre Bauhaus-Lampe "WG 24" mit dem Milchglasschirm, die seit 1980 wieder hergestellt wird und inzwischen als Ikone modernen Designs gilt, genauso wie sein Teegeschirr aus Jenaer Glas, das seit 1997 wieder produziert wird. Bis 1930 blieb Wagenfeld am Bauhaus, zuletzt als Leiter der Metallwerkstatt. Danach arbeitete er für die Jenaer Glaswerken Schott & Gen., bis er schließlich 1935 zu den Vereinigten Lausitzer Glaswerken in Weißwasser wechselte.

1944 wurde Wagenfeld an die Ostfront geschickt, weil er sich weigerte, in die NSDAP einzutreten. Nach russischer Kriegsgefangenschaft kehrte er nach Deutschland zurück und beeinflusste ab 1949 bei WMF als "künstlerischer Leiter für den Aufbau eines Qualitätssegments" mit unprätentiösen, gradlinigen Entwürfen das deutsche Nachkriegsdesign. Einfach war das nicht, oft musste er firmeninterne Überzeugungsarbeit leisten. Aber gute Verkaufserfolge gaben Wagenfeld Recht. Jedenfalls bis 1970, da kündigte Wagenfeld, weil WMF als "Großhandel für Geschenkartikel" auf schnellen Absatz und modisches Design setzte.

Aber in seiner 1954 gegründeten privaten "Werkstatt Wagenfeld" in Stuttgart setzte der Meister des Einfachen und Eleganten sein Nachdenken über zeitloses und zeitgemäßes Gestalten fort. Bis zu seinem Tod 1990.


Ausstellungen:
"Wagenfeld - Die Ausstellung". Weißwasser/Sachsen. Glasmuseum. Bis 13.6., Tel. 03576/20 40 00.
"Wilhelm Wagenfeld 2010: Weiterwirken in die Zeit hinein". Retrospektive zum 110. Geburtstag. Bremen. Wilhelm Wagenfeld Haus. 15.4.-12.9., Tel. 0421/339 99 33.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Korrektur
tobypaw 13.04.2010
Im ersten Bild der Bildergalerie handelt es sich aber um die WA-24, nicht WG-24.
2. Gestalter Wagenfeld
BonChauvi 13.04.2010
Die Designs von Wagenfeld und Marianne Brandt sind wunderschön und zeitlos. Sie werden auch heute noch kopiert, jedoch nie erreicht.
3. Wagenfeldleuchten und das Glühlampenverbot
anin 13.04.2010
Zitat von sysopEierbecher, Vasen, Lampen: Wilhelm Wagenfeld hat das deutsche Industriedesign des 20. Jahrhunderts geprägt wie kein anderer. Wie modern seine Entwürfe sind, ist nun in zwei Ausstellungen zu sehen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,688516,00.html
Ich besitze einiger dieser Leuchten. Wegen des Glühlampenverbotes musste ich mir ein größeres Depot der nunmehr obsoleten Lampen anlegen. Gibt es unter den Politikern nur noch "Kulturbanausen"?
4. Vitra Design Museum Vielleicht auch mal hier vorbeischauen
clarakauf 14.04.2010
Wer das zeitlose Prinzip der Einfachheit schätz sollte auch hier vorbeischauen - das in Deutschland wohl renomierteste Museum für Design gibt eine Ausstellung und ist neben dem Einzellphänomen Wagenfeld den Ursprüngen auf der Spur. http://www.art-report.com/de/events/essence-things-design-and-art-reduction
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