Diskussion um Video Der falsche echte Stinkefinger

Fake-Vorwürfe und Schmusekurs: Auf dem Höhepunkt des Schuldenstreits hat sich Griechenlands Finanzminister Giannis Varoufakis der deutschen Fernsehnation gestellt. Die Debatte war hitzig - und nicht immer sachlich.

Gab sich bei Jauch als überzeugter Europäer: Giannis Varoufakis
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Gab sich bei Jauch als überzeugter Europäer: Giannis Varoufakis

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Die ARD hatte offenbar auf eine Talkrunde im Stile mittelklassiger Gerichtsshows spekuliert. "Der Euro-Schreck stellt sich", so kündigte der Sender den Auftritt von Giannis Varoufakis bei Günther Jauch an. Doch auf die Rolle als Angeklagter hatte der griechische Finanzminister ganz offenbar wenig Lust. Der aus Athen ins TV-Studio geschaltete Syriza-Politiker versuchte es stattdessen abwechselnd mit Pathos, Intellekt - und einer Verschwörungstheorie. Der Überblick über den Griechenland-Talk:

Was war der Aufreger der Sendung?

Klarer Fall: das Stinkefinger-Video. Moderator Jauch konfrontierte Varoufakis mit einer Filmaufnahme (hier ab Minute 1:46), die den Politiker im Mai 2013 bei einer Rede im kroatischen Zagreb zeigen soll. Darin sagt Varoufakis mit Blick auf die Eurokrise, dass Berlin die Probleme alleine regeln könne und Griechenland bereits 2010 Deutschland den Stinkefinger hätte zeigen sollen - den er dabei in Richtung der Kamera streckt. Bei Jauch behauptete Varoufakis nun allerdings, dass dieser Film gefälscht sei: "Das ist ein unechtes Video!", sagte er in die Kamera. Was an den Fälschungsvorwürfen dran ist, war Jauch zufolge am Ende der Sendung noch nicht geklärt - aber: Man werde prüfen, "ob es da tatsächlich irgendwelche finsteren Mächte" gegeben habe. Alessandro del Prete, der Kameramann, der Varoufakis' Auftritt 2013 aufnahm bestritt am Sonntagabend via Twitter vehement, dass das Video gefälscht sei.

In jedem Fall ging in der Sendung unter, dass sich Varoufakis bei diesem Auftritt vor zwei Jahren auf das Jahr 2010 bezog. Er sprach damals also weder als Minister noch über die derzeitige Lage.

Welche Strategie verfolgte Varoufakis?

Offenbar hatte sich der Finanzminister vorgenommen, als überzeugter Europäer aufzutreten: "Wir haben die moralische Verpflichtung, dafür zu sorgen, das Projekt Europa am Leben zu halten", sagte er. Zugleich erklärte er es zum höchsten Ziel, "Europa und die Eurozone zu den Vereinigten Staaten von Europa weiterzuentwickeln" und versicherte seine Hochachtung vor seinem deutschen Amtskollegen Wolfgang Schäuble. Spätestens nach dem Stinkefinge-Eklat war die Schmusekurs-Strategie jedoch ramponiert.

Wer waren Varoufakis' Gegner?

Bayerns Finanzminister Markus Söder und "Bild"-Kolumnist Ernst Elitz wetteiferten wohl darum, wer härter mit Varoufakis ins Gericht zu gehen bereit ist. "Die Deutschen stehen eher hinter Wolfgang Schäuble als hinter Ihnen", sagte Söder in Richtung Varoufakis. Elitz urteilte über die Rhetorik des Griechen: "Mir scheint, der Minister habe Weichspüler geschluckt oder Kreide gefressen." CSU-Mann Söder in bester Populisten-Manier: "Jeder muss seine Schulden selber zahlen und nicht Deutschland für alle!" Daraufhin verließ Varoufakis seinen diplomatischen Kurs und sinnierte über die Möglichkeit, dass "die CSU eine Kampagne starte, unsere Regierung zu strangulieren." Da endlich intervenierte Moderator Jauch: "Möglicherweise überschätzen Sie da die Macht der CSU."

Wann wird Griechenland das Geld ausgehen?

In diesem Punkt gab sich der wortgewandte Grieche unpräzise. Solche "Liquiditätsprobleme" sollten "Europa nicht auseinandertreiben", sagte er, und: "Unsere Absicht ist es, alles Mögliche zu unternehmen, damit wir alles zurückzahlen können." Unterstützung bekam Varoufakis vom dritten Studiogast, der "taz"-Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann. Sie hob hervor, dass Griechenland in den vergangenen Jahren die Milliarden der Geldgeber primär aufgewendet habe, um Schulden etwa in Berlin und Paris zu begleichen - und aus diesem Teufelskreis nicht ausbrechen könne. Ihre Diagnose: "Das Geld ist weg."

Wie steht Varoufakis zu den umstrittenen Reparationszahlungen?

Athen fordert von Deutschland unter anderem Reparationszahlungen für NS-Kriegsverbrechen aus den Vierzigerjahren sowie die Rückzahlung eines Zwangskredits aus der Besatzungszeit. Nachdem vieles darauf hindeutet, dass der Streit juristisch für Griechenland kaum zu gewinnen ist, gab sich Varoufakis nun einigermaßen versöhnlich: "Da geht es nicht um Geld, das ist eine moralische Frage", sagte er. Das Thema sei für viele Griechen keineswegs abgehakt, daher wünsche er sich von Deutschland eine Zahlung in diesem Zusammenhang - "von mir aus zumindest einen Euro."

Erpresst Athen das restliche Europa?

Den Vorwurf, Athen überziehe Europa mit "Erpressungsversuchen", äußerte Journalist Elitz. Varoufakis sieht das aber augenscheinlich nicht so - und distanzierte sich sogar seinem Kabinettskollegen: Verteidigungsminister Panos Kammenos von den rechtspopulistischen "Unabhängigen Griechen" hatte damit gedroht, Flüchtlingen und IS-Extremisten Papiere für eine Weiterreise nach Berlin auszustellen. Dazu Varoufakis: "Wenn er das gesagt hat, kann ich das nur aus ganzem Herzen verurteilen." Es sei in einer Koalition immer so, dass es unterschiedliche Positionen gebe und man als Koalitionspartner kaum Einfluss auf die politischen Aussagen des Partners nehmen könne. Das sei in Deutschland ganz ähnlich.

Die gesamte Sendung sehen Sie hier in der ARD-Mediathek.

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insgesamt 188 Beiträge
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brunoswelt 16.03.2015
1. Das Geld haben die Banken bekommen
ich kann es nicht mehr hören. Ja, es gab eine Umschuldung in Folge derer viel Geld an die Banken ging. Aber es ging an die Banken, weil diese von Griechenland nicht das Ihnen zustehende Geld zurück bekamen. Nicht die Banken haben es ausgegeben, sondern and GR verliehen. Die GR wiederum haben es ausgegeben. Und alle Euro-Staaten dachten (vermutlich zu recht), sie müssten die Banken retten, den Bandensektor stabil halten, damit es nicht zum Flächenbrand kommt. Aber ganz klar ist das Geld letztlich den Griechen gegeben worden.
durchfluss 16.03.2015
2. Nie weg
Geld ist nie "weg" es ist immer nur wo anders. In diesem Fall ist es wieder bei den europäischen Grossbanken und nicht halt nicht im griechischen Rentenscheck und das ursprüngliche Geld hat so manche teure Wohnung in London bezahlt. Alles noch da...irgendwo...sicher nicht "weg".
Didis04 16.03.2015
3. Politclown
Floskeln, Platitüden, Rumgeeier, plumpes Anbiedern - ziemlich peinlich was da von Varoufakis kam. Man bekommt immer mehr den Eindruck dass dieser Mann mit jeder ihm zugetragenen Aufgabe überfordert ist. Wäre ich Grieche, würde ich mein Erspartes ganz schnell von der Bank holen...ach warte, das machen sie ja schon.
urknallmarinchen@yahoo.de 16.03.2015
4. Griechenland braucht ein Investitionsprogramm!
Nur ein modernes effektives Griechenland kann auch Gewinne erwirtschaften. Griechenland könnte z.B. große Mengen an Energie exportieren. Doch dazu müßte man große Flächen mit Solarzellen bestücken, Windräder installieren und z.B. auch Treibstoff aus Algen in großtechnischen Anlagen erzeugen. Leider ist man jedoch in den vergangenen Jahren den umgekehrten Weg gegangen und hat die Investitionen durch die Sparauflagen der Troika quasi abgewürgt, während mit den zur Verfügung gestellten Geldern lediglich die Ansprüche der Banken befriedigt wurden, denen ihre hemmungslose Profitsucht bei vermeintlich lukrativen Griechenland-Spekulationen letztendlich zum Verhängnis wurde.
robert.c.jesse 16.03.2015
5. Verwirrt & verirrt...
Wie es im Artikel nun richtig dargestellt wird: "Deutschland hätte schon 2010 Griechenland den Stinkefinger zeigen können/sollen" In der Sendung kam es so rüber, als hätte Varoufakis Deutschland den Stinkefinger gezeigt. Dagegen hat er sich gewehrt und liegt richtig. Hat man sich schon einmal über die "Kralle" von Schäuble Gedanken gemacht? Das unangenehmste an der Sendung war der "selbstgefällige" Söder mit seinem verächtlichen Dauergrinser.
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