Gloria und Meisner bei Maischberger Unterirdisch überirdisch

Die Pille ist Mord, Schwule können sich gesundbeten: Bei Maischberger bekam Deutschland tiefe Einblicke ins weltfremde Universum von Kardinal Meisner und Fürstin Gloria. Die katholische Kirche wurde zur Exotenshow.

Von Cornelia Westphal


Gloria von Thurn und Taxis und Joachim Kardinal Meisner. Zwei Ketzer gegen den Common Sense. Erprobte Vertreter des ungeschützten Verkehrs mit den Worten. Boten vom tiefschwarzen Rand der Gesellschaft.

"Die Fürstin und der Kardinal" haben gemeinsam ein ebenso genanntes Buch verfasst, und deshalb saßen sie um 22.45 Uhr im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bei Sandra Maischberger.

Die erste halbe Stunde verging mit harmloser Plauderei. Gloria trug ein gewiss sehr teures, an eine Schutzweste erinnerndes Cocktailkleid, Meisner schwarz. Bisweilen flatterte ein nervöser Tic über die Augenpartie des Kardinals, was ihm gut stand.

Gloria bedauerte, keinen Schlosskaplan mehr zu haben, und führte in den Gebrauch des Rosenkranzes ein: "Sie spulen dann alles ab, was Ihnen durch den Kopf geht." So eine Art Talkshow also. Beichten sei wie Duschen, "wir werden alle an der gleichen Stelle schmutzig" - womit man gleich beim Thema war. Maischberger ließ dann einige der haarsträubendsten Meisneriana einspielen ("Abtreibung ist Massenmord") und fragte Gloria, ob man denn wirklich abtreibende Frauen auf eine Stufe mit Hitler und Stalin stellen müsse?

"Nicht die einzelne Frau, aber den Staat", rief da die Fürstin, "46 Millionen Kinder werden abgetrieben im Jahr. Es ist die Gesellschaft, die den Massenmord betreibt. Der Staat subventioniert die Abtreibung." Denn auch die Pille sei eine Form von Abtreibung, also Mord. "Unsere Gesellschaft ist so verroht, dass Kinder, bloß weil sie im Bauch sind, kein Lebensrecht haben."

Maischberger behielt die Nerven.

Nur ein einziges Mal wurde an diesem Abend "Um Gottes Willen!" gerufen - von der Fürstin, als ihr Bilder aus einer Jugend als Glamour-Punk vorgehalten wurden.

Natürlich sei sie mit dem Kardinal einer Meinung, dass Geschiedene wie Frau Merkel nicht fürs Amt einer Familienministerin taugten, das die Kanzlerin bekanntlich früher einmal bekleidete: "Ich glaube, dass es an Glaubwürdigkeit fehlt. Ich wünschte, dass sie (Angela Merkel) eine glückliche, gesegnete Ehe geführt hätte ..." - "Vielleicht hätte sie sich das auch gewünscht", sagte Maischberger trocken.

Contra naturam!

Ob er auch Homosexualität immer noch als abnorm und wider die Natur verstehe, wollte Maischberger nun von Meisner wissen. Natürlich!, sagte dieser, Gott habe die Menschen nur in zweierlei Grundausstattung geschaffen. Maischberger hatte die Geistesgegenwart nachzuhaken: "Hat er nicht auch die Homosexuellen geschaffen, der Schöpfergott?" - "Er hat den Menschen geschaffen", sagte der Kardinal leicht verunsichert, wies aber darauf hin, dass "die nicht minderwertig" seien, die Schwulen.

Da war man doch neugierig auf Glorias Reaktion. Schließlich hat der bayerische Hochadel das Prinzip der Gleichheit unter Sexualpartnern durchaus praktiziert. "Contra naturam", sei das, sagte sie und empfahl "viel Beten" als Medikation. Das sei gewiss hart, aber: "Der steinige, steile Weg führt in den Himmel. Der breite, bequeme Weg führt in die Hölle."

Wohin man als Schwuler also geradewegs komme, wollte Maischberger wissen. "Das haben Sie gesagt!", konterte Durchlaucht, war aber damit noch nicht am Ende: "Das Kondom ist nicht gegen Aids." Nur Treue helfe.

Es gebe, warf der Kardinal ein, "zwei neue Methoden" katholischer Verhütung.

Leider fielen ihm diese Techniken gerade nicht ein.

Die katholische Kirche präsentierte sich an diesem Abend, in diesen beiden Vertretern als exotische Veranstaltung. Skurril eher als relevant, passagenweise unterhaltsam, aber letztlich hoffnungslos außerirdisch.

Die frohe Botschaft für den Telespector sapiens: Von dieser Seite sind keine Antworten zu erwarten.

Meisner hatte die vielleicht beste Gelegenheit, auf seine alten Tage etwas Altersmilde zu zeigen. Er hat sie wieder nicht genutzt. Als etwa Norbert Blüm per Videoeinblendung die Barmherzigkeit einforderte, auch Geschiedene am Abendmahl teilnehmen zu lassen, sagte Kölns Kirchenfürst nur: Nein, über der Barmherzigkeit stehe die Wahrhaftigkeit. Punktum, und deshalb haben Geschiedene auch am Tisch des Herrn nichts verloren.

Im übrigen sei Blüm kein Kirchenlehrer.

Kurz vor Mitternacht machte Maischberger noch ihr Satzergänzungsspiel: In Amerika wünsche ich mir als nächsten Präsidenten ...? – "Natürlich den Republikaner", sagt Thurn und Taxis.

Wenn ich einen Tag Kardinal wäre ...? – "Hexenverbrennung."

Und wer kommt auf den Scheiterhaufen? – "Ich!"

"Sie verbrennt sich selber", kann Maischberger nur noch sagen.

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