Zizeks Debattenbeitrag zum Fall Varoufakis "Den Finger in die richtige Richtung gestreckt"

Die Politiktheoretiker Slavoj Zizek und Srecko Horvat haben 2013 jenen Kongress organisiert, auf dem Giannis Varoufakis die Mittelfinger-Geste zeigte. Hier erklären sie in einem Debattenbeitrag ihre Sicht auf die Diskussion in Deutschland.


Zur Person
  • Corbis
    Slavoj Zizek, 66, ist einer der bekanntesten Philosophen der Gegenwart. Der in Ljubljana geborene Denker war 1990 in Slowenien Präsidentschaftskandidat. Hegel, Marx und Lacan haben seine Werke maßgeblich beeinflusst. Er bezeichnet sich als eurozentrischen Marxisten. Die Veranstaltung, auf welcher Varoufakis den berüchtigten Stinkefinger gezeigt hat, war von Zizek mitorganisiert. Hier bezieht er Stellung zum griechischen Referendum und der Syriza.
Als zwei der Organisatoren und Teilnehmer des Subversive-Festivals in Zagreb im Mai 2013 freuten wir uns sehr, dass Giannis Varoufakis unserer Einladung gefolgt war, einen öffentlichen Vortrag auf dem Festival zu halten und sein Buch "Der globale Minotaurus" vorzustellen. Als Antwort auf eine Frage aus dem Publikum zeigte Herr Varoufakis damals nicht Deutschland oder den Deutschen den Mittelfinger. Er bezog sich auf die Situation im Januar 2010. Sein Ansatz war, dass Griechenland damals besser bei seinen privaten Gläubigern hätte in Verzug geraten sollen, als riesige Anleihen bei seinen europäischen Partnern - einschließlich natürlich Deutschland - zu tätigen.

Im Zuge der aktuellen Empörung wurden Varoufakis' Geste (oder besser gesagt: Redewendung) und ihre Bedeutung von deutschen Medien aus dem Kontext gerissen und in brutalster Propaganda-Manier manipuliert: Seine Redewendung von vor zwei Jahren wurde auf eine komplett andere Situation bezogen. Warum also wurde das unbedeutende Detail von einer Konferenz in Zagreb ausgegraben? Die Antwort ist nicht schwer zu erraten: Es ist Teil einer höchst zweifelhaften Strategie, die Syriza-Regierung zu diskreditieren.

Was uns allen Sorgen bereiten sollte, ist das Niveau, auf dem persönliche Attacken gegen die Schlüsselfiguren von Syriza gefahren werden. Herr Varoufakis wird dafür kritisiert, dass er in einer komfortablen Wohnung wohnt. All die rassistischen Klischees über die vermeintlich faulen Griechen, die nur auf Kosten hart arbeitender Europäer leben wollen, werden schamlos bedient. Welche Realität soll damit verschleiert werden?

Das Opfer werden wir alle sein

Sowohl in den Verhandlungen mit der EU als auch in seinen öffentlichen Stellungnahmen hat Herr Varoufakis stets auf maßvolle Weise versucht, einen rationalen Ausweg aus der Sackgasse zu finden. Dabei zeigte er soviel Kompromissbereitschaft, dass es in Griechenland schon zu ersten Demonstrationen gegen Syriza gekommen ist.

Was er und Griechenland nun im Gegenzug bekommen, ist die wiederholte und beschämende Weigerung, sich auf eine ernsthafte Verhandlung einzulassen. Um eine rationale Debatte zu vermeiden, begeben sich deutsche Medien immer stärker auf das Niveau der Boulevardpresse und stellen Tsipras und Varoufakis als Exzentriker da, die nur Zirkustricks aufführen und unverantwortliche demagogische Vorschläge präsentieren.

Die traurige Botschaft von alldem ist eindeutig: Um das Ganze noch schlimmer zu machen, muss Griechenland nicht nur in finanzielle Ketten gelegt bleiben, sondern auch erniedrigt werden. Das letztendliche Opfer werden wir alle sein - oder auf den Punkt gebracht: Europa.

Insofern Varoufakis "Deutschland den Finger gezeigt hat", bezog sich das Wort "Deutschland" nicht auf den Staat oder die Bevölkerung, sondern auf die deutsche Regierung, die damals (wie auch heute) die wichtigste Verfechterin der katastrophalen Sparpolitik der EU ist. Insofern war der Finger in die richtige Richtung gestreckt. Diese Botschaft kam bei allen auf dem Subversive-Festival im Mai 2013 unmissverständlich an - und sollte es heute, besonders in Deutschland, eigentlich auch.

Der wahre Skandal ist deshalb nicht der Gebrauch der guten alten griechischen Tradition des Mittelfingers - und wer hat nicht schon mal in seinem Leben den Mittelfinger gezeigt? Sondern das, was die deutsche Regierung Griechenland und dem Rest Europas antut. In der Debatte um kleine Finger sollten wir also nicht vergessen, was für einen riesigen Finger Berlin und Brüssel in Richtung Griechenland zeigen.

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Übersetzt aus dem Englischen von Hannah Pilarczyk



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 109 Beiträge
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Seite 1
coxeroni 17.03.2015
1.
Links und Links gesellt sich gern.
leonkennedy 17.03.2015
2. welch eine wendung
was medial abgeht ist eh nur noch peinlich. lüge, desinformation, manipulation. methoden die der demokratie schaden werden hier angewendet um eine falsche politik zu rechtfertigen. die idee europa wird durch die macht der gier zerstört.
quark@mailinator.com 17.03.2015
3.
Seltsam ... erst heißt es, die deutsche Presse hätte alles aus dem Zusammenhang gerissen ... später heißt es, der Finger wäre an die Bundesregierung gerichtet gewesen und das wäre auch OK und in guter griechischer Tradition ... und DE täte Europa all das an ... das ist doch absurd.
NicksAlleVergeben 17.03.2015
4. Schlimm
Schlimmes Geschreibsel. Schlimm, dass SpOn wirklich nun jedes Mass verloren hat. Den Namen "Varoufakis" in einem Satz mit "maßvoll" und "rational" zu nennen ist fast schon frivol. Meinungsmache á la SpOn. Und ich dachte mal, "links" sei klüger. Lasst es doch! Es ist mein Geld, was bald nicht nur weniger wert ist, sondern ich alleine dafür zahle, es zu haben. Im Gegensatz zu Herrn Augstein Jr. habe ich endlich davon. Schämen Sie sich, SpOn, so sehr einseitig zu schreiben. "Links" sein ist nicht unbedingt "gut" sein.
madtv 17.03.2015
5. schön dass wir drüber geredet haben
es wird aber weitergeblöckt, jede Wette, man könnte fast meinen, es soll den Führern der anderen Wackelkandidaten demonstriert werden, was mit ihnen, ihrer Selbsteinschätzung, ihrem Privatleben, ihrer Existenz gemacht wird, sollten sie es wagen freche Worte gen Brüssel zu schicken. Und dem Mob ist es eh egal....
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