S.P.O.N. - Der Kritiker 1994, als alles begann

Ironie wurde Alltag, Underground wurde Mainstream: Die Welt, wie wir sie kennen, hat ihren Ursprung im Jahr 1994. In Berlin blickt jetzt das Performance-Kollektiv Gob Squad mit einem großartigen Stück auf diese Zeit zurück.

Eine Kolumne von


Die Welt, wie wir sie kennen, wurde 1994 geboren - das mag ein wenig grandios formuliert sein, aber wer 1994 jung war, der wird verstehen, was ich meine.

1994 wurde Ironie Alltag und Underground Mainstream, 1994 wurde das Echte zum Falschen und Identität etwas für Sturköpfe, 1994 wurde aus Theorie Lifestyle und aus Fake eine Realität, die so dicht mit Zitaten verwebt war, dass man sich am besten einfach aufgab, denn aus den wunderbaren Höllen des Pop, so schien es, gab es eh kein Entkommen.

1994 wurde auch deutlich, dass die Zukunft etwas war, was hinter uns lag, jedenfalls vom Westen aus betrachtet - das war der heitere Wahn von Quentin Tarantinos "Pulp Fiction", das war die laute Verzweiflung von Kurt Cobains Selbstmord, das war auch die nicht gehörte Botschaft der Proteste der Zapatisten in Mexiko, die noch vor den neoliberalen Globalisierungsexzessen der Nullerjahre dem Kapitalismus einen Platz auf der Strafbank der Weltgeschichten zuwiesen.

1994 wurde das Leben etwas, das mehr ein Versuch war, eine Skizze, ein Polaroid, das man irgendwann in die Hand nahm und überrascht feststellte, dass man selbst darauf war, jünger, schöner, trauriger - lange vor Second Life und Facebook waren wir zu unseren eigenen Avataren geworden, irgendwie ferngesteuert und verloren in dieser Mischung aus Freiheit und Selbstausbeutung, die ein wesentliches Merkmal des digitalen Zeitalters geworden ist und die man heute Kreativindustrie nennt.

Die Jahre des Theaters

Es waren, mit anderen Worten, schöne Jahre - es war ja unsere, es war meine Jugend, und man kann gar nicht anders, als die eigene Jugend schön finden, vor allem im Rückblick und obwohl sie schon damals von Reflexion so überwuchert war, dass die Melancholie, die über dieser Zeit der Raves und der Partys immer auch lag, womöglich das einzig Echte ist, das aus dieser Prä-Post-Pop-Steinzeit überliefert ist.

Und wenn nun, zwanzig Jahre später, das Performance-Kollektiv Gob Squad, das sich 1994 gründete, auf diese Jahre zurückblickt, als sie wurden, was sie nicht sind, mit dem großartigen Stück "Are You With Us" und einem Feierwochenende im Berliner Theater Hebbel am Ufer - dann zeigt sich eben auch und ein wenig überraschend: Es waren damals, bevor die Kunst für zehn Jahre die Weltdeutungsherrschaft übernahm, die Jahre des Theaters.

Es war das Jahrzehnt, 1994 bis 2004, in dem im Theater, zumindest in diesem kleinen Land mit Berlin in der Mitte, am meisten über die Gegenwart zu erfahren war: Hier war der Ort, an dem sich die ästhetischen Zutaten dieser Zeit am aufregendsten vermischten, Pop und Philosophie, Video und Film, echte und falsche Bilder, echte und falsche Gefühle, Kunst und Text und Leben - Analyse und Praxis eines Lebensgefühls fielen in eins.

Fragen ans Leben

Marthaler, Castorf, Schleef, Schlingensief, das waren die Koordinaten dieses Kosmos - aber Gob Squad, diese so vorbildlich kluge wie entspannte deutsch-britische Gruppe, war ein heimliches Zentrum dieses Theaters, das immer auch eine Versuchsanordnung für eine mögliche oder unmögliche Biografie war.

Hier wurden Fragen ans Leben formuliert, von denen man erst wusste, dass man sie hat, als man sie Theater hörte. Hier wurde man, so schnell konnte man gar nicht denken, von der eigenen Ratlosigkeit eingeholt. Hier durfte man Narziss unter Narzissten sein, man war ja clever genug zu verstehen, dass auch das nur eine Haltung war, die man ablegen konnte, wenn man nur wüsste wo.

Und so tragen sie sie immer noch mit sich herum, diese Haltungen, diese Prägungen, postmodern waren sie damals schon eher im Gestus, mehr proustisch in der Ernsthaftigkeit der Erinnerung, serious fun, das war immer der Ansatz, ernster Spaß, das war das Leben damals, auf der Suche nach der verlorenen Gegenwart.

Ein Rückblick wie eine Therapie

"What is your moment?", das ist eine Schlüsselfrage der Gob-Squad-Performance "Are You With Us", das war, eine Generation nach Warhol und 68, auch die Frage dieser Jahre: Fame, aber wie lange, Ruhm, aber für wen? Und warum? Und wofür?

Der Zweifel war das, was Gob Squad schon 1994 antrieb, an allem und jedem und auf sehr selbstbespiegelnde Art vor allem an sich selbst - und so ist es nur konsequent, dass dieser Rückblick wie eine Therapie angeordnet ist: Sie wollen ja wissen, wer sie waren, und sie wollen wissen, wer sie sein werden, und stehen sich dabei immer ein wenig selbst im Weg, ein wenig selbst im Bild.

Das war das erkenntnistheoretische Dilemma, in das sie sich, generationentypisch und mit deutlicher Lust, hineinbegeben haben: Verloren in Fußnoten.

Andererseits waren sie immer Aufklärer, im besten Sinn des Wortes: Sie misstrauen Authentizität und Identität und feiern das Individuum und die Freiheit, selbst wenn das Unsicherheit bedeutet.

Sie sind damit so angenehm weit weg von einer neuen deutschen Mainzelmännchenwelt, wo sich Leute in bürgerlichen Scheindiskussionen ernsthaft darüber erregen, ob jemand, der an einer Universität lehrt, unbedingt als Mann oder als Frau benannt werden müsste.

Als wäre es 1994.

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
ihatezensur 22.11.2014
1. 1994 - das Internet begann!
das ist, warum 1994 diese jetzige Zeit geboren wurde. Und für das D-Lebensgefühl ganz zentral war 1994 die Geburtsstunde von VIVA.
teletube 22.11.2014
2.
"Hier wurden Fragen ans Leben formuliert, von denen man erst wusste, dass man sie hat, als man sie Theater hörte."-Welche Fragen sind es denn genau, von denen ein (Theater-)Außenstehender bis dato nichts ahnte?Zum letzten Absatz würde ich sagen, daß da keine Scheindiskussion geführt wird, sondern daß die Wortakrobaten der Genderfanatiker eher in einer Scheinwelt leben.Natürlich weit oberhalb des Pöbels...
brillmann 22.11.2014
3. Äh?
Bin ich der Einzige, der keine Ahnung hat von was und über was Herr Diez hier schreibt?Könnte es sein, dass man 1994a) in einem jugendlichen Alter sein,b) in Berlin undc) in einer bestimmten Szene leben musste,um das jetzt und heute zu verstehen?
claus_debold 22.11.2014
4. Stehen lassen
Eine Kolumne, die ich so stehen lassen kann, weil sie die Meinung des Schreibers vertritt und ich mich da teilweise auch sehen kann.Kann es aber sein, dass die Kolumnisten seit kurzem schneller wechseln und die Beiträge dadurch nicht mehr tagelang Komentare sammeln können? Weniger Beschuß, weil kürzere Zeit?Auch gut. Nur bitte dadurch, dass mehr Quantität erzeugt werden muß, nicht auch die Qualität verringern.Oder bin ich da gerade im Jahr 1992?
analyse 22.11.2014
5. Man beschwert sich immer,daß Politiker um den heißen Brei rumreden!
Journalisten können das aber auch,obwohl ihr Job eigentlich ist,sich klar auszudrücken. Naturwissenschaftler bemühen sich mehr und mehr,komplizierte Sachverhalte und Zusammenhänge verständlich auszudrücken. Bestimmte Soziologen,Politiker und Journalisten bemühen sich dagegen einfache Sachverhalte möglichst kompliziert zu formulieren-was wollen sie verbergen ?Wenn das mit Macht (Monarchie/Medien/Diktatur)verbunden ist,kann es gefährlich werden! Da muß dann mal ein tapferes kleines Mädchen rufen:Der Kaiser hat ja gar keine Kleider an !So ist auch heute für jeden erkennbar,was für ein esoterischer Unsinn der GENDER-mainstream ist,aber nein,da haben wir gar schon über 100 Professuren an deutschen Universitäten !Welches Jahr und welche Strömung für diesen Unsinn ist,könnte Herr Diez ja mal rausfinden !
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