Glücksschmied Nöll Der Herr der echten Ringe

Für Fantasy-Fans ist er die begehrteste Devotionalie: der "eine" Ring aus der Tolkien-Saga. Ein deutscher Juwelier hat den Hype vorausgesehen und sich rechtzeitig die Lizenz zum Ring-Schmieden und damit auch zum Gelddrucken besorgt.

Von Carolin Ströbele


Der "eine" Ring für die Fans - Oliver Nöll mit seinem Prunkstück
DDP

Der "eine" Ring für die Fans - Oliver Nöll mit seinem Prunkstück

Der Herr der Ringe wohnt nicht im düsteren Schattenland Mordor, sondern in einem Ort mit dem anmutigen Namen Schwalmstadt-Ziegenhain. Und dass er in den nächsten Jahren voraussichtlich im Geld schwimmen wird, liegt weniger an seinen magischen Kräften als an einer cleveren Geschäftsidee. Denn Oliver Nöll besitzt momentan als einziger in Europa die Lizenz, den "einen" Ring nach dem Vorbild des Kinofilms herzustellen.

"Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden", so lauten die düsteren Insignien des "einen" Rings, der laut J.R.R. Tolkien seinem Träger die Macht über die ganze Welt verleiht. Bei Nöll hat man jedoch eher das Gefühl, dass er derjenige ist, der von dem Goldreif geknechtet wird. "Ich hoffe, dass ich meinen 33. Geburtstag noch erleben werde", flachst der Juwelier. "Letzte Woche habe ich keine zwölf Stunden geschlafen."

Die Gier nach dem Ring

Aus ganz Europa prasseln Anfragen auf ihn ein, berichtet Nöll. Die Gier nach dem Ring habe sogar schon Kunden aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland getrieben: "Die kommen extra angeflogen, holen den Ring ab und fliegen wieder nach Hause", berichtet der Juwelier - fassungslos von dem immensen Boom, den sein kleiner Goldreif unter den Fans ausgelöst hat.

Begehrt und doch unfassbar: Der "eine" Ring
REUTERS

Begehrt und doch unfassbar: Der "eine" Ring

Dabei war das Projekt anfangs nicht mehr als die Hobby-Bastelei eines leidenschaftlichen Tolkien-Fans. "Meinen ersten Ring hab ich mir schon vor Jahren zusammengekloppt", erzählt Nöll. Er habe dann Kontakt zu anderen Fans aufgenommen, um sich zu vergewissern, ob "die Elbenschrift auch stimmt". Doch wo immer er das magische Kleinod aus der Tasche zog, fingen die Augen der "Ringe"-Jünger an zu leuchten. "Den muss ich auch haben", hallte es ihm von allen Seiten entgegen.

Das war der Zeitpunkt, an dem der Geschäftsmann Nöll seine Chance witterte: Er nahm Kontakt auf mit der Produktionsfirma New Line Cinema, vereinbarte ein Treffen und sicherte sich die Lizenz, den offiziellen Fan-Ring in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu vertreiben. Während es sich im Film um einen einfachen glatten Goldreif handelt, der nur in der Hitze des Feuers seine Inschrift zeigt, sind die Buchstaben in Elbenschrift bei Nölls Ring innen und außen eingraviert.

Dauerschmieden im Familienbetrieb

Bei der Produktion verließ sich der Juwelier - ganz nach Hobbit-Art - auf altbewährte Freundschaftsbande. Er erteilte den Auftrag nicht einer beliebigen Großfirma, sondern seinem "väterlichen Freund" Walter Bechtold, Besitzer einer kleinen Trauring-Manufaktur in Pforzheim. Der Familienbetrieb produziert nun mit emsiger Beständigkeit einen magischen Ring nach dem anderen. Mehr als sieben Ringe pro Stunde springen dabei jedoch nicht heraus, berichtet Bechtold. "Die Laser-Maschinen schaffen nicht mehr Gravuren."

Er gibt seine Inschrift nur im Schein des Feuers preis: Der "eine" Ring
Warner Bros.

Er gibt seine Inschrift nur im Schein des Feuers preis: Der "eine" Ring

Obgleich der Goldschmied ununterbrochen im Einsatz ist - "Weihnachten und Silvester gab's diesmal nicht für mich" - stauen sich immer mehr Aufträge an. "Wir sind jetzt schon mit 3000 Ringen im Rückstand", sagt Bechtold. Doch der 63-Jährige bewahrt die Ruhe, auch wenn im Hintergrund unablässig das Telefon klingelt. Schließlich weiß er, dass sein Betrieb dank des lukrativen Geschäfts für die nächsten ein bis zwei Jahre ausgelastet sein wird.

Anfangs habe er das große Projekt sehr "diskret" behandelt, sagt der Goldschmied. Doch mittlerweile habe sich auch in Pforzheim die Kunde verbreitet, dass einer der ihren Deutschlands gefragtester Ring-Händler ist. Stolz klingt aus Bechtolds Stimme, als er erzählt, was man in der Stadt über ihn spricht: "Der kleine Bechtold macht jetzt den Ring."

"Alle reden über den Ring"

Im Handel hat der Verkauf des Rings trotz Lieferschwierigkeiten bereits über 1,5 Millionen Mark eingebracht. Seine Unkosten hat Nöll damit wieder gedeckt und kann sich im Hinblick auf die beiden Fortsetzungen im Kino auf drei weitere fette Jahre freuen.

In den Fantasy-Läden bestehen schon Wartelisten, die Händler kommen mit dem Nachbestellen gar nicht mehr hinterher. "Alle reden über den Ring", sagt Richard Meyer, Geschäftsführer des Traditions-Ladens "Andere Welten" in Hamburg. "Das war ein Volltreffer", attestiert der Geschäftsmann, "ein Gestalt gewordener Traum". 82 Euro kostet ein Silberring, für den klassischen Goldreif müssen Liebhaber 214,50 Euro hinblättern. Wer protzen will, kann sich auch für die Platin-Fassung entscheiden, die kostet dann allerdings 1500 Euro.

"Ein Ring des Bösen, der die Guten zusammenschweißt"

Er kann dem dämonischen Einfluss des Rings nicht widerstehen: Sean Bean als Boromir in "Der Herr der Ringe"

Er kann dem dämonischen Einfluss des Rings nicht widerstehen: Sean Bean als Boromir in "Der Herr der Ringe"

Vor Weihnachten habe das Geschmeide einen regelrechten Romantik-Boom unter den "Herr-der-Ringe"-Fans ausgelöst, erzählt Meyer. "Der absolute Hit war, mit der Freundin ins Kino zu gehen und dann, kurz bevor das Licht ausging, den Ring herauszuziehen." Eigentlich eine schöne Idee, findet der Geschäftsmann. Obgleich der Ring, wenn man nach der Inschrift geht ("sie zu knechten und ewig zu binden"), kein wirklich romantisches Bekenntnis darstellt. "Es ist eigentlich der schlimmste Ehering, den es gibt", meint Meyer.

Nöll hat da eine andere Interpretation - der Ring sei zwar ursprünglich ein Symbol der dunklen Mächte, "doch nur der im Herzen Reine kann ihn tragen, ohne seiner Macht zu verfallen." Für die Fans symbolisiere das Schmuckstück eine Lebenseinstellung, meint der Juwelier. "Es ist ein Ring des Bösen, der die Guten zusammenschweißt."

Offenbar sehen sich vor allem die Herren der Schöpfung zum Ringträger befähigt. "Es ist wirklich erstaunlich", berichtet Bechtold, "70 Prozent der Bestellungen sind Männerringe." Den Damen steht der Sinn offenbar eher nach etwas Verspielterem und damit steht auch schon der nächste Großauftrag im Hause Nöll und Bechtold an: Elbenringe. Zart und verschnörkelt, so sollen sie sein, fordern die Herrinnen der Ringe. Der Wunsch seiner Fans ist Nöll auch in diesem Fall Befehl: Die ersten Entwürfe hat er schon an die Werkstatt weitergegeben.



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