Gisèle Freund "Psychologin des Auges"

Gisèle Freund war nicht nur eine sensible Porträtistin, sondern erregte auch als politisch engagierte Fotografin Aufsehen.


Paris - Die 1908 in Berlin geborene Künstlerin war die erste Geisteswissenschaftlerin, die eine Arbeit zum Thema Fotografie und bürgerliche Gesellschaft schrieb. Wahrscheinlich war sie auch die einzige Frau, der so viele international berühmte Literaten, Poeten und Künstler Modell gesessen haben. Sie war emanzipiert, feministisch und links, eine entschiedene Gegnerin der Nazis, vor denen die Jüdin zwei Mal flüchten musste: 1933 von Deutschland nach Paris und 1942 von Frankreich nach Argentinien.

Gisèle-Porträt von Francois Mitterand, 1981
AFP

Gisèle-Porträt von Francois Mitterand, 1981

Berühmt wurde die promovierte Soziologin Freund schon Anfang der dreißiger Jahre durch ihre sensiblen Porträts der damals "wilden" Intellektuellen, die sich im Pariser Quartier Latin tummelten: Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Virginia Woolfe, Paul Eluard, André Malraux und viele andere. Die damals in Schwarz-Weiß entstandenen Fotos machte die junge Frau aus großbürgerlichem Hause zunächst, um Geld zu verdienen. Die geduldige Art jedoch, wie sie die Gesichtszüge der Literaten einfing und abbildete, "einschließlich der dahinter lebenden Seele des Menschen", machte sie zu einer "Psychologin des Auges". Sie wurde bald zu einer angesehenen Fotografin mit Aufträgen bei den großen Zeitschriften und Agenturen wie "Paris-Match", "Life" und "Magnum".

Ein unbeirrbares Interesse am Menschen schaffte ihr neben den Porträts ein zweites Standbein - die Reportage. Von Argentinien aus bereiste die ungewöhnliche Frau in den vierziger Jahren Lateinamerika und schuf eindrucksvolle Bilderserien über Menschen, die dort in Not und Elend oder in Saus und Braus lebten. Eine kritische Reportage über Evita Peron, die in "Life" veröffentlicht wurde, führte zu politischen Störungen zwischen Argentinien und den USA. Ihre letzten großen Reisen machte Freund in den siebziger Jahren, mit Stationen in Japan und im Nahen Osten. Wenig später war einer der Glanzpunkte ihrer internationalen Karriere das offizielle Porträt des französischen Staatspräsidenten Francois Mitterrand, das sie 1981 anfertigte.

Ihre Leica, die Gisèle Freund als junge Frau in Berlin von ihrem Vater geschenkt bekam, befand sich im letzten Lebensjahrzehnt der hochbetagten Dame längst in einem Banktresor. Sie fotografierte schon lange nicht mehr, ordnete viel mehr ihre Bilder, über die sie einmal sagte, von tausend Fotografien überlebten vielleicht nur 30, die wirklich wichtigen.

Erst 1957 besuchte sie Deutschland wieder, von dem sie sich nach ihrer Emigration geschworen hatte, es nie wieder zu betreten. 1996 wurde die in zahllosen internationalen Ausstellungen geehrte Künstlerin dort mit der Verleihung des Titels "Professorin ehrenhalber" ausgezeichnet. Eitel machte sie ihr Ruhm nie, Fotografie war für sie etwas ganz Persönliches - ein Hilfsmittel, ihre Gefühle für andere Menschen auszudrücken. So war auch ihre Lebenseinstellung, über die sie sagte: "Das Einzige, was es gibt auf der Welt, ist Liebe und Freundschaft. Das sind die beiden Dinge, für die es sich lohnt zu leben."



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