Politiker-Porträts von Götz Schleser Jede Falte ein Schützengraben

Die Mächtigen als Monolithen: In seinen Politikerporträts inszeniert der Berliner Fotograf Götz Schleser das Führungspersonal der Berliner Republik - und zeigt, wie sich die optischen Anforderungen an Politiker binnen weniger Jahre verändert haben.

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Weder Abraham Lincoln noch Franklin D. Roosevelt wären US-Präsident geworden, hätte während ihrer politischen Laufbahn das Fernsehen schon existiert oder die Bedeutung gehabt, die ihm in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zukam - das behauptete der Medienwissenschaftler und Bestsellerautor Neil Postman in seinem Buch "Die zweite Aufklärung". Lincoln sei schlicht zu unansehnlich gewesen. Roosevelt war infolge einer Kinderlähmung körperlich derart eingeschränkt, dass er nicht frei stehen konnte.

Postmans Buch erschien 1999, am Ende eines Jahrzehnts, in dem sich auch in der Bundesrepublik die jüngeren, smarteren Kandidaten durchgesetzt hatten: Rot-Grün verkörperte, wie zuvor Tony Blair in Großbritannien oder Bill Clinton in den USA, schon optisch die Dynamik des Neuaufbruchs.

Betrachtet man fast 15 Jahre später die politische Fotografie, hat sich das Bild zumindest in der Berliner Republik erneut grundlegend verändert. Exemplarisch zeigt sich das auf den Arbeiten des Berliner Fotografen Götz Schleser, dessen Porträts derzeit in einer Ausstellung in Hamburg zu sehen sind.

Schlesers Aufnahmen zeigen das Gegenteil jener glatten Gesichtszüge, die seit dem Aufkommen von Photoshop die öffentliche Inszenierung von Prominenten bestimmten und nach wie vor die Wahlplakate beherrschen. Auf den Nahaufnahmen von Bundespräsident Joachim Gauck, Finanzminister Wolfgang Schäuble oder Unions-Fraktionschef Volker Kauder inszeniert Schleser jedes Haar der Augenbrauen, jeden Krähenfuß, jeden Tränensack, als handele es sich dabei um Naturdenkmäler. Jede Stirnfalte ein San-Andreas-Graben, eine Narbe aus den politischen Schützengräben der Bundesrepublik.

Sehnsucht nach Orientierung

Gauck ist 73 Jahre alt, Schäuble 70 und Kauder 64 - nicht nur das Staatsoberhaupt und das Führungspersonal der Union sind weit entfernt von Jugendlichkeit, auch die FDP und die Oppositionsparteien ziehen mit Veteranen in die Bundestagswahl. Die bietet vielleicht auch deshalb kaum Wahlkampf oder gar Wahlschlacht, weil das Personal sein Geschäft schon bis zur Ermüdung betrieben hat: Rainer Brüderle ist 68, Peer Steinbrück ist 66, Gregor Gysi ist 65, Jürgen Trittin ist 59 - der gleiche Jahrgang wie die Kanzlerin.

Längst ist nicht mehr, wie in Postmans Analyse, das Fernsehen das allein entscheidende Medium für politische Karrieren. Ebenso bestimmend ist das Internet mit seiner Flut an Bildern und Nachrichten, in denen sich Krisen und Katastrophen in Echtzeit in einer Vielstimmigkeit nachvollziehen lassen, gegen das der Kriegsreporter der "Tagesschau" wie ein Relikt aus einer patriarchalischen Zeit wirkt. Doch je mehr das Publikum sich den Stürmen von Twitter und Liveticker aussetzt, desto größer scheint auch seine Sehnsucht nach Orientierung, nach dem gern beschworenen Fels in der Brandung - das scheinen derzeit vor allem ältere Politiker zu sein.

Angela Merkel dürfte auch deswegen so unangefochten amtieren, weil sie dem großen Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung bei fast allen ihren Entscheidungen Rechnung getragen hat. Ihren Höhepunkt fand Merkels Taktik im TV-Duell gegen Peer Steinbrück, als sie in ihrem Schlusswort nicht mehr versprach als Stabilität - und dann einen schönen Abend wünschte.

Götz Schlesers Fotos illustrieren diese Strategie. Geschult an Werbekampagnen oder Kinofilmen bis hin zu Francis Ford Coppolas "Der Pate" inszeniert Schleser den Mächtigen als Monolith, der sich aus dem ihn umgebenden Dunkel erhebt. Es ist eine ernste Welt, die Schleser zeigt, und eine Männerwelt. Das Lachen der wenigen von ihm porträtierten Politikerinnen wirkt aufgesetzt, am stärksten erscheinen bei Schleser jene Frauen, die sich einer maskulinen Pose bedienen. Der Alltag bleibt ausgesperrt. Verirren sich, wie auf einer Aufnahme Schlesers von Bundespräsident Gauck, einmal Wähler ins Bild, wirken sie wie Staffage.

Häme wegen der Badehose

In der Weimarer Republik entzündete sich die Häme der antidemokratischen Rechten auch an einer Fotografie, die den damaligen Reichspräsidenten Friedrich Ebert in Badehose zeigte. Das Staatsoberhaupt in einer Jedermanns-Pose - für Monarchisten undenkbar. Schließlich waren weder der Kaiser noch sein Eiserner Kanzler jemals von ihrem Sockel heruntergestiegen.

Jahrzehnte nach Ebert versenkte der damalige Verteidigungsminister Scharping seine Karriere mit Fotos im Pool. In der politischen Fotografie der bundesdeutschen Gegenwart wären derartige Aufnahmen schwer vorstellbar. Schlesers Arbeiten sind prototypisch für den Fotojournalismus der Berliner Republik: Hier wird nicht demaskiert, sondern inszeniert. Es geht um die Herrschaft über das strategisch platzierte Einzelbild, das Suchmaschinen millionenfach wiedergeben. Je prägnanter dieses Bild ausfällt, desto besser. Ein Typus wie Abraham Lincoln mag im Nachhinein als nur bedingt fernsehtauglich erscheinen - in der politischen Porträtfotografie der Gegenwart wären seine markanten Züge von Vorteil.

So knorrig wie er, der längst als größter aller US-Präsidenten gilt, zeigt sich auch die bundesdeutsche politische Klasse der Gegenwart: Keine schnöden Volksvertreter, sondern Entscheider, wenn nicht Regenten. Ihre Anmutung hat etwas Vordemokratisches und erzählt so nicht nur von den Gewählten, sondern auch von denen, die sie wählen - und von deren Sehnsucht nach Autorität.


Götz Schleser, "Politische Porträts", bis 10. Oktober 2013 in der Freelens-Galerie, Hamburg



insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
schnuffschnuff 05.09.2013
1.
Gauck ein Mächtiger dieser Republik, ein Beherrscher des Zeitgeschehens??? Selten so gelacht. Ich weiß gar nicht was hier schlimmer ist, die Fotos oder die Kommentare darunter. Fiffi R. ein Macher... Schmerz lass nach.
andi_1971 05.09.2013
2. Wer schreibt hier die BUs???
Also, ja, darüber habe ich mich allerdings auch gewundert... Was bitte sind denn das für sinnfreie Bildunterschriften? Nicht jeder, der sich berufen fühlt, ist denn auch der kommende Hemingway. Also: Finger von der Flasche, kurz in sich gehen, dann schreiben...
Thomas Mank 05.09.2013
3. Interessante
Bilder und ein dem angemessener Artikel. Zugleich wird aber auch deutlich, dass beispielsweise die Interpretation bzw. Deutung der Bilder durch die markanten Untertitel des Autors eine wesentliche Funktion für das Verständnis haben. Mag sein, dass der Autor hier gewissermaßen stellvertretend für den Betrachter, sprich Wähler gehandelt hat; aber auch ohne dieses Zutun hätten die Bilder eine starke Ausstrahlung, allein schon durch die auffällige Inszenierung mithilfe der fotografischen Mittel. In jedem Fall interessant.
Ronald Dae 05.09.2013
4. Mehr Charakter-Portraits
Kleiner Tipp: Wer sich für die faltigen Portraits in Nahaufnahme begeistert, der wird auch hier fündig: http://www.daedalus-v.de/portfolio.cfm
priexo 05.09.2013
5. Roosevelt?
Wer war denn Francis (sic!) D. Roosevelt?
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