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Gesundheits-Talk bei Maischberger: Gefangen im kranken System

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Realitätsverleugnung in gesteigerter Form: Bei Sandra Maischberger durften Politiker und Lobbyisten allen Ernstes über die Frage debattieren, ob es ein Zweiklassensystem bei deutschen Ärzten gibt. Da ist die Regierung viel weiter - sie plant schon Rationierungen für 70 Millionen Patienten.

Kann man die Frage wirklich noch diskutieren, ob Kassenpatienten beim Arzt Menschen zweiter Klasse sind? Kann man das wirklich noch machen nach all den Berichten und Tests, die jedes Mal zeigen, dass Privatpatienten schneller einen Termin beim Facharzt bekommen, dass sie anstandsloser teurere Medikamente erhalten, dass bessere Untersuchungsgeräte für sie zur Verfügung stehen? Frau Maischberger kann. Sie könnte vermutlich auch darüber diskutieren, ob es den Klimawandel wirklich gibt, ob die Wirtschaftskrise tatsächlich zu mehr Arbeitslosen führt und ob die Erde immer noch eine Kugel ist, wie viele behaupten.

Diskutieren wie im vergangenen Jahrhundert: Journalistin Herbert und KKKH-Allianz-Vorstand Kailuweit
WDR

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Solche Diskussionen funktionieren natürlich nur, wenn man sich ein paar possierliche Talkgäste einlädt, wie den Cheflobbyisten der Privatkassen, Volker Leienbach, und die ehemalige Schauspielerin und Ärztin Marianne Koch, über die Frau Maischberger erst im vergangenen Jahr sagte, sie sei ihr "Vorbild", weil "sie vor Lebendigkeit sprüht". Vermutlich deshalb durfte Frau Koch auch ganz nah zur Linken von Frau Maischberger sitzen.

Leienbach und Koch jedenfalls behaupteten mutig, wenn auch wider jede Empirie, dass Kassenpatienten nicht benachteiligt würden. Marianne Koch räumte allenfalls ein, dass der Unterschied so sei wie beim ICE-Fahren: Manche reisen in der ersten Klasse, andere in der zweiten, beide kommen aber zum Ziel. Frau Koch selbst erklärte aber, bei ihr sei es völlig egal, wie sie versichert sei, weil sie, wenn sie krank sei, immer zu befreundeten Ärzten gehe und da werde sie sowieso erstklassig behandelt. Bedauerlich sei aber, dass Kassenpatienten heute nicht mehr die Originalpräparate bekommen, sondern immer wieder neue Generika.

Nun muss man wissen, dass Frau Koch sich nicht nur mit Ärzten, sondern auch mit den Herstellern von Originalpräparaten gut versteht. Sie selbst ist, was in der Sendung verschwiegen wurde, Präsidentin der "Deutschen Schmerzliga". Hersteller der teuren Schmerzmittel Oxygesic und Palladon ist die Firma Mundipharma. Im Vorstand von Kochs Schmerzliga sitzt auch ein ehemaliger leitender Mitarbeiter von Mundipharma, und Mundipharma stiftet auch den "Deutschen Schmerzpreis" in Höhe von 10.000 Euro, den, potzblitz!, im Jahr 2006 ausgerechnet Marianne Koch bekommen hat. Der Pharmakologe Professor Peter Schönhöfer wirft Kochs Schmerzliga deshalb schon länger vor, "die verschleierte Einflussnahme der Pharmaindustrie auf die Medizin zu unterstützen und zu begünstigen". In der Sendung wurde das "Vorbild" von Frau Maischberger dagegen lediglich als "Ärztin" vorgestellt.

Ihr gegenüber saß die WDR-Journalistin Sibylle Herbert, die selbst an Krebs erkrankte und über ihre damit verbundenen Erfahrungen mit dem Medizinbetrieb ein Buch geschrieben hat. Sibylle Herbert, die gesetzlich krankenversichert ist, kommt zu dem Schluss, dass man als normaler Mensch, der chronisch krank wird, "sich kümmern, kundig machen und kämpfen muss". Für sie sei das "Gesundheitsdarwinismus". Ihr zur Seite saß ein Patient, der das ebenfalls belegen konnte: Ralf Riemeyer, der an einer seltenen Erbkrankheit leidet und nun die AOK verklagt, weil sie ihm ein für seine Krankheit nicht zugelassenes, aber nach Riemeyers Aussagen hilfreiches Präparat (Botox) nicht bezahlen will.

Für den Cheflobbyisten der Privatkassen, Volker Leienbach, sind solche Erzählungen natürlich Gold wert, kann er doch generös erklären: Bei uns würden Patienten das erhalten. Aber warum kann die Private Krankenversicherung überhaupt so großzügig sein, weshalb kann sie Ärzten und Krankenkassen für eine Behandlung 2,5-mal so viel bezahlen wie die Gesetzliche Krankenkasse? Weil sie besser wirtschaftet? Nein. Im Gegenteil. Die Verwaltungskosten der Privatkassen sind deutlich höher als die der gesetzlichen Kassen. Es funktioniert schlicht deshalb, weil sie die Leute selektieren darf, die sie versichert. Deshalb ist die Versichertengemeinschaft der Privatkassen reicher, besser gebildet, macht mehr Sport, lebt gesünder, ist deshalb weniger krank und verursacht weniger Kosten.

Überspitzt gesagt, kann noch der dümmste Manager eine Privatversicherung erfolgreich führen. Die deutsche Besonderheit, dass die zehn Prozent der Bevölkerung, die am gesündesten sind, eine eigene Krankenkassen bilden, ist heute logisch durch nichts mehr zu rechtfertigen. Deshalb forderte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach auch, diese Privilegien für die Reichen endlich abzuschaffen, worauf ihm aber die ehemalige Krebspatientin Sibylle Herbert entgegenhielt: "Das ist doch politisch gewollt." Herbert sagte, dass zwei Drittel der Bundestagsabgeordneten privat versichert seien. "Die machen gar nicht mehr die Erfahrung, wie es in der Gesetzlichen Krankenversicherung zugeht, sie sehen die Realität nicht, deshalb gibt's auch keinen Druck, etwas zu ändern."

In der Gefahr, die Realität nicht mehr wahrzunehmen, befinden sich aber nicht nur die Abgeordneten, sondern auch Frau Maischberger. Während sie noch wie in einer Talkshow-Sendung aus dem vorigen Jahrhundert diskutieren lässt, ob Kassenpatienten schlechter behandelt werden als Privatpatienten, gibt das Gesundheitsministerium seinen Experten vom IQWiG bereits den Auftrag, auszurechnen, wie viel ein zusätzliches Lebensjahr kosten darf oder welcher Preis für Medikamente noch in einem angemessenen Verhältnis zum Nutzen stehen. Zweiklassenmedizin ist ein alter Hut. Jetzt geht es um Rationierungen für 70 Millionen Krankenversicherte – nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 179 Beiträge
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1. Auf den Punkt gebracht
Schneemann_, 06.05.2009
Bin grad erst von einer provinziellen niedersächsischen Universitätsstadt in den Großraum Bonn gezogen - geprägt von der privat versicherten beamtenschaft der "Bundesstadt". Den Zusatz "Alle Kassen" bei manchen Ärzteschildern kannte ich nicht, weiß nun aber, dass in der hiesigen Gegend es fast der Normalfall ist, gleich nur Privatversicherte zu nehmen. Die 2-Klassen-Medizin noch ernsthaft in Frage zu stellen kann nur Lobbyistenstandpunkt sein.
2. Zu Herrn Lauterbach
leser75 06.05.2009
Zitat von sysopRealitätsverleugnung in gesteigerter Form: Bei Sandra Maischberger durften Politiker und Lobbyisten allen Ernstes über die Frage debattieren, ob es ein Zwei-Klassen-System bei deutschen Ärzten gibt. Da ist die Regierung viel weiter - sie plant schon Rationierungen für 70 Millionen Patienten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,623120,00.html
Auch der in Presse und TV allgegenwärtige Prof. Lauterbach ist in erster Linie Lobbyist, nämlich für den Privatklinik-Betreiber Rhön-Kliniken. Dass er für die SPD im Bundestag sitzt, erklärt dann auch einiges mehr!
3. ...
stonie, 06.05.2009
Zitat von sysopRealitätsverleugnung in gesteigerter Form: Bei Sandra Maischberger durften Politiker und Lobbyisten allen Ernstes über die Frage debattieren, ob es ein Zwei-Klassen-System bei deutschen Ärzten gibt. Da ist die Regierung viel weiter - sie plant schon Rationierungen für 70 Millionen Patienten. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,623120,00.html
ich habe nach frau kochs vergleich mit der 1. und 2. klasse in zügen, umgeschaltet, um zu so fortgeschrittener stunde keinen aufreger mehr zu bekommen. nicht bereits schlimm genug, dass wir seit jahrzehnten in einem system leben, was allen ihren besitzstand sichert, ausser natürlich den versicherten - nein! das ganze geht ja munter weiter. ich als chronisch kranker weis dies bereits seit jahren. denn: wenn ich als chronisch kranker pflichtversicherter trotz chronischer erkrankung real jeden monat drauf zahle, also billiger wegkäme, würde ich einfach direkt alles chash bezahlen, spricht wohl bände über den zustand unseres angeblichen "hochqualitativen solidarsystems"!! solidarisch mit den interessengruppen mit dem entsprechenden politischen einfluss. die versicherten gehören da jedenfalls nicht dazu...
4. Bitte aufwachen!
kanuffke 06.05.2009
Eine 2-Klassen-Medizin gibt es, seit es die Privatversicherungen gibt. Damit werben die doch. Das wird aber erst jetzt zum Thema, weil die Kassenpatienten immer stärker unter dem Sparzwang leiden. Völlig absurd, dass gerade die leistungsfähigsten Zahler aus dem System ausscheiden. Daher: erstmal Kasse für alle, wer will kann sich ja eine Zusatzversicherung leisten.
5. gähn...das nun schon wieder...
karsten112 06.05.2009
... nun geht sie wieder los die Debatte. Die Privatpatienten haben es ja so gut ect. PP. Ich kann es nicht mehr hören ! Beamte zahlen ja auch keinen Steuern und Asiaten können alle Karate ! Bin selber Privatversichert ( 50% Beihilfe ) , zahle also von meinem Nettogehalt auch noch die Krankenkasse und 100€ " Kostendämpfungspauschale " im Jahr und gehöre nicht zu " den Reichen " Ich bin vor einem Arztbesuch noch NIE gefragt worden welcher Kasse ich angehöre, das mal an Rande bemerkt. Wer keinen Termin bei einem Facharzt bekommt sagt am Telefon einfach er ist privatversichert und legt dann in der Praxis einfach die GKK Karte auf den Tisch, der Arzt wird es nicht wagen dich nicht zu behandeln. Jeder hat außerdem die Möglichkeit sich Privat zu versichern, oder zumindest eine Zusatzversicherung abzuschliessen. Bei der KFZ Versicherung regt sich niemand auf das der Nachbar mit dem Golf GTI mehr bezahlt als der Corsafahrer. Aber es wird nur gejammert, aber die ganze Familie ist in der GKK bei einem Beitragszahler mitversichert. Ansonsten wird gefressen, geraucht und gesoffen was das Zeug hält. Früher war ich auch gegen die Unterteilung der KK, aber heute halte ich es für einen Segen, besonders wenn ich mich im Wartezimmer umschaue. Aber das muß ich zum Glück nicht zu lange, ich komme ja sofort drann .. So und gleich gehe ich zur Massage, die bekomme ich nämlich als Privatpatient aufgeschrieben wann ich möchte und wieviel ich möchte. Es tut sehr gut sich einmal die Woche massieren zu lassen !!
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