Gewalt gegen Frauen, nicht nur in Freiburg Eine Epidemie der Gewalt

Nachdem der Tatverdächtige im Mordfall von Freiburg gefasst worden war, war die Aufregung groß, denn er ist Flüchtling. Dabei könnte man sich hierzulande fast täglich über schlimmste Gewalt gegen eine Frau durch einen Mann aufregen.

Kerzen, Blumen und Plakate am 25.11.2016 in Hameln
DPA

Kerzen, Blumen und Plakate am 25.11.2016 in Hameln

Eine Kolumne von


Die Trauer und Wut über den Mord an der Freiburger Studentin sind groß, und sie sind berechtigt. Es gibt viele Sätze, die man über den Fall sagen kann, die mit "Ausgerechnet..." anfangen. Ausgerechnet eine junge Frau, die sich in der Flüchtlingshilfe engagierte. Ausgerechnet einer von diesen männlichen, unbegleiteten Flüchtlingen, einer, der doch allem Anschein nach okay untergekommen war. Ausgerechnet das so offene Freiburg. Es wird nicht besser dadurch, dass die "Tagesschau" in den Verdacht geriet, den Fall absichtlich zu verschweigen.

Die Diskussion verläuft jedes Mal auf dieselbe Art, wenn Flüchtlinge mutmaßlich kriminell geworden sind: Es gibt Berichte darüber, als Polizeimitteilungen, in Medien, im Internet. Rassistisch eingestellte Leute fragen, warum die Sache von den Mainstreammedien nicht viel größer aufgezogen wird (auch wenn sie ihre Informationen aus einem Mainstreammedium haben). Nicht rassistisch eingestellte Leute sagen, doch, es sei schon wichtig, drüber zu reden, aber nicht wichtiger als bei einheimischen Tätern. Rassistisch eingestellte Leute sagen: Seht ihr, ihr relativiert das, so geht Verharmlosung.

Rainer Wendt, der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, sagte der "Bild"-Zeitung: "Während Angehörige trauern und Opfer unsägliches Leid erfahren, schweigen die Vertreter der 'Willkommenskultur'. Kein Wort des Mitgefühls, nirgends Selbstzweifel, nur arrogantes Beharren auf der eigenen edlen Gesinnung." Das ist noch härter als der Vorwurf der Verharmlosung, es ist der Vorwurf der eiskalten Herzlosigkeit, und das ist für die, die sich in der Flüchtlingshilfe engagiert haben, wohl ungefähr das, was sie als Letztes hören wollen.

"Die Tat ist nicht schlimmer, weil sie ein Flüchtling begangen hat", sagte Dieter Salomon, Grüner Oberbürgermeister von Freiburg, im Interview. Nun ist "schlimm" so ein Wort, für das es keine festen Standards gibt. Schlimm kann ein Husten sein oder ein Krieg. Für einige Menschen ist eine Tat, die durch einen Flüchtling begangen wurde, gefühlt schlimmer als eine, die durch einen Deutschen begangen wurde, und nicht nur das, sie ist in manchen Köpfen überhaupt dann erst existent.

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Der Freiburger Mord wurde erst dann von so großem, bundesweitem Interesse, als der Verdächtige gefasst wurde, obwohl es auch vorher schon ein grausamer Mord war. Es war insofern ein besonderer Fall, als es im Raum Freiburg drei Wochen nach der Tat noch ein weiteres tödliches Sexualverbrechen an einer jungen Frau gab und die Menschen dort verängstigt waren. Doch solange kein Flüchtling involviert ist, ist Gewalt gegen Frauen zwar ein Problem mit extremen Ausmaßen, aber nicht unbedingt eines, das von denen aufgegriffen wird, die jetzt Empathie mit den Angehörigen des Freiburger Opfers fordern.

Fast täglich versucht ein Mann, seine Partnerin oder Ex-Partnerin zu töten

Das Bundeskriminalamt hat Ende November eine eigene Auswertung zu Gewalt in Partnerschaften vorgestellt. Bei den rund 127.500 Fällen aus dem Jahr 2015, die in der Statistik auftauchen, geht es um Delikte wie Körperverletzung, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Bedrohung, Stalking, Mord und Totschlag. Darunter sind männliche und weibliche, deutsche und nichtdeutsche Opfer und Tatverdächtige. In 82 Prozent der Fälle sind die Opfer weiblich. 72 Prozent der erfassten Tatverdächtigen haben einen deutschen Pass. Diese Zahlen so zu benennen, bedeutet nicht, die Fälle unter den Tisch fallen zu lassen, in denen Männer das Opfer sind oder Ausländer die Täter. Es bedeutet zu zeigen, dass das Problem kein Flüchtlingsproblem ist.

Es gibt bislang keine Hinweise darauf, dass sich der mutmaßliche Täter von Freiburg und sein Opfer kannten. Also könnte man sagen, der BKA-Bericht hat nichts damit zu tun. Das stimmt. Die Gemeinsamkeit ist eigentlich nur, dass es in beiden Fällen unter anderem um Frauen geht, die getötet wurden.

2015 gab es in Deutschland 331 weibliche Opfer von versuchtem oder vollendeten Mord oder Totschlag durch den Partner oder Ex-Partner. Das ist fast jeden Tag eine Frau. 131 der Opfer starben, 200 überlebten. Würde man die Meldungen darüber jedes Mal in die Abendnachrichten einbauen, würden wir denken, wir leben in einem Land, in dem Gewalt gegen Frauen eine wahre Epidemie ist - und es würde stimmen. Jedes vierte Mal würden wir dabei hören, dass genauso auch ein Mann Opfer durch seine Partnerin oder Ex-Partnerin wurde (84 im Jahr 2015).

Man kann das für eine wahllose Zusammenstellung von Gewalttaten halten - oder für eine Zusatzinformation, die bisher zu wenig Beachtung gefunden hat. Der BKA-Bericht zu Partnerschaftsgewalt war kein so großes Thema, als er veröffentlicht wurde: Er war vielen Medien eher nur kleinere Berichte wert oder gar keine. Die meisten dieser Delikte tauchen, auch wenn es sich um Mord handelt, nicht in der "Tagesschau" auf, obwohl sie auch oft unfassbar grausam und tragisch sind. Sie werden hervorgehoben, wenn es mehrere Tote gibt oder wenn sie so brutal sind wie kürzlich in Hameln.

Dem BKA-Bericht wurde ein kurzer Beitrag gegen Ende der "Tagesschau" gewidmet. Hätte es einen Aufschrei gegeben, wenn er nicht vorgekommen wäre? Wahrscheinlich nicht.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben die Angaben zu den Zahlen des Bundeskriminalamtes präzisiert. Bei den Opferzahlen, die das BKA zu Mord und Totschlag im Rahmen von Partnerschaftsgewalt nennt, handelt es sich um vollendete und versuchte Delikte. Wir bitten um Entschuldigung.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 302 Beiträge
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Seite 1
der_weisse_wal 06.12.2016
1.
Da hilft kein Erklären und auch keine Zahlen. Was nicht ins populistische Weltbild passt wird ignoriert oder es ist eine Lüge.
Americanet 06.12.2016
2. Lalala
...ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt. Normalerweise lautes Gekeife für Frauenrechte und für den Gender-Wahnsinn, aber wenn irgendwo das Wort "Flüchtling" auftaucht, dann wird die ganze Relativierungsapparatur hochgefahren. Allerdings, Frau Stokowski, haben Sie vergessen, das Hirnlos-Argument "Oktoberfest" zu erwähnen. Kommt das dann nächste Woche noch nach, wenn die nächsten Fälle sexueller Übergriffe durch Asylbewerber bekannt geworden sind?
gelbesvomei 06.12.2016
3. Natürlich heißt es
Natürlich heißt es "ausgerechnet" - die Fallhöhe ist halt so außerordentlich! Sollte es sich beim Täter tatsächlich um den verdächtigen Afghanen handeln, dann wäre er über die unbezweifelbare Verwerflichkeit der Tat selbst hinaus eine Schande! Eine Schande für alle Flüchtlinge, für alle Afghanen ... Und bevor jetzt Gott und die Welt auf mich eintexten: Fragen Sie mal Flüchtlinge und Afghanen, was sie davon halten ...
Johndoe4 06.12.2016
4.
"72 Prozent der erfassten Tatverdächtigen haben einen deutschen Pass. Diese Zahlen so zu benennen, bedeutet nicht, die Fälle unter den Tisch fallen zu lassen, in denen Männer das Opfer sind oder Ausländer die Täter. Es bedeutet zu zeigen, dass das Problem kein Flüchtlingsproblem ist." Ich finde es schon beachtlich, wenn 28% , der Tatverdächtigen, tatsächlich keinen deutschen Pass haben. Mir ist klar, dass nicht jeder, der keinen deutschen Pass hat, auch gleich ein Flüchtling ist. Aber dieser Anteil scheint mir doch um einiges höher, als der Anteil der hier Lebenden an der Gesamtbevölkerung. Darüber hinaus stellt sich mir die Frage, wieso überhaupt Menschen, die "aus Angst um ihr Leben" hierher "geflohen" sind, solche Verbrechen wie Vergewaltigung, Tötung begehen. Sorry, aber dafür fehlt mir jedes Verständnis.
4frankie 06.12.2016
5. Wieder ein mislungener Versuch ..
.. der Relativierung. Und überhaupt nicht frei von Vorurteilen; wer nicht die Meinung der Autorin und damit von SPON vertritt, ist "rassistisch". Hoffentlich werden Sie als Wirtschaftsunternehmen die Konsequenzen spüren ... Rückgang der Abos, Freiverkäufe und Werbeanzeige. Übrigens: Natürlich ist eine Tat eines "Gastes" schlimmer als die eines Inländers. Seinen Gastgeber belügt man nicht, bestiehlt man nicht und bringt ihn auch nicht um. Man sägt ja auch nicht den Ast ab, auf dem man sitzt.
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