Goethe-Institut Das Stiefkind der Außenpolitik

Das Goethe-Institut bekommt immer weniger Geld und muss Prioritäten setzen. Die Organisation habe ein grundlegendes Strategieproblem, kritisieren Sachverständige im Auswärtigen Ausschuss. Fatalismus macht sich breit - zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt.

Von Christopher Stolzenberg


Goethe-Präsidentin Limbach: "Wir wollen uns nicht aus Europa zurückziehen"
DDP

Goethe-Präsidentin Limbach: "Wir wollen uns nicht aus Europa zurückziehen"

Berlin - Jutta Limbach, die Präsidentin des Goethe-Instituts, hat es schwer. Sie steht an der Spitze einer Organisation, die seit Jahren unterfinanziert wird. In dieser Woche hörte sie sich trotzdem vier Stunden lang geduldig die Kritik von Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Feuilleton im Kulturausschuss des Auswärtigen Ausschusses an. Schlagworte wie "Sanierungsfall" und "unklare Strategie" fielen, Vorschläge für eine Evaluierung der Arbeit des Goethe-Instituts wurden vorgebracht. Gleichzeitig monierten die Sachverständigen, dass das Goethe-Institut den Schwerpunkt seiner Aktivität von Europa nach Asien verlagern wolle. In den vergangenen Monaten waren wiederholt Gerüchte aufgekommen, dass sogar Vertretungen in Nord- und Osteuropa aufgegeben werden sollten. Auf den Seiten des Feuilletons herrschte Empörung.

Lähmende Situation für das Goethe-Institut

"Wir wollen uns keinesfalls aus Europa zurückziehen", stellte Limbach am Rande der Sitzung in Berlin klar. Pläne für die Schließung von Instituten gebe es auch im Auswärtigen Amt nicht, habe ihr Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) zugesichert. Demnächst wollen sich die Mitglieder des Ausschusses mit dem Minister treffen - um zu erfahren, wie Steinmeier sich die Zukunft der weltweit agierenden Institute vorstellt.

Die Zahlen sprechen für sich: Im Jahr 2006 muss das Goethe-Institut seine Aktivitäten mit nur noch 109,1 Millionen Euro bestreiten. Das sind 16 Millionen weniger als noch 2001 und nur ein Bruchteil des Haushaltes des Auswärtigen Amtes. Auch die Große Koalition hat den Trend nicht gestoppt, der sich unter Rot-Grün zuspitzte. Werbung für deutsche Kultur im Ausland bleibt das Stiefkind der deutschen Außenpolitik - während andere Staaten wie Großbritannien und Frankreich darin eine ihrer wichtigsten Aufgaben sehen.

Wie sich das Sparen konkret auswirkt, machte Limbach, einst Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, deutlich: Einzelne Vertretungen blieben für ihre Programmarbeit neben den Sprachkursen nur einige tausend Euro im Jahr. "Eine solche Situation ist lähmend für die Institutsleiter vor Ort", so Limbach im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Die Verantwortlichen vor Ort haben sich längst auf die neuen, kargen Zeiten eingestellt, wie die Anhörung im Bundestag deutlich machte. Beispiel Dänemark: Um Festkosten zu sparen, zieht das Kopenhagener Goethe-Institut in diesem Jahr in kleinere Räume um, reduziert seine Bibliothek, die sich künftig nur noch "Informationszentrum" nennt und spart sich eigene Veranstaltungsräume. "Dem Goethe-Institut fehlt so künftig die Funktion, ein einladender Ort zu sein", sagt Christoph Bartmann. Der Institutsleiter in Dänemark hofft dennoch, dass diese Maßnahme langfristig keinen negativen Einfluss haben wird.

Dabei leisten die Institute nach wie vor einen wichtigen Beitrag für die Selbstdarstellung der Bundesrepublik. Vor allem in Osteuropa ist das Interesse an deutscher Sprache groß. "Ob dieser Boom die nächsten fünf Jahre anhält, hängt maßgeblich davon ab, wie viel wir in die Strukturen vor Ort investieren", sagt denn auch die Leiterin des Goethe-Instituts in Kiew, Marion Haase. Nicht nur die Sprachkurse, sondern auch "Basisveranstaltungen" wie etwa Workshops, in denen deutsche und ukrainische Künstler zusammenarbeiten, seien gefragt. Diese seien zwar "öffentlich nicht wirksam" und "kommerziell nicht interessant", aber für die Entwicklung nachhaltiger Strukturen unerlässlich, so die Institutsleiterin.

Auswärtige Kulturpolitik grundsätzlich ändern

Wie Köche, die in einer kleinen Küche aus dürftigen Zutaten ein Vier-Gänge-Menü zaubern sollen, erscheinen die Institutsleiter in dieser Situation. Das Problem liege aber woanders, meint der Literaturchef der "Süddeutschen Zeitung", Thomas Steinfeld. "Wenn kommuniziert wird, dass man nicht mehr Geld erwartet, dann gibt es auch nicht mehr Geld". Steinfeld, einer der Gäste im Kulturausschuss, wünschte sich eine "grundsätzliche Debatte" über die auswärtige Kulturpolitik Deutschlands und sprach von Kultur als einem Bereich mit eigenem "Absatzmarkt". "Es würde die Legitimation des Goethe-Instituts stärken, wenn es sich stärker mit den kulturellen Beständen beschäftigen würde, die im Ausland als deutsch wahrgenommen werden". Es gebe ein Interesse an Hegel, Kant und Idealismus. Alle anderen Themen könnten etwa politische Stiftungen und der Deutsche Akademische Austauschdienst genauso oder besser präsentieren, so Steinfeld.

Dass die Aufgabe der Kulturinstitute selbst strittig ist, dass manche sie am liebsten als Begleitmusik der deutschen Exportwirtschaft sähen, das klang im Beitrag des ehemaligen Vorstandschefs der Deutschen Bahn, Heinz Dürr, an. Er zitierte den Satz des Goethe-Generalsekretärs Hans-Georg Knopp, wonach die Institution "ein vielgestaltiges Friedensinstrument par excellence" sei und fügte anchließend trocken hinzu: "Darunter kann ich mir alles und nichts vorstellen."

Dürr schwebt eine andere Vision vor, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ: "Wirtschaft und Kultur sind unser Schicksal." Deutschland solle sich daher ein "schlagkräftiges Instrument" für die Außendarstellung in der Welt leisten - und dies auch entsprechend finanziell ausstatten.



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