Goethe-Institut in Nordkorea Musik als "Sesam-öffne-Dich"

Das kommunistische Nordkorea gilt als eines der abgeschottetsten Länder der Erde. Mit deutscher Literatur und Musik soll die Annäherung nun glücken: Anfang Juni wird das Goethe-Institut einen Lesesaal in der Hauptstadt Pjöngjang eröffnen. Das Regime verspricht freien und unzensierten Zugang für alle.

Von Christiane Wolters


Instituts-Präsidentin Limbach: "Verständigung wird aus Wissen gemacht"
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Instituts-Präsidentin Limbach: "Verständigung wird aus Wissen gemacht"

Berlin - Die Bezeichnung klingt etwas holperig und gibt sicher auch einen Hinweis darauf, dass lange verhandelt wurde, bis beide Seiten mit ihr zufrieden waren: Eine so genannte "Vermittlungsstelle für deutsche wissenschaftliche und technische Literatur im Goethe-Informationszentrum Pjöngjang" soll es ab Juni in der nordkoreanischen Hauptstadt geben. Auf gut Deutsch ist das ein "Lesesaal" nach dem bewährten Modell des Goethe-Instituts und damit eine kleine Sensation: Denn dieser Lesesaal wird die erste westliche Kultureinrichtung auf nordkoreanischem Boden überhaupt sein.

Lesesaal als "Vorbote"

Viel Hoffnung ist mit diesem Projekt verknüpft. "Verständigung wird aus Wissen gemacht", sagt Jutta Limbach, Präsidentin des Goethe-Instituts, die den Lesesaal als "Vorboten des Kulturaustausches" sieht. Vorerst 8000 Medieneinheiten - Bücher, aktuelle Presse, Videokassetten und DVDs - werden in dem rund 150 Quadratmeter großen Raum für die nordkoreanischen Interessenten bereitstehen. Der Schwerpunkt liege dabei auf dem naturwissenschaftlich-technischen Bereich, die Hälfte der Literatur bestehe aus Fach- und Lehrbüchern. Die andere Hälfte des Medienbestandes aber wählt die deutsche Seite aus. "Dabei handeln wir völlig frei und ohne Vorgaben", sagt Limbach. Literatur, die sich mit der deutschen Vergangenheit beschäftige und auch die Teilung thematisiere, sei sicherlich besonders interessant.

Die freie Bücherauswahl ist auch in dem Vertrag fixiert, den beide Seiten unterschrieben haben. Nordkorea garantiert den deutschen Partnern zudem, den Saal im Land bekannt und allen interessierten Bevölkerungskreisen frei und unzensiert zugänglich zu machen. Diese Zusage erscheint fast unglaublich in einem Land, das seine Bevölkerung seit Jahren systematisch vom Rest der Welt isoliert. Ausländer dürfen nur in Gruppen oder mit ständiger Begleitung durch das Land reisen. Alle Besuche außerhalb der Hauptstadt müssen genehmigt werden, Kontakte mit Einheimischen sind praktisch unmöglich.

Erste Kontakte über die Musik

Uwe Schmelter glaubt trotzdem fest an den guten Willen der Nordkoreaner. "Wir gehen davon aus, dass dahinter eine gehörige Portion Ernsthaftigkeit steckt", sagt der Leiter des Goethe-Instituts in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, der gleichzeitig das neue Informationszentrum betreut.

Komponist Isang: Im Norden verehrt
Goethe Institut

Komponist Isang: Im Norden verehrt

Als Schmelter 1999 in Seoul begann, hatte wohl niemand für möglich gehalten, dass ihm von dort aus auch die Annäherung an den Norden des geteilten Landes gelingen könnte. Denn das Reich des als "Sonne der Menschheit" glorifizierten Kim Il Sung, der zwar 1994 gestorben, laut Verfassung aber "ewiger Präsident" ist, schien jahrelang immun gegen jedwede Annäherung aus dem "kapitalistischen" Westen.

Schmelter gelang die Kontaktaufnahme über die Musik. Weil der vor rund zehn Jahren verstorbene koreanische Komponist Isang Yun im Norden verehrt wird, bat er unter anderem dessen in Deutschland lebende Familie um Vermittlung. Im Jahr 2001 fanden schließlich die ersten offiziellen Gespräche in Nordkorea statt, und deutsche Musiker durften im Land auftreten und gemeinsam mit dem Isang Yun Ensemble arbeiten.

In Nordkorea gebe es eine "ausgeprägte Zuneigung zu Deutschland", hat Schmelter bei seinen verschiedenen Aufenthalten festgestellt. Die Deutschen würden aufgrund ihrer ähnlichen Erfahrungen, die sie als geteiltes Volk gemacht haben, häufig als "Wahlverwandte" angesehen. Als Folge der guten Beziehungen, die Nordkorea zu der ehemaligen DDR pflegte, sprächen im Land viele Menschen Deutsch.

Komplizierte Kommunikation

Trotz dieser traditionellen Nähe zur deutschen Kultur waren die Verhandlungen über den neuen Lesesaal nicht ganz einfach. Die Vertragsverhandlungen haben laut Schmelter neun Monate gedauert: "Das sagt schon einiges."

Isang-Ensemble: Auf Konzertreise in Deutschland
Goethe Institut

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Die Schwierigkeiten seien einerseits ganz praktischer Art und resultieren zum Beispiel daraus, dass Schmelters Arbeitsplatz in Seoul ist. Da zwischen den beiden Koreas keine normalen Möglichkeiten der Kommunikation bestehen, müsse alles zunächst über Peking gehen. Inhaltlich habe man vor allem um die Finanzierung des Lesesaals gerungen. Man habe der nordkoreanischen Seite aber deutlich gemacht, dass das Projekt keine "Einbahnstraße" sei. Konkret heißt das, dass das Goethe-Institut zwar die Medien liefert, Nordkorea jedoch das Gebäude stellt und die dort beschäftigten Ortskräfte bezahlt. Den ungehinderten Zugang zum Lesesaal versteht Schmelter auch als "Messlatte", ob die Zusammenarbeit funktioniert. Dem neuen Lesesaal sollen weitere Aktivitäten folgen: Sprachkurse sind ebenso vorgesehen wie die Unterstützung einer Ausbildungsstätte für Bibliothekare.

Roter Faden der Zusammenarbeit soll aber weiterhin die Musik bleiben, mit der alles begonnen hat - derzeit gastiert das Isang Yun Ensemble in Deutschland. "Wir hoffen, dass der Musik als Sesam-öffne-Dich nicht nur Bücher, sondern auch Gespräche folgen", sagte Jutta Limbach, als sie die Musiker am Dienstag zu ihrem ersten Konzert in Berlin begrüßte.

Weitere Konzerte des Isang Yun Ensembles finden am 15. 5. in Bonn, am 17. 5. in Bayreuth, am 18. 5. in München und am 20. 5. in Frankfurt am Main statt.



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