TV-Comedienne Giulia Becker "Zuschauer fressen am liebsten, was sie kennen"

Feministische Scheidensongs und Kritik an starren Körperidealen: Wo Giulia Becker wirkt, wird's witzig - und wichtig. Die "Neo Magazin Royale"-Autorin über Vorbilder und ihr Problem mit deutschem Humor.

Joseph Strauch

Ein Interview von Linus Volkmann


"Wovor haben die alten weißen Männer im Fernsehen Angst?" Giulia Becker singt, twittert und schauspielert - so klug und witzig wie kaum eine derzeit. Die "Neo Magazin Royale"-Autorin wurde 1991 in der siegerländischen Provinz geboren, für die Sendung steht sie auch selbst immer öfter vor der Kamera: Vor allem ihr Clip "Verdammte Schei*e" machte sie in Deutschland bekannt, rund 900.000 Menschen haben den Song bisher auf YouTube angeschaut. In dem Video, in dem u.a. Jan Böhmermann und Nora Tschirner auftreten, kritisiert Becker eine Kultur am Arbeitsplatz, bei der Männer mit Blowjob-Witzen und Buddytum Frauen systematisch ausschließen. Sie singt: "Schuld ist meine Scheide" - und schließt sich dann doch mit anderen Frauen zusammen, um gegen den Sexismus anzutreten: "Und wenn ihr mit mir seid, dann schwingt jetzt eure Scheiden".

SPIEGEL ONLINE: Frau Becker, Ihr Song "Verdammte Schei*e" zeichnet eine gefrustete Frau im Job einer kreativen TV-Redaktion. Wie nah ist das Szenario an der Arbeitsrealität beim "Neo Magazin Royale"?

Becker: Die bildundtonfabrik, die die Sendung produziert, hat den entscheidenden Vorteil, dass eigentlich alle empfänglich und offen für das Thema sind. Es wird reflektiert, es geht darum, es besser zu machen - vielleicht sind wir noch nicht da, wo wir hinwollen, aber es geht stetig voran. Momentan haben wir sogar eine Frauenquote, die etwas besser ist als fifty-fifty. Vor drei Jahren hing im Büro noch ein "Sexy Karpfen Kalender" - heute ist das nicht mehr drin.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann gute, zeitgemäße TV-Comedy heute aussehen? Das "Neo Magazin Royale" etwa ist stark an der Blaupause der klassischen amerikanischen Late-Night-Shows ausgerichtet.

Becker: Das stimmt, aber wie die US-Amerikaner auch versuchen wir uns wöchentlich an neuen Ideen, Einspielern, Rubriken, Songs, Aktionen, die die Sendung dann in ihrer Summe meistens zu einer originellen Sache machen. Auch mal was ausprobieren, was nicht klassisch "Fernsehen" ist, davon lebt die Show. In Deutschland hat man ja mit der Klischee-Schiene à la "Frauen können schlecht Auto fahren und Männer sind faul" oder "Hey, kennt ihr noch den Song von der Gummibärenbande? Klatscht mal alle mit!" immer noch die besten Chancen auf Erfolg. Sehr viele Zuschauer fressen am liebsten das, was sie kennen. Das finde ich oft sehr deprimierend.

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Giulia Becker: Wann ist der Spaß vorbei?

SPIEGEL ONLINE: Sie treten in der Sendung auch immer häufiger vor der Kamera auf - wie ist Ihr Verhältnis zur Bühne?

Becker: Sehr ambivalent. In meiner Kindheit war ich immer eine ziemliche Rampensau. Ich habe gesungen, getanzt, Theater gespielt. Das entsprach mir, weil ich bis zu meiner Pubertät ein ziemliches Selbstbewusstsein besaß, auch was meinen Körper betraf. Das ist dann leider irgendwann auf der Strecke geblieben. Und jetzt teile ich mich auf: Einerseits gibt's den Wunsch, die Rampensau auszuagieren und andererseits verlangt meine introvertierte Seite ihr Recht. Letztere auch nicht zu knapp, permanente Selbstzweifel begleiten mich jeden Tag. Das ist halt ein ewiger Kampf. Es gibt Tage, da komme ich von selbst mit Ideen für die Bühne - und an anderen muss ich mich selbst zum Dreh schleifen, weil es eigentlich gar nicht geht. Ich trage beide Seiten in mir. Mal sehen, welche am Ende gewinnt.

SPIEGEL ONLINE: Fallen Ihnen Auftritte in der Öffentlichkeit leichter oder schwerer dadurch, dass Sie mittlerweile nicht nur für sich selbst sprechen - sondern auch als Vorbild wahrgenommen werden, als Feministin etwa oder als Repräsentantin eines Körperbilds jenseits des Dürre-Ideals?

Becker: Tatsächlich vereinfacht mir das das Ganze. Denn dieses Feedback ist etwas, das mir selbst auch Mut macht. Es gibt ganz viele Leute da draußen, die freuen sich, wenn sie repräsentiert werden im Fernsehen - wenn sie jemanden sehen, der nicht normschön ist, wenn sie eine Frau sehen, die Witze im Fernsehen macht, und das mit einer Selbstverständlichkeit. Dass ich da als positives Vorbild vorangehen kann, treibt mich an.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt auch Künstlerinnen, die diese Dauerrepräsentation als Bürde empfinden.

Becker: Das verstehe ich gut. Ich kenne Musikerinnen, die genervt sind, wenn sie mal wieder angefragt werden, weil der Veranstalter dann doch eine Frau für sein Line-Up braucht. Da denken die sich zu Recht: "Und was ist mit meiner Musik?" Aber ich sehe es so: Wir leben in einer Zeit, wo es die Quote braucht, um erstmal was Stabiles aufzubauen. Deswegen kann man diesem Role-Model-Sein nicht wirklich entfliehen - ich sehe da die Zukunft, also das, was man kommenden Generationen mit der eigenen Sichtbarkeit ermöglichen kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben gerade die "Alibi-Musikerin" angesprochen. Warum ist gerade der angeblich so bunte Popbetrieb so hinten dran?

Becker: Ein großer Faktor ist, dass immer noch mehr die Musik von Männern konsumiert und abgefeiert wird - auch mittelmäßige Musik von Männern. Wohingegen mittelmäßige Musik von Frauen ein komplettes No-Go ist. Bei Männern ist dieses schrabbelige "Ich hab keine Ahnung, aber ich mach einfach mal" dann sympathisch, der spleenige Typ von nebenan, der Macher. Bei Frauen ist es "Schade, sie ist einfach nicht gut genug.". Das allein ist ein Ungleichgewicht, das es zu besiegen gilt. Ich kann das Abgekulte dieser männlichen Mittelmäßigkeit nur noch schlecht ertragen. Von mir aus sollen die alle erfolgreich sein mit ihrem bedeutungsschwangeren Zeug. Aber bitte feiert uns Frauen dann auch für mittelmäßige Leistungen ab, als wären wir der nächste Messias.

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SPIEGEL ONLINE: Sie setzen sich mit Themen auseinander, auf die Internet-Trolle besonders gerne anspringen. Wie gehen Sie mit dem Hass im Netz um?

Becker: Ich habe mir, als alles losging, fest vorgenommen: Lies' dir nie die Kommentare durch. Aber wenn man schlaflos im Bett liegt, kann man das ja meistens doch nie durchhalten - außerdem will man natürlich auch wissen, was schreiben eigentlich die Leute? Böser Fehler! Aber was kann man dazu sagen? Es ist einfach unglaublich krass, was Typen dir anonym im Internet an den Kopf werfen, allein dieser ganz normale Hagel von antifeministischen Äußerungen, der auf einen einprasselt. Da muss man schon gucken, dass man gut geerdet ist, damit einen das alles nicht aus der Bahn wirft. Ich sehe schon systematischen Hass gegen Frauen im Internet.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Sie auf Anfeindungen?

Becker: Am besten natürlich gar nicht. Wie soll man gegen Hass argumentieren? Auf Twitter teile ich die richtig schlimmen Sachen aber manchmal, damit für andere sichtbar wird, wie die Realität für Frauen im Netz aussieht. Das überrascht jedes Mal auch viele Männer: "Wie krass, mit sowas musst du dich täglich rumschlagen?!" Jep, Johannes, das muss ich, während du jeden Tag stundenlang unbehelligt in den Kommentarspalten von Zeit Online den Nahostkonflikt lösen kannst.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie lieber wie die männlichen Kollegen einfach nur Witzen reißen können - ohne explizite Agenda?

Becker: Manchmal frage ich mich, wo ich stehen würde, wenn ich keine Frau wäre - und der Gedanke ist niederschmetternd. Denn die Kämpfe, die ich jeden Tag auszutragen habe, kosten Zeit. Privilegierte Männer können ihre Ressourcen für anderes verwenden, können Karriere machen, ohne nach links und rechts zu schauen. Und ich sehe bei mir dann oft nur diesen Kampf, das viele Nachdenken, Reflektieren, Lesen und Posten, dann wieder alles von vorn - und denke, das ist also dein Lebensinhalt jeden Tag. Wow. Aber mit Diskriminierung ist es einfach so: "Once you seen it, you can't unsee it". Wenn du einmal verstanden hast, wie Benachteiligung in der Gesellschaft funktioniert, wenn du Systemzusammenhänge blickst, dann kannst du das nicht mehr zur Seite schieben.


Aktuell ist Giulia Becker mit Jan Böhmermann und dem Rundfunk Tanzorchester Ehrenfeld auf Konzertreise, alle Daten finden sich hier. Ende März 2019 folgt Beckers erstes Buch. Der Roman "Das Leben ist eins der Härtesten" erscheint bei Rowohlt.

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