Kultur

Gleichstellung

Die Gender-Allergie

Das Wort "Gender" scheint für einige Leute so etwas wie Gluten zu sein: Sie vertragen es nicht. Andere wollen es nicht vertragen und teilen das dann jedem mit. Ihre offensichtliche Inkompetenz hilft niemandem.

Eine Kolumne von

Getty Images/fStop

Baby mit Frau

Dienstag, 27.06.2017   16:50 Uhr

Als vor ein paar Tagen der Gleichstellungsbericht der Bundesregierung vorgestellt wurde, gab es darum keinen großen Rummel. Was auch verständlich ist, weil Berichte so eine trockene Sache sind, und in diesem Fall auch echt kein Geheimnis verraten wurde, als rauskam, dass Frauen immer noch weniger verdienen als Männer, dafür mehr putzen und füttern und am Ende ärmer sterben.

Die Expertinnen und Experten, die diesmal an dem Bericht gearbeitet haben, stellen unter anderem fest, dass Frauen in der unbezahlten Betreuung von Kindern oder anderen Angehörigen gut anderthalbmal so viel Zeit aufbringen wie Männer, im Schnitt ein Unterschied von 87 Minuten pro Tag.

Zur bezahlten Arbeit heißt es: "Sie ist in Deutschland immer noch ganz entscheidend auch vom Geschlecht abhängig; hier hat sich seit dem Ersten Gleichstellungsbericht [2011] nichts Wesentliches geändert." Die Bundesregierung schrieb in ihrer Stellungnahme zum Bericht ganz nüchtern: "Die Bundesregierung sieht Politik als Prozess stetiger Fortentwicklung an und teilt die Einschätzung der Kommission, dass trotz der gemachten Fortschritte Gleichstellung weiterhin ein anzustrebendes Ziel ist."

In einem Kommentar zum Gleichstellungsbericht stellte dann "FAZ.net"-Redakteur Christopher Schäfer fest: "Gender-Gejammer"! Die Familienministerin singe ein "Klagelied" über etwas, "was ohnehin schon jeder weiß", und es sei ja auch richtig, dass noch keine Gerechtigkeit herrsche, aber: "Allerdings gehen im Gejammer über Gender-Gaps und mathematisch berechnete Verwirklichungschancen ein paar banale Wahrheiten unter: 1. Es wird in Deutschland kein junger Mensch gezwungen, die Weichen auf einen schlecht bezahlten Beruf zu stellen. 2. Es gibt keinen Zwang zu heiraten. 3. Es gibt keinen Zwang, Kinder zu bekommen. 4. Es gibt keinen Zwang, sich die Arbeit mit dem Partner nach der Geburt so aufzuteilen, dass ausschließlich die Frau ihre Erwerbsarbeit reduziert."

Ein Begriff, der Abwehrreaktionen auslöst

Paare, die Ungleichheiten weitertragen, hätten das ja wohl selbst so entschieden und "sie müssen auch mit den Folgen ihrer Entscheidung leben - und nicht etwa die Familienministerin und all die wohlmeinenden Gender-Forscher." Was letztere wollen, kann der "FAZ"-Redakteur nur ahnen: "Am Ende bleibt das Gefühl, dass die Welt aus Sicht eines Gender-Forschers erst dann gerecht ist, wenn auch wirklich jeder einzelne Müllbeutel gemeinsam zur Tonne getragen wird. Der Mann hält die linke Schlaufe, die Frau die rechte. Und beim nächsten Mal muss es umgekehrt sein."

Es ist unglaublich. Apropos Müll: Bei den meisten anderen Fachgebieten wäre diese Art von offenkundiger Unkenntnis und Ignoranz so offensichtlich peinlich, dass es schwer wäre, es in einem halbwegs seriösen Medium zu veröffentlichen. Dennoch soll dieser kleine Erguss hier nur exemplarisch stehen für ein Phänomen, das in den besten Familien vorkommt, wenn es um Geschlechterthemen geht: Stolz auf Inkompetenz bei gleichzeitiger Meinungsstärke: "Ich habe keine Ahnung, aber Widerstände in mir, und alle sollen es wissen." Ja, cool. Das Bewusstsein, gar nicht so genau zu verstehen, was die verrückten Gender-People sich da von unseren Steuergeldern ausknobeln, paart sich hier mit einer trotzdem vehement vertretenen Sicherheit, insgesamt schon ziemlich gut Bescheid zu wissen und sich auch entsprechend verteidigen zu müssen, als hätte irgendeine Feministin behauptet: "Ich bin Expertin für deine Hoden, Junge."

Natürlich ergibt sich dieser abgefahrene Mangel an Demut nicht zuletzt aus dem Thema selbst. Das Wort "Gender" scheint für einige Leute so etwas wie Gluten zu sein: Manche vertragen es nicht und andere wollen es nicht vertragen. Bei denen setzt eine Abwehrreaktion ein, die viel damit zu tun hat, dass Geschlechterthemen ein Bereich sind, zu dem alle irgendwas sagen können. Und sei es nur, dass es darüber nicht so viel zu sagen gibt, weil höhö, wenn du nicht weißt, welches Geschlecht du hast, guck halt in deine Hose.

Ungerechtigkeit kann sich auf vielen Ebenen abspielen

Es ist natürlich gut, dass es so ein offenes Thema ist, alle dürfen mitreden und man muss nicht in Gender Studies promoviert haben, um eine Meinung zur Frauenquote zu haben, aber das milde Bewusstsein davon, dass es Dinge gibt, über die es sich länger lohnt nachzudenken oder Fakten zu sammeln, bevor man einen Satz mit "höhö" draus macht - in den allermeisten Fällen würde das schon genügen.

Es gibt, um zur These des "FAZ"-Kommentars zurückzukommen, natürlich "keinen Zwang" in den allermeisten Fragen von Geschlechterungerechtigkeit, wenn mit Zwang so etwas wie Erpressung oder Peitschenhiebe oder whatever gemeint ist. Aber ist alles, was nicht Zwang ist, reinste Freiwilligkeit? Stehen Sie morgens aus Zwang auf oder freiwillig? Oder aus dem diffusen Sumpf aus Pflichtgefühl, Gewohnheit, Verantwortung und Angst vor Arbeitslosigkeit?

So wie Wonder Woman

Ungerechtigkeit kann sich auf vielen Ebenen abspielen. Es steht auch in keinem Gesetz etwas von Klassenzugehörigkeit, die bei der Geburt festgelegt wird und die zwar im Laufe des Lebens wechseln kann, aber den Verlauf dessen, was man so erlebt, doch ziemlich prägt - es gibt "keinen Zwang" in der Hinsicht, aber es gibt Herrschaft. Und die wirkt, oder, um mal die alte Gender-Tante (Scherz) Adorno zu zitieren: "Herrschaft wandert in die Menschen ein."

Eigentlich müsste ja an dieser Stelle das Staunen einsetzen, wenn man - wie in so einem Gleichstellungsbericht - sieht, wie langsam sich all diese Dinge ändern. Es gibt diese ganzen "Zwänge" nicht, und trotzdem verhalten sich Leute so, was ist da los? Wo sind es individuelle Entscheidungen aufgrund unterschiedlicher Präferenzen von Frauen und Männern, wo sind diese Präferenzen womöglich durch ungleiche Erziehung und sonstige Behandlung geprägt, wo gibt es eindeutige strukturelle Benachteiligungen, an denen der Staat mitbeteiligt ist? (Ehegattensplitting, dieser Komplettschwachsinn, warum gibt es das noch?)

Man muss das nicht bis ins Letzte verstanden haben. Der Maßstab dafür, an Ungerechtigkeiten etwas zu ändern, ist nur eben nicht, ob irgendwelche Typen es albern finden. Im derzeit laufenden "Wonder Woman"-Film sagt die Mutter von Diana (Wonder Woman) zu ihr: "There is so much you don't understand." Und sie antwortet: "I understand enough to fight for those who can't fight for themselves." Bitte zum Vorbild nehmen, danke.

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